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„Irgendetwas stimmt hier nicht…!“ – wie sich die Edathy-Wut im Web entlädt

Sebastian Edathy (l.), Til Schweiger

Nachdem das Gerichtsverfahren gegen den früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften gegen eine Geldauflage eingestellt wurde, schlagen die Wogen im Web hoch. Eine Online-Petition gegen die Einstellung des Verfahrens findet schnell Zuspruch, Prominente wie Til Schweiger oder Hans Sarpei befeuern den Volkszorn. Justiz und Bürger haben sich entfremdet.

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Viele empfinden die Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen Sebastian Edathy gegen eine Geldzahlung von 5.000 Euro offenbar als große Ungerechtigkeit. Im Internet wird immer wieder zwischen Edathy und dem Fußballer Marco Reus verglichen. Reus wurde wegen Fahrens ohne Führerschein zu einer Geldstrafe von 540.000 Euro verurteilt. Die Logik des Volkszorns: Ein angeblicher Kinderpornograf kommt mit vergleichsweise läppischen 5.000 Euro davon, wer ohne Führerschein fährt, muss eine halbe Million zahlen. So ist es freilich nicht.

Der Großverdiener Reus wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, die Höhe der Strafe richtete sich dabei nach seinem Einkommen. Edathy wurde nicht verurteilt, das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, er ist nicht vorbestraft. Auch hier bemessen sich die 5.000 Euro Geldauflage an seinen Einkommensverhältnissen. Einigen prominenten Zeitgenossen, wie dem gerade umtriebigen Schauspieler Til Schweiger, ist das zuviel an Differenziertheit. Er legte auf Facebook los: „Reus ist ohne Fahrerlaubnis gefahren, hat aber niemand verletzt….Edathy hat einen Führerschein und hat zwar direkt auch niemand verletzt, aber er hat Videos konsumiert, die so viele Kinder direkt verletzt und zerstört haben…er bezahlt 5000 und Reus 500 000! Irgendwas stimmt hier nicht….! Ich bin wütend…!!!“

Der Beitrag hat bei Facebook über 80.000 Likes und wurde fast 12.000 mal geteilt (Tendenz: steigend). Noch mehr Zuspruch finden die Ausfälligkeiten des „Berlin Tag & Nacht“-Darstellers und Ex-„Promi Big Brother“-Insassen Jan Leyk. Der schreibt auf Facebook u.a.: „Ich hoffe, dass dieser perverse Bastard an jedem Ort auf diesem Planeten bespuckt und mit Steinen beworfen wird…..!!!
Statt Eier in der Hose haben und sich selbst das Eingeständnis zu machen (die Worte seines Anwalts interessieren mich einen Dreck) , ein psychisch kranker Mensch zu sein, der dringend Hilfe benötigt, redet er sich aus einer eindeutigen Beweislage raus wie ein feiger, widerwertiger Dreckspedo und wird es somit immer wieder und wieder tun!!!
Noch mehr ekelt mich ein Richter an, der eine 5000€ Geldstrafe verhängt, die Edathy aus der Portokasse zahlen kann, und der es somit für milde erachtet, dass sich ein erwachsener Mann über Jahre angeguckt hat, wie wehrlose Kinder gef***ckt werden!! In was für einer kranken, abstossenden Welt leben wir eigentlich???“ Über 125.000 Likes und fast 25.000 Weiterleitungen sind die Quittung für diese Unflätigkeiten.
Auch der Ex-Fußballer Hans Sarpei und SPD-Vize Ralf Stegner meldeten sich mit Wut im Bauch zu Wort:

Und auf der Plattform OpenPetition.de wurde eine Online-Petition gegen die Einstellung des Edathy-Verfahrens initiiert. Innerhalb kurzer Zeit hat die Petition über 60.000 Unterstützer gefunden. Der Verfasser der Petition regt sich in der Erklärung auf, dass die Einstellung des Verfahrens ein Freibrief für Pädophile sei und auch die Summe von 5.000 wird erneut als zu niedrig empfunden.

Es ist eine schwierige Sache mit der Justiz und dem Volksempfinden. Schon bei „normalen“ Gerichtsverfahren finden Entscheidungen der Justiz häufig wenig Verständnis beim Publikum. Wenn es um Fälle im Umfeld der Pädophilie geht, hakt die Volksseele programmgemäß immer aus. Justiz und Strafverfolgung haben sich in der ganzen Edathy-Affäre wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert, trotzdem mag es gute Gründe gegeben haben, das Verfahren einzustellen. Nach allem, was man weiß, ist unklar, ob Edathy überhaupt strafbares Material besessen hat. Die Staatsanwaltschaft wird ihre Gründe gehabt haben, einer Einstellung des Verfahrens zuzustimmen. Edathy selbst dürfte es hauptsächlich auf ein schnelles Ende angekommen sein. Das Urteil der Öffentlichkeit über ihn war schon vor Beginn des Verfahrens gefällt.

Die Unabhängigkeit der Justiz ist ein hohe Gut, das nicht angetastet werden darf. Diese Unabhängigkeit sorgt aber auch dafür, dass sich die Justiz kaum Mühe gibt, ihre Entscheidungen und Entscheidungsfindungen nachvollziehbar zu kommunizieren. Das sät Misstrauen gegenüber einer der wichtigsten demokratischen Institution. Die Bürger und ihre Justiz haben sich entfremdet. Das gewaltige Echo, das die Sozialen Medien des Internet erzeugen, wirkt dabei als Verstärker. Bei einem Fall wie dem Verfahren gegen Sebastian Edathy lässt sich dieses besorgniserregende Phänomen wie unter einem Brennglas betrachten.

Die Justiz sollte sich dringend angewöhnen, mehr und verständlicher mit den Leuten zu sprechen.

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