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Leser-Dialog: Spiegel-Autor Schnibben spendet Bonuszahlung für Dinner mit Kritikern

Im Spiegel gehen scheinbar verrückte Dinge vor sich. Das Magazin, das über Jahrzehnte eher sparsam im Dialog war, entdeckt die Leser. In einem langen Text setzt sich Cordt Schnibben mit dem Verhältnis zwischen Rezipienten und Journalisten auseinander. Seine Analyse gipfelt nicht nur in einem Appell, die eigenen Positionen zu überdenken, sondern auch in einer ungewöhnlichen Diner-Einladung an hunderte seiner Leser-Kritiker.

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Nach außen wirkte der gedruckte Spiegel bislang meistens so, als ob er die Meinung der Leser weitestgehend ignoriere. Es gab zwar einen Bereich für Briefe an die Redaktion, aber das war es dann auch schon. Selbst als die Redaktion im Herbst 2012 ein eigenes Blog einrichtete, entstand keine echte Kommunikation. Ein Umstand, der nicht an dem Willen der Rezipienten scheiterte, sondern vielmehr am andauernden Desinteresse der Hamburger an der Existenz einer solchen Kommunikations-Plattform.

Mit dieser Attitüde waren die Hamburger allerdings auch nicht allein. Lange galt dies grundsätzlich für die Qualitätsmedien. Ob nun Zeit, FAZ oder eben auch den Spiegel.

Mit dem Start der neuen Chefredaktion änderte sich zuerst der Umgang mit dem Blog. Jetzt folgt zudem ein spannender langer Beitrag von Cordt Schnibben in der aktuellen Ausgabe. In dem Stück besucht der Star-Autor nicht nur Claus Kleber, Richard Gutjahr und Wolf Schneider, sondern beschäftigt sich vor allem mit dem geänderten Verhältnis zwischen Journalisten und Lesern. Durch die Digitalisierung sind – so seine Einschätzung – die Käufer viel mächtiger „als vielen“ Journalisten „lieb ist“.

Schnibben stellt fest, dass sich in der letzten Zeit der Ton zwischen Lesern und Autoren erheblich verschärft hat. Offensichtlichster Ausdruck dieser Entwicklung waren die Tausenden, die jeden Montag durch Dresden zogen und „Lügenpresse, Lügenpresse“ brüllten.

Schnibben selbst musste sich in jüngerer Vergangenheit gleich doppelt besonders heftigen Leser-Reaktionen stellen. Zum einen sorgte seine Abrechnung mit dem ehemaligen Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner für eine heftige Diskussion um den Umgang der Redaktion und der Öffentlichkeit mit der Personalie. Zum anderen schrieb der 64-Jährige einen aufsehenerregenden Text über seinen Vater und dessen Nazi-Vergangenheit. „Bis heute bekomme ich Mails und Briefe zu diesem Text“, schreibt Schnibben im aktuellen Spiegel. „Mit Informationen über den Nazi-Freundeskreis, mit dem mein Vater nach seinem Zuchthausaufenthalt Nazi-Größen nach Südamerika schleuste; mit Hinweisen auf Verbrechen anderer Art; aber auch mit Kritik daran, dass man als Sohn nicht so selbstgerecht über seinen Vater urteilen dürfe“.

Für den Hamburger ist klar, dass „wir Journalisten begreifen müssen, dass wir in Zeiten der Digitalisierung in den Lesern mehr sehen müssen als zahlende Kunden, wenn wir auch zukünftig ihr Geld kriegen wollen“. Immerhin seien sie Experten, Gesprächspartner, Themengeber und manchmal sogar Rechercheure. „Aber auch Kritiker, Korrektoren, manchmal Nervensägen, in jedem Fall ist ihnen unser Blatt so viel wert, dass sie mehr verdient haben als nur unsere höfliche Aufmerksamkeit.“

Tatsächlich will er ihnen sogar mehr als nur seine Aufmerksamkeit schenken. Der 64-Jährige feiert gerade sein 25-jähriges Jubiläum beim Nachrichtenmagazin. Das ist für ihn bestimmt nicht nur emotional eine feine Sache, sondern auch finanziell. So bekommt er zu seinem silbernen Spiegel-Jubiläum eine „Treueprämie“. Diese will Schnibben jedoch nicht für sich allein verwenden. Stattdessen will er sie nutzen, um zumindest einige Leser kennen zu lernen und zum Spiegel einzuladen.

Dazu sollen Interessierte ihm schreiben, was „wir“ besser machen sollen, „loben Sie, wenn es nicht anders geht. Hunderte von Ihnen kann ich zu einem Leser-Dinner einladen, so weit reicht das Geld der Treueprämie.“ Doch bevor in der Spiegel-Kantine getafelt wird, soll noch mit der Chefredaktion und der Dokumentation getafelt werden.

Schnibben ist davon überzeugt, dass Journalisten „keine Türsteher mehr sein sollen, die entscheiden, was wie in die Köpfe ihrer Leser kommt; Journalisten sollten sich als Lieferanten sehen, die heran schleppen, was ihre Leser vielleicht in ihre Köpfe hereinlassen.“ In diesem konkreten Fall, sieht er sich wohl als Kellner. Hoffentlich schmeckt den Lesern-Kritikern dann auch, was der Spiegel auftischt.

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