Anzeige

Zu schön, um wahr zu sein: Zuckerbergs Traueranzeige für Oma Ella aus Amberg

In der vergangenen Woche dürften beim Studium der Todesanzeigen der Amberger Zeitung vieler Leser gestutzt haben. Denn in einer kondolierte niemand geringerer als Facebook-Boss Mark Zuckerberg Eleonore Kastner, die gerade im Alter von 105 Jahren gestorben war. Grund: Oma Ella soll das älteste aller Facebook-Mitglieder gewesen sein. Obwohl B.Z. oder Focus begeistert berichteten, ist die Echtheit der Anzeige – vorsichtig formuliert – nicht ganz eindeutig.

Anzeige

„In liebevoller Erinnerung an das älteste Facebook-Mitglied“, schreibt der angebliche Zuckerberg: „Wenn Liebe Dich hier hätte halten können, Du wärst unsterblich gewesen. Deine Liebe wird immer in unseren Erinnerungen und unseren Herzen sein. Wir vermissen Dich sehr.“ Unterzeichnet ist die Trauer-Botschaft mit „Facebook Palo Alto 20.02.2015 M. Zuckerberg, Ales & Anette Rejha“.

Zudem zeigt die Anzeige auch ein Bild von Kastner, auf dem sie ein Kissen mit einem aufgedruckten Like-Daumen in der Hand hält.

Obwohl Oma Ella tatsächlich als ältestes Facebook-Mitglied galt, dürfte der Absender der Anzeige wohl kaum wirklich Mark Zuckerberg sein. Gleich mehrere Indizien sprechen dagegen. Erstens: Facebook sitzt nicht in Palo Alto, sondern in Menlo Park. Zweitens: Das ganze Layout ist an Piefigkeit kaum zu toppen. Kein junger, hipper Tech-Milliardär würde ein solches Layout durchgehen lassen. Drittens: Fragt man bei Facebook selbst nach, sagt das Unternehmen zwar, dass man von der Existenz der Todesanzeige wisse, aber man könne weder bestätigen noch dementieren, dass der Gründer tatsächlich hinter der Annonce steckt. Viertens: Wer sind Ales & Anette Rejha? Fünftens: Gegenüber Bravo erklärte die Amberger Zeitung bereits, dass jeder eine Anzeige aufgeben könne und sie auch nicht wissen würden, ob tatsächlich der Web-Promi öffentlichkeitswirksam in der kleinen Lokalzeitung trauert. Das hielt natürlich B.Z oder Focus nicht von Zeilen wie „Facebook-Chef trauert um unsere Oma Ella“ oder „Deutsche wurde 105: Zuckerberg schaltet Todesanzeige für älteste Facebook-Userin“ ab.

Zusammengefasst: Alles sehr seltsam, aber höchst unterhaltsam. Also fast wie im echten Leben von Eleonore Kastner. Denn bei Oma Ella handelt es sich vor allem um ein interessantes Medienphänomen. So gehörte sie dank ihres Alters und diverser Besuche irgendwie zur ESC-Familie des Eurovision Song Contests. Zudem sammelte sie Ehrungen, Preise und Audienzen, wie andere Briefmarken oder Facebook-Freunde. So empfing sie offenbar der Dalai Lama genauso wie der Papst. Auch das Fürstenfest von Liechtenstein freute sich angeblich über Ella als Ehrengast. Immer wieder fand sich eine Zeitung, die über die rüstige Rentnerin, die laut Bild „keine Sause ausließ“, berichtet. Selbst als sie nach dem Münchner Oktoberfest im vergangenen Jahr, mit einer Lungenentzündung ins Beeskower Krankenhaus eingeliefert wurde, war das der Märkischen Online-Zeitung eine Story wert.

Kastners medialer Türöffner war immer die Geschichte, dass sie meist die einzige Ü-Hundert-Besucherin eines Events war. Ob das nun der ESC oder das Oktoberfest war.

Die letzten Jahre ihre Lebens wohnte sie Berlin. Davor verbrachte sie allerdings die meiste Zeit im oberpfälzischen Amberg. Deshalb wurde sie auch dort beigesetzt und deshalb erschien die angebliche Zuckerberg-Anzeige auch im ortsansässigen Lokalblatt.

Die ganze lebensfrohe Skurrilität der Ella-Schnurre wird jedoch erst beim Blick in die Facebook-Kondolenz-Seite für die FB-Oma erlebbar. Die Videos von der Beerdigung zeigen einen fast schon herzergreifenden Mix aus Kitsch, Anteilnahme und Surrealität. Der katholische Priester hält eine Trauerrede, es wird inbrünstig „Knockin‘ on Heaven’s Door“ gesungen, ein buddhistischer Mönch aus dem Königreich Bhutan führt einen Tanz mit Totenmaske auf und errichtete zudem extra noch einen Opferaltar mit „Butterlampen und Gebetsfahnen“. Dabei stand das ganz Spektakel noch auf der Kippe, wie die B.Z. zu berichten weiß: „Um die Trauerfeier hatte es im Vorfeld Ärger gegeben. ‚Auch im Königreich Butan verehrte man Oma Ella, darum wollte der buddhistische Mönch ihr zu Ehren bei der Trauerfeier ein Lied und einen Tanz vortragen’, so der Enkel. Die Kirche erklärte daraufhin, dass eine katholische Trauerfeier ‚keine interreligiösen Akzente‘ enthalten dürfe und nur nach einem vorgeschriebenen liturgischen Ritual abgehalten werden könne. Immerhin fanden die buddhistischen Tänze und Gesänge statt.“

Natürlich dokumentiert das FB-Kondolenzbuch auch die vielen Traueranzeigen. Und da ist Mark Zuckerberg wieder. Seine angebliche Annonce findet sich in bester Gesellschaft. Sie ist auf einer Seite mit der Abschieds-Anzeige des Tourismus-Direktors aus Bhutan und der Eurovision Song Contest & OGAE e.V., die auch im Namen des mächtigen ESC-Bosses Jan Ola Sund unterzeichnet ist.

Spätestens beim Scrollen durch die Seite wird klar, dass es wirklich fast schon keine Rolle spielt, ob Zuckerberg nun wahrhaftig kondolierte oder nicht. Oma Ella erreichte offenbar nicht nur die Boulevard-Redaktionen, sondern auch die Herzen einiger echter Menschen. Auf der Sonderseite fällt besonders ein Bild der FB-Ältesten auf. Auf dem hält sie ein Schild mit dem Spruch: „Happiness is not a destination, it is a way of life“.

Anzeige