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“#Beckmann”-Premiere – das Übermaß an (Selbst-)Inszenierung

Reinhold Beckmann in "#Beckmann"

Die erste Folge der neuen Reportage-Reihe “#Beckmann” in der ARD zu rezensieren, fällt nicht ganz leicht. Einerseits sind da beeindruckende Bilder und der erkennbare Wille, ein ernsthaftes Format für wichtige Themen zu schaffen. Andererseits ist da ein Übermaß an (Selbst)-Inszenierung des Ex-Talkers Reinhold Beckmann.

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Reinhold Beckmann wie er schaut. Beckmann, wie er Schals trägt. Beckmann, wie er durch Flüchtlingslager schreitet. Beckmann, wie er neben vor Horror stumm gewordenen Kindern sitzt. Beckmann, wie er ein Handyvideo eines Kleinkindes auf einem zersprungenen Display anguckt. Beckmann, wie er mit der Verteidigungsministerin im Truppentransporter hockt.

Es handelt sich bei “#Beckmann” ganz unzweifelhaft um eine so genannte Presenter-Reportage, bei der der Präsentator per Definition eine sichtbare Rolle spielt. Der Zuschauer soll das Geschehen bei einem solchen Format gleichsam als Begleiter des Presenters am Bildschirm “miterleben”. Der Presenter führt den Zuschauer, nimmt ihn mit. Die Verlockung der Über-Personalisierung ist da stets gegeben. Bei “#Beckmann” wurde dem hemmungslos nachgegeben. Das Problem wird schon beim Begleitmaterial zur Sendung ersichtlich. Werbeplakate mit dem betroffenen Beckmann. PR-Fotos vom ernst schauenden Beckmann, umringt vom Kamerateam. Wie es dezenter geht, zeigte beispielsweise das Rechercheteam von NDR und Süddeutscher Zeitung mit dem sehr guten kleinen Film “Das Phantom des IS-Terrors – wer ist Abu Bakr Al-Baghdadi?”, der neulich als “Weltspiegel extra” lief.

Bei “#Beckmann” ist der Presenter in vielen Einstellungen schlicht über-präsent, ohne dass es dafür einen erzählerischen Grund gibt. Gleichzeitig legte die Regie großen Wert auf Emotionalisierung. Große, traurige Kinderaugen immer und überall. Das Schicksal der verfolgen Jesiden ist schlimm, die Schicksale tragisch – das darf und soll man auch dokumentieren. Teilweise fiel es aber schwer, den Sprüngen zwischen Oldenburg, dem Nord-Irak, dem Interview mit Ursula von der Leyen, dem Bundeswehr-Camp in Erbil und Bad Oeynhausen zu folgen. Hier schoss ein Jesiden-Kämpfer in die Luft, da wurde eine nicht näher erläuterte religiöse Zeremonie vollzogen, schon knatterte Jemand mit einem Bundeswehr-Maschinengewehr auf Zielscheiben.

Das Beckmann-Team produzierte dabei herausragende Bilder, was fehlte, war ein stringenter Faden, der die Bilder zu einem Ganzen verwoben hätte. Es gab zu viele Schauplätze, zu viele Figuren.  Die Bundes-Ursel beispielsweise hätte man getrost weglassen können. In erster Linie dürfte sich die Ministerin über die schöne Plattform zur Primetime gefreut haben – im Verteidigungsministerium ist es ja sonst oft eher schwierig mit den Medien.

Ein bisschen weniger Beckmann-Ego und Tränendrüsen-Drückerei und ein bisschen mehr Sorgfalt bei der Erzähltstruktur und – ja – Fakten, würden “#Beckmann” gut tun.

Vieles blieb nur angerissen. Zum Beispiel, wie genau die jungen Männer aus Bad Oeynhausen nun genau an die IS-Front gekommen sind. Eben noch in der gut geheizten Wohnung, jetzt mit Schutzweste im Kampfanzug. Dazwischen lag nur ein Schnitt. Am Ende lieferte ein Priester den armen Leuten in den Beton-Rohbauten dringend benötigte Hilfsgüter und auch der Hilfslaster aus Oldenburg rumpelte heran. Beckmann umarmte den Priester. Irgendwie wirkte es, als ob Beckmann das alles gemanagt hat. “Was wird aus diesem Krieg, der längst unser Krieg geworden ist?”, fragte er. Man weiß es nicht. Abspann und wenn man nicht schnell genug an der Fernbedienung war, debattierte bei “Hart aber fair” auch schon Uschi Glas zum selben Thema.

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