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SZ-Leaks-Blogger: „Die Anzeigenabteilung hat alle Artikel auf meinen Seiten gegengelesen“

Sebastian Heiser erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber, die Süddeutsche Zeitung

Die „SZ Leaks“-Geschichte beschäftigt die Branche. Sind die Erlebnisse des taz-Redakteurs und ehemaligen SZ-Mitarbeiters Sebastian Heiser über eine Vermischung von Werbung und Redaktion im Beilagen-Ressort der SZ ein Skandal oder Normalität oder beides? Im Interview mit MEEDIA spricht Heiser über die Reaktionen auf seine Geschichte, seine Motivation und er bekräftigt, dass seine redaktionellen SZ-Texte von der Anzeigenabteilung gegengelesen worden seien.

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Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Veröffentlichung von „SZ-Leaks“ erhalten?

Viele Anrufe und Mails von Journalisten, die mal für solche Seiten gearbeitet haben oder es noch machen. Ein paar schütten mir ihr Herz aus, ein paar wünschen sich, dass ich auch ihre Geschichte veröffentliche – und alle finden es gut, dass mal jemand über das Thema spricht.

Es gibt im wesentlichen drei Argumente, die immer wieder genannt werden, und die gegen Ihre Veröffentlichung sind: 1. Warum erst acht Jahre später?

Ich hätte das gerne früher veröffentlicht, fand dafür aber kein Medium. Ich habe mich lange gescheut, das privat zu machen. Es gibt da dieses alte Sprichtwort: Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter. Aber inzwischen hat sich der Wind doch ganz deutlich gedreht. Steuerhinterziehung gilt nicht mehr als Kavaliersdelikt. Und Whistleblowing ist gesellschaftlich akzeptierter, ironischerweise auch durch die ganzen von der SZ veröffentlichten Leaks.

2. Kollegen verdeckt ausspähen ist mies …

Stimmt. Das sollte man nur machen, wenn es um Missstände geht, die noch sehr viel erheblich mieser sind und von denen die Öffentlichkeit sonst nie etwas erfahren hätte.

Und 3. Jeder weiß, dass das so oder so ähnlich bei Beilagen läuft. Was sagen Sie zu den Punkten?

Das weiß jeder Journalist, ja. Leider spricht nur niemand öffentlich darüber.

Einer ihrer Vorwürfe ist, dass die SZ Schleichwerbung für Steuerhinterziehung betrieben habe. Dabei geht es um die Sonderseite Geldanlage im Ausland vom 30. Mai 2007. In ihrem Artikel schreiben Sie „Ein anderer Artikel beleuchtet, dass es derzeit noch keinen grenzüberschreitenden Informationsaustausch der Finanzbehörden gibt. Sprich: Im Ausland ist das Geld sicher vor dem deutschen Fiskus.“ Auf der Seite habe ich keinen Artikel gefunden, der das beleuchtet. Welchen Artikel, welche Passage meinen Sie damit genau?

In dem Artikel unten auf der Seite steht, dass die neue Steuer-Identifikationsnummer in Deutschland für alle Bundesbürger schon beschlossen ist und zum 1. Juli 2007 in Kraft tritt. Im letzten Absatz steht: „Nach Auskunft des Bundesfinanzministeriums soll nämlich die neue Steuer-ID auch den Datenaustausch speziell mit Finanzbehörden im Ausland erleichtern. Die dafür notwendigen Gesetze und Verordnungen durch Bundestag und Bundesrat zu bringen, wäre dann der nächste Schritt.“ Daraus ergibt sich, dass es diese Gesetze und damit diesen Datenaustausch derzeit noch nicht gibt.

Warum haben Sie der SZ vor der Veröffentlichung keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben?

Um dann beide Sichtweisen ausgewogen darstellen zu können? So nach dem Motto: „Nach Darstellung von mir selbst ist die Redaktion käuflich. Nach Darstellung der SZ dagegen sind diese Vorwürfe falsch und die Redaktion entscheidet nur nach den höchsten berufsethischen Standards“? Das ergibt doch keinen Sinn. Ich weiß, was ich damals erlebt habe – und das habe ich aufgeschrieben.

SZ-Vize-Chefredakteur Wolfgang Krach hat uns gegenüber bestritten, dass Artikel des Sonderthemen-Ressorts der Anzeigenabteilung zur Abnahme vorgelegt werden. In Ihrem Beitrag beschreiben Sie für einen Fall, dass es so war (Pioneer). Es steht Aussage gegen Aussage …

Die Anzeigenabteilung hat alle Artikel auf meinen Seiten vor dem Abdruck gegengelesen. Dies war auch bei Kollegen in meinem Ressort so, und wir haben es gehasst. Mir ist unbegreiflich, wie die SZ das leugnen kann.

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