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Was das langweiligste Dschungelcamp ever, ever, ever für RTL bedeutet

Dschungelkönigin 2015: Maren Gilzer mit Sonja Zietlow (r.) und Daniel Hartwich

Maren Gilzer ist also Dschungelköniging bei der RTL-Show “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!”. Die Quoten für das aktuelle Finale waren die schlechtesten seit 2009, mit 7,43 Mio. Zuschauern aber immer noch gigantisch gut. Der Zustand der quotenstärksten RTL-Show ist symptomatisch für den ganzen Sender und die Branche.

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Es musste so kommen. Irgendwann. Die Dschungelshow “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” hat RTL über viele Jahre hinweg zuverlässig absolute Traumquoten zum Jahresbeginn beschert und damit das Fundament für hervorragende Jahres-Marktanteile gelegt. Auch inhaltlich boten die vergangenen Staffeln oftmals Spitzenunterhaltung auf hohem Niveau. Es gibt und gab zwar immer eine Fraktion derjenigen, die den Wert dieses Formats nicht erkennen wollen oder können – für die gibt es aber immer noch die Lektüre der garantiert dschungelfreie Wochenzeitung Die Zeit.

Das angeblich langweiligste Dschungelcamp aller Zeiten scheiterte diesmal nicht zuletzt auch an den mittlerweile Mount-Everest-artig angewachsenen Erwartungen der Fans des Formats. Walter Freiwald Psycho-Freakshow, Sara Kulkas Depri-Anfälle, Maren Gilzers Fress-Attacken, Tanja Tischewitschs Gesichts-Limbo – nach Dschungel-Maßstäben war das relativ öde. Man hat das alles halt schon mal besser gesehen.

So ähnlich geht es dem ganzen Dschungelsender RTL. Die Bilanzen stimmen, die Shows laufen noch. Doch die Luft entweicht, es fehlt das Frische, das Neue, das Begeisternde. Es fehlt das Versprechen auf die Zukunft. Die letzte TV-Show, die ansatzweise eine solche Aufbruchsstimmung erzeugen konnte, war “The Voice of Germany” bei der Konkurrenz von ProSiebenSat1. Aber auch “The Voice” leidet schon wieder unter Zuschauerschwund. Letztlich ist es eben doch auch “nur” wieder eine Castingshow. Es ist verdammt schwer geworden, ein neues, nachhaltiges TV-Format zu finden, das eine sehr große Zahl von Zuschauern über einen langen Zeitraum hinweg begeistert. Vielleicht ist es sogar unmöglich.

Da können die Sender wie RTL und Sat.1 nicht einmal unbedingt was dafür. Es ist dieser vermaledeite Medienwandel. Digitalsender, Video-on-Demand-Angebot, YouTube fragmentieren die Aufmerksamkeit und Zeitbudgets der Zuschauer in immer kleinere Einheiten. Das Angebot an bewegter Bild-Zerstreuung, es war noch nie so groß wie heute. Gleichzeitig gibt es immer weniger so genannte Lagerfeuer – also große TV-Events, die große Zuschauermassen gleichzeitig vor den Fernseher ziehen.

Das ZDF hat mit “Wetten dass..?” ein solches Lagerfeuer jüngst verlöschen lassen. Spitzen-Fußball hat noch diese magische Kraft, ist aber derart teuer, dass er profitabel kaum zu zeigen ist und darum vor allem eine Domäne der öffentlich finanzierten Sender ARD und ZDF. Die ARD hat mit dem sonntäglichen “Tatort” noch eines dieser seltenen Lagerfeuer im Programm. Aber sonst?

Die ersten Shows von “Deutschland sucht den Superstar” waren noch echte Ereignisse. Mittlerweile ist die Reihe eine Nummern-Revue mit hohem Trash-Faktor und würde eher zum “Frauentausch”-Kanal RTL II passen. Die Dschungelshow hat noch Ereigniskraft aber der Beigeschmack des Niedergangs ist nicht zu ignorieren.

Sat.1 probiert ab 23. Februar mit “Newtopia” mal wieder, einen großen Wurf zu landen. Inklusive 24-Stunden-Kamera-Betreuung, Pay-Elementen und 360-Grad-Gedöns. Das Setting der Show mutet an wie eine Mischung aus Dschungelcamp und “Big Brother”. Kandidaten (keine Promis!) sollen auf einem abgelegenen Geländer mit einer Lagerhalle fast aus dem Nichts eine funktionierende Gesellschaft aufbauen. Auch das ist also eine Variation von bereits bekannten TV-Themen – allerdings mit gehörig Aufwand in Szene gesetzt.

Hoffen wir mal für Sat.1 dass sie mit dem Konzept nicht so baden gehen wie RTL mit “Rising Star”, einer aufwändigen, interaktiven Variante des Casting-Themas, das sich im vergangenen Jahr als große Hoffnung gezündet wurde und als Megaflop unsanft landete.

Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht verwunderlich, dass RTL-Group-Chefin Anke Schäferkordt nach Ablauf der jüngsten Dschungelstaffel in der FAZ verkündete, dass es 2016 selbstverständlich wieder ein Dschungelcamp geben wird. Dem Format würde es vermutlich besser tun, wenn es eine Saison pausieren würde (RTL hat 2010 auch auf das Dschungelcamp verzichtet). Doch das geht heute aber nicht. Langmut ist keine Option. Die alten Milchkühe müssen gemolken werden, so lange keine neue Milchkuh im Stall steht.

Schlimmer noch: Die Bild berichtete über Gerüchte, dass der Sender für den Sommer eine Art Dschungel-Spin-off plant, in dem sich Z-Promis für das echte Camp qualifizieren können. Würde das kommen, würde das den Niedergang des Dschungelcamp-Formats vermutlich eher beschleunigen.

Hinter all dem lauert ein gerütteltes Maß an Verzweiflung. Die Alt-Stars “DSDS”, “Supertalent”, Dschungel und das noch frischere “Let’s dance” laufen zwar noch – haben ihren Zenit aber erkennbar überschritten. Der Trend bei fiktionaler Unterhaltung geht zu Video on Demand (VoD) und Pay-TV. VoD, Pay und die Öffentlich-Rechtlichen decken, wenn man so will, den Premium-Sektor des Bewegtbild-Marktes ab.

Am anderen Ende der Skala läuft Trash im weitesten Sinne. Also in erster Linie billig produziertes Bewegtbild. Dazu gehört Vieles, was kleine Nischensender zeigen, YouTube oder auch die Erfolgsformate von RTL II “Berlin Tag & Nacht” und “Köln 50667”. RTL hat versucht, diese spezielle Form der Scripted-Reality-Shows höherwertiger mit “Berlin Models” zu adaptieren – ein Versuch, der mit einer Quotenkatastrophe und der schnellen Absetzung endet.

Die großen deutschen Privatsender stehen hier vor einem strategischen Dilemma, das sich noch nicht in den Bilanzen niederschlägt. Noch nicht. Die Vergangenheit von RTL war wirtschaftlich betrachtet eine Wundergeschichte. Die Gegenwart ist solide und ertragreich. Die Zukunft ist ein unentdecktes Land. Das macht viele in der Branche nervös.

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