Anzeige

Mut und Kritik: Warum Jürgen Todenhöfers IS-Interview wichtig ist

Jürgen Todenhöfer – zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt war er mal Rechtsaußen bei der CDU und Heftchen-Vorstand bei Burda. Jetzt hat ein anderer Todenhöfer in Mossul einen deutschen IS-Terroristen interviewt. Das Interview war RTL und n-tv eine Sondersendung wert und wurde von “JT” bei Facebook veröffentlicht. Im Anschluss gab es reichlich Kritik, dass Todenhöfer den Terroristen eine Plattform geboten habe. Zu Unrecht.

Anzeige

Jürgen Todenhöfer hat sich in seinem dritten Leben – nach seiner Zeit als Politiker und Medienmanager – einen Namen gemacht als friedensbewegter Publizist und manchmal sehr verständnisvoller Nahost-Auskenner. Man muss mit seinen Ansichten und Schlussfolgerungen nicht immer einverstanden sein. Mehr als einmal hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass sich Todenhöfer in der selbst zugewiesenen Rolle als Friedensengel sehr wohl fühlt. Vielleicht ein bisschen zu wohl, um tatsächlich den distanzierten Beobachter geben zu können.

Vor allem seine Äußerungen und Aktionen rund um den jüngsten Gaza-Konflikt sind in Erinnerung, als er die Angriffe Israels auf Gaza scharf verurteilte, die Zahl der Opfer gegenrechnete, die perfide Strategie der Hamas, ihre Bürger als menschliche Schilde zu missbrauchen, aber scheinbar ignorierte.

Todenhöfer hat gegenüber seinen Kritikern meist ein (fast) unschlagbares Argument: Er geht dahin, wo es brennt. Er war selbst in Gaza, er war in Afghanistan und in Syrien. Er hat den syrischen Despoten Assad interviewt, was ihm auch reichlich Kritik einbrachte. Gut möglich, dass es sein Ruf als friedensbewegter Kritiker westlicher Aggressionspolitik war, der ihm nun auch den Zugang ins Herz der Finsternis öffnete, mitten hinein in das Terror-Regime des so genannten Islamischen Staates.

Von dort hat Todenhöfer ein Video-Interview mit dem deutschen Dschihadisten Christian Emde, der sich Abu Qatadah nennt, mitgebracht. Bei aller – auch berechtigter Kritik – an Todenhöfer muss man hier zunächst einmal festhalten: Der Mann hat unglaublichen Mut bewiesen. Und er hat geschafft, was viele nicht für möglich hielten. Er ist zum IS gereist, hat dort Leute interviewt und ist lebendig wieder rausgekommen. Das ist ganz ohne Zweifel auch ein journalistischer Coup, der seinesgleichen sucht.

Die Kritik auf das Interview, das am Mittwoch bei Facebook veröffentlicht wurde und am Donnerstag bei RTL lief, ließ nicht auf sich warten. Die Süddeutsche bezeichnete Todenhöfers Interview als “Infoporno zur Selbstimmunisierung”, bei Yahoo war vom “Trashtalk mit einem Terroristen” zu lesen, die Stuttgarter Nachrichten fragten “IS-Propaganda oder wichtiger Beitrag?”, Boris Rosenkranz bezeichnete das Interview und die Sendezeit bei RTL im Stefan-Niggemeier-Blog als “Geschenke für Terroristen”. Die Reihe kritischer Kommentare ließe sich fortsetzen.

Infoporno, Trashtalk. Ist das so?

Nach Ansicht des knapp viertelstündigen Interviews auf Facebook stellt sich ein Gefühlsmix zwischen Beklemmung und Unglauben ein. Unglauben, weil dieser dicke, blasse Typ, der von Todenhöfer da interviewt wird, so einen unfassbaren Quatsch daherredet. Und Beklemmung darüber, dass der das vermutlich ernst meint, dass er und seine Mit-Terroristen zig Millionen Menschen umbringen wollen und dass er Sklaverei für eine Errungenschaft hält usw.

Die Widersprüche, die Verblendung, der Fanatismus werden in dem Video greifbar. Mit Infoporn oder gar Trash-Talk, hat das nichts zu tun. Auch dass diese Bilder zusätzliche Terror-Angst schüren, vermag ich zumindest nicht zu erkennen. Teilweise reagiert der selbst ernannte Dschihadist sogar fast hilflos und kindisch beleidigt über die Vorstellung, dass sich Rückkehrer von der mit Blut verschmierten Quatsch-Ideologie des IS abwenden könnten. Die IS – eine Bande von fanatisierten Dummschwätzern mit Waffen. Mit dem Islam hat der so genannte “Islamische Staat” nun wirklich rein gar nichts zu tun. Das wird nach Ansicht des Interviews überdeutlich.

Das hat eine andere Qualität als etwa die ausführliche Dokumentation von IS-Propaganda-Videos in Wort und Bild durch die Bild-Zeitung. SO etwas könnte man tatsächlich als Infoporn oder eher noch Terror-Porn bezeichnen. Das Interview Todenhöfers dagegen erlaubt tatsächlich einen Einblick in die Ideologie des IS. Todenhöfer dokumentiert damit die Gefährlichkeit, die Verblendung und den Wahnsinn dieser Terrorgruppe. Er dokumentiert unter Einsatz seines Lebens. Das ist keine kleine Leistung.

Anzeige