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Nach dem Start des „Kreml-TV“: Chef von RT Deutsch beschwert sich über „Propaganda-Keule“

Seit Anfang November ist RT Deutsch, die deutschsprachige Variante des Nachrichtenkanals „Russia Today“, im Web online. Seit einer Woche ist dort auch die wochentägliche Sendung „Der fehlende Part“ mit der Moderatorin Jasmin Kosubek abrufbar. Das Echo von Medien wie FAZ, Zeit, Handelsblatt oder Süddeutsche ist eindeutig: RT Deutsch ist knallharte Putin-Propaganda im Mantel der Gegenaufklärung. Eine Zwischenbilanz.

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Zunächst die kritischen Stimmen zu RT Deutsch, die vor allem in deutschen Tageszeitungen zu lesen waren:

Michael Hanfeld am 18. November in der FAZ:
„Wer bei ‚RT deutsch‘ länger und genau hinschaut, kann erkennen, mit welch kunterbuntem Holzhammer man hier ein geschlossenes Weltbild zimmert. Es ist ein reaktionäres Weltbild, antiamerikanisch, in ersten Ansätzen erkennbar antisemitisch, verschwörungsselig und komplett anschlussfähig sowohl für die AfD wie für die Altstalinisten in der Linkspartei.“

Olaf Sundermeyer berichtete am 20. November ebenfalls in der FAZ über seinen Auftritt als Experte für rechtsradikale Fußballfans und kam zu folgendem Fazit:
„Auf den Bildern im Netz sehe ich später die Skepsis in meinem Gesicht, die ich nicht verbergen wollte. In diesem Augenblick entscheide ich, keiner Einladung von ‚RT deutsch‘ mehr nachzukommen, und jedem zu empfehlen, es ebenso zu halten, der auf seine journalistische, politische oder wissenschaftliche Integrität Wert legt.“

Andreas Macho befragte am 21. November im Handelsblatt den Publizistik-Professor Martin Emmer:
„Im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichen Auslandssendern wie etwa dem deutschen Kanal Deutsche Welle sieht er in RT ‚eindeutig einen Kommunikationskanal der russischen Regierung‘. Emmer sagt: ‚RT funktioniert nach den Regeln politischer PR.‘ Das Grundmuster von RT bildet laut Emmer nicht die Lüge, sondern die extreme Selektion der Nachrichten.  ‚Einzelfälle werden als Beleg für ein angeblich insgesamt korruptes System des Westens präsentiert‘, sagt Emmer.“

Hannah Beitzer und Julian Hans kommen in der Süddeutschen zu dem Schluss:
„Eher scheint es so, dass sich das Alternativmedium RT gerne bei den Mainstream-Medien bedient, die Fakten aus dem Zusammenhang reißt, um sie dann mit eigenem Spin entstellt wiederzugeben.“

Eine ausführliche Analyse mit knapper Schlussfolgerung von Carsten Luther veröffentlichte Zeit Online:
„Insgesamt ist es haarsträubend, was dort als Journalismus verkauft wird, nun auch auf Deutsch…. Propaganda mit dem Holzhammer.“

Markus Beckedahl, der Chef von Netzpolitik.org, informierte die Leser seines Portals in eigener Sache:
„Wir haben uns aber dafür entschieden, Propaganda-Sendern keine Interviews zu geben, um uns nicht instrumentalisieren zu lassen. Außerdem möchten wir mit unseren Themen und Positionen nicht neben irgendwelche Rechtsaußen einsortiert werden. Wir bitten auch darum, uns keine Links von RTdeutsch als Quellen zu schicken. Wie wir zu unserem Urteil kommen? Gesunder Menschenverstand und Quellenrecherche.“

Die Stimmen zeigen, wie hart und relativ eindeutig das Urteil über RT Deutsch in diesen Medien ausfällt – egal ob als Analyse oder Glosse (hier die taz). Dies mag als Kompass für eine Einordnung des Senders für viele Leser reichen. Für diejenigen Menschen, die der sogenannten „Mainstream-Presse“ (im wesentlichen sind damit die etablierten Leitmedien gemeint) kritisch gegenüberstehen, weil sie bei denen eine gelenkte Informationsvermittlung argwöhnen, ist die einhellige Ablehnung des Senders gerade ein Beleg dafür, dass da etwas mit der Meinungsvielfalt nicht stimmen kann.

Nur ein Beispiel – eine Google-Suche führte zu einem „Contra-Magazin“, das unter der Überschrift „Alle gegen RT Deutsch“ berichtete:
„RT deutsch mag durchaus selektiv berichten, doch vorwerfen sollte man es den Machern nicht, solange man nicht selbst zugibt, subjektiv zu berichten. Doch von dieser Form der Selbstkritik ist man in den etablierten Massenmedien leider noch weit entfernt.“

Dieses Dilemma ist nur schwer aufzulösen. Die intensive Auseinandersetzung einiger Journalisten von bekannten Titeln mit einem neuen Sender, der allein von der Faktenseite betrachtet ein russischer Staatssender ist, weil er maßgeblich vom Staat finanziert wird, führt mitten hinein in die anschwellende Debatte um „Medienverdrossenheit“. Eine wachsende (?) Zahl von Mediennutzern unterstellt, dass in der Kritik an alternativen Medien wie RT Deutsch nur der Anspruch auf die alleinige Interpretation der Weltsicht verteidigt werden soll. Kein Zufall, dass sich der mediale Clash vor allem an der Auslegung des Ukraine-Konflikts entlädt.

Chefredakteur und Macher von „RT Deutsch“ üben sich derweil in einer gesteigerten Form der Ironie. Indem sie selbst von sich sagen, natürlich seien alle Inhalte vom Kreml vorgeschrieben, versuchen sie ihre Kritiker lächerlich zu machen. „Ich bin sehr gefährlich, total gefährlich“, sagte der Chefredakteur Iwan Rodionow in seinem bisher einzigen aktuellen Interview zu Telepolis. Und weiter:

„Wir wurden gleich mit der Propaganda-Keule begrüßt…. Ich bin hier mit dem Team meiner Kollegen dafür da, um dieses monolithische Meinungsbild zu zerstören und eine andere Perspektive in dieser Medienlandschaft zu gewähren. Und das ist anscheinend eine Gefahr für den ach so unbedarften, naiven Mediennutzer, dem es nicht zugetraut wird, sich aus dem bestehenden Medienangebot schlau zu machen. Dieser Mediennutzer muss offenbar mit direkten Hinweisen geschützt werden: ‚Hallo, hier ist Propaganda, hier ist Lüge, dort sind die Guten; hier sind die Bösen, hier ist schwarz, dort ist weiß.'“

Wenn allerdings eine alternative, dabei inhaltlich fragwürdig aufbereitete Darstellung politischer Geschehnisse allein dadurch legitimiert sein soll, dass ein behauptetes „monolithisches Meinungsbild“ zerstört werden müsse – dann wäre am Beispiel RT Deutsch noch die ein oder andere Grundsatzdebatte zu führen.

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