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Der hoffnungslose Kampf der ARD gegen den Toleranz-Shitstorm

Die ARD kämpft tapfer gegen den Shitstorm an, der seit Anfang der Woche über sie hereinbricht – doch die Kritik von Publikum und Medien an der Themenwoche Toleranz und ihrer Vermarktung will einfach nicht abreißen. Auch mit der offiziellen Stellungnahme zu den umstrittenen Postermotiven schaffte es die ARD nicht, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Im Gegenteil: damit haben sie nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen.

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Am Samstag startet die ARD ihre Themenwoche zur Toleranz und sorgt damit schon im Vorfeld für mächtig Ärger. In den sozialen Netzwerken fordern die Nutzer Akzeptanz statt Toleranz und urteilen, der Sender vermittele ein Menschenbild aus dem vergangenen Jahrhundert. Die beiden Hauptkritikpunkte sind die provokanten Werbeposter mit Slogans wie „Bereicherung oder Belastung?“ über dem Bild eines Mannes mit dunkler Hautfarbe und die angekündigte Talk-Show im Hesischen Rundfunk (hr) mit Matthias Matussek zum Thema „Was müssen wir uns gefallen lassen – und was nicht?“ Auf seiner Webseite bewarb der hr die Sendung mit Sätzen wie “Toleranz ist etwas, was die Mehrheit der Minderheit gewährt”.

Screenshot: br.de
Screenshot: br.de

Der Shitstorm, der seit Dienstag über den Verantwortlichen hereinbricht, ist gewaltig: Der Strom entrüsteter oder hämischer Tweets will nicht abreißen. Besonders laut sind die kritischen Stimmen auf Seiten der homosexuellen Community. So wird auf Queer.de bemängelt, „eine echte Toleranz, gar Akzeptanz oder Inklusion“ sei das nicht, „eine Förderung von Toleranz ist die Themenwoche wohl kaum; man hat nicht mal den Eindruck, sie sei Ausdruck von gelebter Toleranz.“

Scharfe Kritik von Medien und Politik

Andere Medien kritisieren die Vermarktung der Themenwoche ebenso scharf. Zeit Online schreibt: „Es gibt aber einen Grund, warum diese Fragen nicht genau so gestellt werden sollten: Sie sind eine Frechheit. Sie legitimieren und reproduzieren Assoziationsketten, die aufklärerisch im Sinn von 1950 sind“ und fragt: „Belastung oder Bereicherung, normal oder nicht normal – was ist eigentlich die ARD?“

Auch das Medienmagazin ZAPP vom NDR kritisiert, dass es der ARD hauptsächlich darum zu gehen scheint, „wie tolerant Otto Normalverbraucher sein will oder sein sollte“.

Auch von der Politik hagelt es Tadel. Volker Beck, der innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion sagt dem Handelsblatt: „Ich erwarte von der ARD ein Überdenken ihres Diskriminierungs-Themenspecials. Die öffentlich-rechtlichen Medien verlassen ihren gesetzlichen Auftrag, wenn sie Minderheiten in ihrer Existenz in Frage stellen.“

Trotz Stellungnahmen von ARD und hr ist ein Ende der Aufregung nicht in Sicht

Die Verantwortlichen reagieren auf die Kritik und erläutern die Hintergründe der Kampagne, um die Wogen zu glätten. Am Dienstag Abend äußerte sich Hans-Martin Schmidt, verantwortlicher Koordinator der ARD-Themenwoche, offiziell zu den umstrittenen Plakatmotiven: Man nehme die Kritik selbstverständlich ernst und habe anscheinend einen Nerv getroffen. Es handele sich hierbei jedoch um eine bewusste Provokation: „An den Aussagen auf den Plakaten soll sich der Betrachter reiben. Intolerantes Verhalten wird oft von Äußerlichkeiten und Vorurteilen geprägt. Genau damit spielt die Kampagne. Wir wollen zur intensiven Diskussion anregen und zum Nachdenken über eigene Haltungen und Vorurteile“, sagt Schmidt. Persönlich verletzt solle sich jedoch niemand fühlen.

Gegenüber MEEDIA erklärt Schmidt am Mittwoch weiter: „In der Tat ist der Begriff ‚Toleranz‘ eine Diskussion wert. Maßgeblich hängt es allerdings davon ab, wie man Toleranz versteht, im lateinischen Wortsinne als ‚ertragen, dulden‘, oder als Wertschätzung des anderen, trotz verschiedener Meinungen und Haltungen. Letzteres, modernes Verständnis liegt unserer Themenwoche zugrunde. Die Frage des Begriffs und des Verständnisses von Toleranz wird auch in der Themenwoche aufgegriffen.“

Unter dem umstrittenen Ankündigungstext zur Talk-Sendung mit Matussek veröffentlichte der hr ebenfalls ein Statement. Die Fragen wären bewusst zugespitzt formuliert, „um bei diesem abstrakten Thema die konkrete individuelle Betroffenheit deutlicher zu machen. Solche Fragen seien „Teil der gesellschaftlichen Realität, auch wenn mancher sie als Provokation empfindet“.

Auch auf den offiziellen Twitter-Accounts von ARD-Themenwoche und hr online reagieren die Verantwortlichen auf die wütenden Tweets:

Doch die Reaktionen von der ARD und dem Hessischen Rundfunk gießen nur noch mehr Öl ins Feuer der Aufregung:

Ein Ende des Shitstorms scheint nicht in Sicht. Über mangelnde Aufmerksamkeit für die Kampagne können sich die Verantwortlichen zumindest nicht beschweren.

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