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„Das sind Stasi-Methoden“: Anwalt Höcker kritisiert Bild und Focus Online für Weselsky-Berichte

Werden für ihre Berichterstattung kritisiert: Bild-Chef Kai Diekmann (Foto: dpa) und Focus-Online-Chef Daniel Steil.

Der Viertage-Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ist für die Medien das Thema des Tages. Im Mittelpunkt der Berichterstattung: GDL-Chef Claus Weselsky. Am Mittwoch nahmen sich Bild und Focus Online den Gewerkschafter vor – allerdings mit journalistisch eher fragwürdigen Mitteln. Im Netz wird ihnen nun „Menschenjagd“ vorgeworfen. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Medienanwalt Ralf Höcker, wo Persönlichkeitsrechte verletzt worden sind.

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Auf der Politik-Seite sowie online machte Bild am Mittwoch mit dem Bahnstreik auf, gab Lesern Tipps, an welchen Stellen sie sich über den aktuellen Stand informieren können. Im Artikel ebenfalls zu finden war auch eine Telefonnummer. Dazu schrieb die Bild: „Wenn Sie dem Bahnsinnigen selbst die Meinung geigen wollen, das ist seine Telefonnummer…“ Hier ein Auszug aus der aktuellen Ausgabe. Die Durchwahl der Nummer wurde von der MEEDIA-Redaktion unkenntlich gemacht.

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Foto: Screenshot Bild-Zeitung

Der „Bahnsinnige“, den Bild meint, ist GDL-Chef Claus Weselsky. Die Telefonnummer ist die seines Büros. Die Boulevardzeitung ruft Millionen Leser auf, beim Gewerkschaftsboss anzurufen. Und überschreitet damit eine Grenze, findet der Kölner Medienanwalt Prof. Dr. Ralf Höcker. „Die Veröffentlichung einer Beschwerde-Hotline, die genau zu diesem Zweck gedacht ist, wäre völlig unproblematisch. Bei der von Bild veröffentlichten Telefonnummer handelt es sich aber um den Kontakt von Herrn Weselsky, bzw. seinem Büro. Das halte ich für eindeutig unzulässig“, so der Anwalt. Zwar sei klar, „dass er nicht persönlich ans Telefon gehen wird. Es ist aber genauso klar, dass diese Nummer für den normalen, dienstlichen Gebrauch gedacht ist. Und damit geht einher, dass Herr Weselsky und seine Mitarbeiter in ihrer Arbeit behindert werden sollen.“

Noch weiter ging Focus Online. Chefredakteur Daniel Steil schickte Reporter los, um die private Adresse des GDL-Chefs ausfindig zu machen. Eigenen Angaben zufolge waren diese bei ihrer Suche erfolgreich und veröffentlichten die Außenfassade von Weselskys vermeintlichem Wohnsitz, dazu ein Klingelschild der „Fam. Weselsky“.

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Bild: Screenshot Focus Online

Höcker sieht hier einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Gewerkschaftsführers. „Das ist nichts anderes als Terror. Zumal auch die Familie von Herrn Weselsky durchaus in Gefahr gebracht wird. Die GDL legt sich derzeit mit Millionen von Bahnfahrern an. Dass in das Privatleben von Leuten eingegriffen wird, um so Druck zu erzeugen, kennen wir aus anderen Zeiten deutscher Geschichte – das sind Stasi-Methoden.“ Die Aufgabe der Presse sei es, sich mit Weselsky als GDL-Chef auseinanderzusetzen, „nicht persönlich und im privaten Bereich seiner Familie.“

Protest über die Methoden von Bild und Focus Online regt sich vor allem im Netz. Auf Twitter ist von „Menschenjagd“ und „Hatz auf Weselsky“ die Rede, genauso wie von „Populismus“.

Gegenüber MEEDIA haben bisher die Verantwortlichen von Bild und Bild Online noch nicht reagiert. Online hat Bild seinen Aufmacher bereits umgebaut. Der Aufruf, sich persönlich beim GDL-Chef zu beschweren, ist verschwunden. Stattdessen wurde auf einen Tweet eines Nutzers zurückgegriffen, der das fordert.

Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hat sich kurz bei Twitter zu Wort gemeldet, verweist dort lediglich auf die Bild-Beschwerdehotline (kostet 50 ct/Anruf aus dt. Festnetz).

Auf Nachfrage bei Focus Online wird die Berichterstattung verteidigt. Die Veröffentlichung sei einwandfrei. „Weil wir eben nicht das Haus gezeigt haben, in dem Weselsky wohnt, sondern die Häuserfront. Er wohnt in einem kleinen Haus dahinter. Davon liegen uns auch Bilder vor, diese haben wir allerdings nicht zum Einsatz gebracht“, so ein Sprecher. „Ebenso wenig nennen wir den genauen Wohnsitz von Claus Weselsky, sondern beschränken uns hier auf die Angabe eines Stadtteils.“

Als Antwort, weshalb man sich überhaupt entschieden hat, die Privat-Adresse des GDL-Chef zu recherchieren, heißt es seitens Focus Online: „Claus Weselsky ist dafür verantwortlich, dass Millionen Deutsche in den kommenden Tagen nicht oder nur unter großen Umständen von A nach B kommen. Das gab es noch nie in Deutschland. An dieser Person gibt es daher ein gesteigertes Interesse und dem werden wir mit unserer Berichterstattung gerecht.“

Update, 05. November, 14.55 Uhr: Eine Sprecherin von Axel Springer hat gegenüber MEEDIA erklärt, man habe sich für die Veröffentlichung entschieden, „damit die Leser ihre Meinung über den Streik der GDL kundtun können. Dies geht aus dem Artikel auch klar hervor. Die Nummer findet sich im Übrigen auch auf der Internetseite der GDL.“

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