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SWMH-Personalchef Bensel über Mangel an Digital-Machern: „Fahren gegen die Wand“

Es fehlen digitale Talente: Constanze Buchheim, Simone Ashoff, Ulrich Bensel (im Uhrzeigersinn)

Der Personalchef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), Ulrich Bensel, sieht massive Defizite deutscher Verlage, Mitarbeiter mit digitalem Knowhow für sich zu gewinnen. Auf einem Panel der Medientage München sagte Bensel: „Wenn wir uns nicht ändern, verpassen wir die Zukunft.“ Verlage, kritisierte Bensel, hätten ihre Mitarbeiter „in den letzten 50 Jahren blöd gehalten“.

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Was Bensel mit seiner harschen Kritik meint: die Verlagsbranche habe es zu großen Teilen versäumt, Mitarbeiter so zu entwickeln, dass sie sich ernst genommen fühlten. Mitarbeiterentwicklung werde insgesamt vernachlässigt oder finde gar nicht statt. Bensel meint das durchaus selbstkritisch: Bei der SWMH gibt es erst wieder seit 2011 eine gemeinsame Personalabteilung für alle Titel der Gruppe, die der Jurist seitdem aufbaut. Zur SWMH gehören u.a. Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten sowie die Süddeutsche Zeitung in München.

Verlage wie die SWMH müssten auf breiter Front und mit hohem Aufwand nach Mitarbeitern wie Entwicklern, Codern, Social Media-Experten und vielen weiteren Mitarbeitern mit neuen Berufsprofilen fahnden. Die Rückläufe auf klassische Ausschreibungen seien gering, sagte Bensel auf dem Panel „Wie bekomme ich die jungen Digitalen für mein Unternehmen?“ Auf einem anderen Panel der Medientage hatte der Geschäftsführer der Neuen Osnabrücker Zeitung, Laurence Mehl, gesagt, Verlage bräuchten in Zukunft viel mehr Mitarbeiter mit Technik-Knowhow.

Bensel fürchtet sogar, Verlage könnten „gegen die Wand“ fahren, wenn sie sich von innen nicht so veränderten, dass sie für junge Mitarbeiter mit dringend benötigten Fähigkeiten und Kenntnissen attraktiv werden. Dafür müsse es auch die Unterstützung aus der Geschäftsführung bzw. vom Vorstand geben. Die Personalberaterin Constanze Buchheim bestätigte diese Einschätzung. Junge Digitale gingen bei der Arbeitsplatzsuche nach dem YOLO-Prinzip – you only live once – vor. „Das Leben ist zu kurz für schlechte Kompromisse“, findet die Chefin der Beratung i-Potentials.

Was den Talenten wichtig sei: „Die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen oder zu entscheiden.“ Heißt: Gleichberechtigung und „Interaktion auf Augenhöhe“. Der Schlüssel zur Attraktivität jeder Organisation liege letztlich in der Bereitschaft zur Veränderung. Bedeutet: die Führungskräfte müssten das alte „Macht-Prinzip“ über Bord werfen, die Arbeitswelt demokratisieren. Manager müssten zu Mentoren werden.

Employer Branding, also der Imageaufbau eines Unternehmens, sei auch in der Medienbranche letztlich oft reine „Oberflächenbeschönigung“, beobachtet Buchheim. Dies bestätigte auch Simone Ashoff, die Gründerin der Good School. Die ehemalige Kreativchefin von Jung von Matt gründete 2009 die Hamburger Schule, in der Mitarbeiter von Kreativunternehmen fit für die digitale Transformation gemacht werden. Die Nachfrage steige deutlich.

Ashoff glaubt, dass es nicht darauf ankomme, die 100 Top-Talente abzuwerben, sondern „Smart Creatives“ (so nennt Google die Leute, die sowohl kreativ wie technisch versiert sind und dazu auch Businessdenke einbringen) selbst im Unternehmen aufzubauen. Es bleibe den Unternehmen nichts anderes übrig, als massiv in eigene Talente zu investieren. Und darum, sagte auch Ashoff, stehe im Zentrum des Recruiting eigentlich die Frage: wie schaffe ich ein Unternehmen, das solche Leute hervorbringt?

Hinweis: Der Autor dieses Artikels hat das betreffende von BDZV und VBZV organisierte Panel der Medientage München moderiert.

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