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Digitaler Journalismus als „Epochenwechsel“: LfM-Studie zur Veränderung des Berufsbildes

Nicht weniger als die „erste systematische Beschreibung von Produktions- und Wirkungsformen journalistischer Arbeit in der digitalen Moderne“ verspricht die Studie „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“ der Universität Hamburg, der Hochschule Macromedia und der TU Dortmund. Die Autoren der Studie, die Journalismusforscher Volker Lilienthal und Stephan Weichert und ein Team von Mitarbeitern, beschreiben auf Grundlage der Forschungsergebnisse ein Berufsbild, das sich technologisch-publizistisch wie inhaltlich radikal verändert habe.

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Vor allem die zunehmende Bedeutung der Technologie für den digitalen Journalismus sowie die Möglichkeiten der Partizipation der Nutzer dominieren die von der Landesanstalt für Medien (LfM) in Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebene Studie. Die Ergebnisse basieren auf sechs empirischen Untersuchungen. Sinn und Zweck der Untersuchung sei das Ziel gewesen, „den praktizierenden Journalisten einen gesicherten Bezugsrahmen für das redaktionelle Tagesgeschäft ebenso wie für die strategische Weiterentwicklung ihrer Formen und Formate“ zu geben, sagt Weichert.

Digitaler Journalismus in seiner ganzen Bandbreite bedeute einen „Epochenwechsel“, so die Autoren. Noch hinke die „redaktionelle Praxis“ allerdings vor allem hinsichtlich der Einbindung der Nutzer hinter den tatsächlichen Möglichkeiten zurück. Um „dialogorientierte Redaktionsprozesse“ einzuführen, bedürfe es „massive Investitionen in redaktionelle Kapazitäten“.

Im Folgenden fünfzehn Handlungsempfehlungen der wissenschaftlichen Studie, die wir bei MEEDIA gekürzt dokumentieren (zu einer Zusammenfassung der Studie geht es hier):

  1. Die Digitalisierung des Journalismus wird in den Redaktionen weithin als Chance begriffen. Journalisten sind in ihrer Berufsausübung jedoch einem komplexen Wandlungsprozess unterworfen, der neue handwerkliche Kompetenzen voraussetzt und den Journalisten eine hohe Anpassungsbereitschaft an die digitalen Umgebungen abverlangt. Die wichtigsten Innovationen der Digitalität liegen in der Multimedialität, der modularen Integration von Darstellungsformen, der Interaktion mit der Community und in neuen Recherchemöglichkeiten, z. B. in sozialen Medien. Technische Innovationen und die neue Rolle des Publikums zu ignorieren oder sich ihnen komplett zu verweigern, würde für Medienhäuser ebenso wie für Journalisten strategische Nachteile bedeuten.
  2. Um die publizistischen Experimentiermöglichkeiten im Digitalen Journalismus zu steigern, müssen bei Medienhäusern entsprechende Ressourcen vorgehalten und redaktionell-organisatorische Infrastrukturen geschaffen werden – ansonsten bleiben Willensbekundungen nur Lippenbekenntnisse.
  3. Auch der Journalismus unter digitalen Vorzeichen wurzelt in gutem, also qualitativ hochwertigem Journalismus, der nach den klassischen, im Einzelfall zu definierenden journalistischen Handwerksregeln und Wertmaßstäben funktioniert – allerdings haben sich dessen Routine und Konzepte geändert: Digitaler Journalismus muss als prozesshaft verstanden werden, d. h. journalistische Inhalte können permanent präzisiert, korrigiert und – auch noch nach einigem Zeitablauf – fortgeschrieben werden.
  4. Digitaler Journalismus ist von enormem Tempo geprägt – sowohl in der Informationsbeschaffung über das Web und über Social Media als auch in der Berichterstattung nahezu in Echtzeit (kritisches Stichwort: „Live-Tickeritis“). Die extreme Beschleunigung, angetrieben durch die neuen technischen Möglichkeiten, erzeugt einen Aktualitätsdruck, der Redaktionen vor allem aus dem News-Bereich dazu zwingt, eine funktionierende Logistik und technische Infrastruktur vorzuhalten, um den gesamten Redaktionsbetrieb auch bei extremen Nachrichtenlagen aufrechtzuhalten.
  5. Journalisten müssen trotz der wachsenden Hektik in der Lage sein, Sachverhalte auf ihre tatsächliche Relevanz zu beurteilen und diese sorgfältig zu prüfen. Sortierender, einordnender Journalismus bleibt unserer Auffassung nach also unentbehrlich – obwohl Medien ihre frühere Informations- und Deutungshoheit verlieren und sich sogenannte Content-Parallelwelten im Verhältnis zum klassischen Journalismus herausbilden.
  6. Die Taktung der digital arbeitenden Redaktion wird wesentlich davon dominiert, dass Nutzer über den gesamten Tag verteilt permanent informiert und ihre Anfragen beantwortet haben wollen: Nie hatten Journalisten und Redakteure intensiveren Publikumskontakt. Doch die Resonanz und technische Messung, ob ein journalistisches Angebot angenommen („geklickt“) wird oder nicht, erfolgt in so kurzer Zeit, dass Redaktionen häufig zu schnellen Reaktionen genötigt werden oder sich dazu verleitet fühlen. Es besteht die Gefahr, dass die Themensetzungen an momentane und flüchtige Konjunkturen im Publikumsinteresse angepasst werden..
  7. Die Digitalisierung verändert auch das Redaktions- und Qualitätsmanagement tiefgreifend, vor allem im Hinblick auf den Workflow, die Gefäße und die Strukturen sowie die neu verteilten Ressourcen und die tägliche redaktionelle Zusammenarbeit: Produktentwicklung und Redaktionsarbeit verschmelzen im Digitalen immer mehr zu einer Einheit, wobei sich die flexible Arbeitsweise der Organisationsform einer crossmedialen Newsroom-Kultur durchzusetzen scheint.
  8. Durch die Möglichkeit, sich Quellen und Informationen mittels einer einfachen Suchmaschinensuche (v. a. Google) in die Redaktion zu holen, hat sich Recherche entlokalisiert, d. h. Orte und Akteure des Geschehens müssen nicht mehr persönlich von Journalisten aufgesucht werden. Dabei überwiegen die Vorteile der digitalen Recherche – z. B. Informationsvielfalt, Zugang zu Primärquellen, Barrierefreiheit –, wenn es nicht bei einer digitalen Monokultur bleibt, sondern immer wieder Primärquellen in der Realwelt gesucht werden.
  9. Erkenntnisse aus der minuten- bis sekundengenauen Auswertung der Nutzungsgewohnheiten und den veränderten Medienpräferenzen des Publikums in die Gestaltung und redaktionelle Planung des Medienangebots einfließen zu lassen, wird zu einer zentralen Orientierungsgröße des redaktionellen Managements.
  10. Die Logik der digitalen Vertriebskultur erfordert innovative Erzählformen für mobile Anwendungen und eine auf Endgeräte konfektionierte Berichterstattung – mit dem Ergebnis, dass journalistische Beiträge in der Mobilität zuweilen eine andere Wertigkeit erhalten. Kürzere Texte machen jedoch noch keinen mobilen Journalismus aus – im Gegenteil muss das Mobile bei der journalistischen Distribution sowohl von der Ästhetik als auch von der publizistischen Herangehensweise her neu gedacht werden, weil stationäres und mobiles Internet immer mehr zusammenfließen.
  11. Der zunehmende Einsatz von Hardware und Software-Tools stellt neue Anforderungen an die Kompetenzen in den Redaktionen bzw. an den digitalen Vertrieb der Medienhäuser, wobei journalistischer Content an Endgeräte ebenso angepasst werden muss wie an die Formate von sozialen Netzwerken und die unterschiedlichen Bildschirmgrößen von Smartphone, Tablet und PC („responsives Design“).
  12. Das Berufsbild des Digitalen Journalisten setzt eine hohe Technikaffinität voraus: Im Zuge der professionellen Ausdifferenzierung ist daher die Technik auch der größte Innovationstreiber bei der Weiterentwicklung und/oder Spezialisierung journalistischer Fertigkeiten, z. B. zum Community-Manager, zum Datenjournalisten, zum Social-Media-Redakteur oder zum Digital Storyteller.
  13. Die Dialogisierung im Verhältnis zum Publikum ist in ihrer Intensität medienhistorisch neu und impliziert für Journalisten sowohl Kritik und Lob als auch Meinungen und Hinweise, die zum Weiterrecherchieren oder zur Produktion zielgruppenaffiner Beiträge einladen. Die Teilhabe des Publikums bringt allerdings nicht nur Vorteile, sondern auch Herausforderungen für das professionelle Audience Engagement mit sich. Eine übersteigerte Ausrichtung des publizistischen Angebots auf momentan feststellbare, gleichwohl flüchtige Publikumswünsche kann eines dieser Probleme sein. Ein anderes ist im irritierenden Einfluss von Störern („Trollen“) zu sehen, die mit dissozialem Diskurs das Gesprächsklima innerhalb einer Community vergiften und die vom Medienanbieter eigentlich erwünschten seriösen Diskutanten vertreiben können.
  14. Soziale Netzwerke sind im Digitalen Journalismus nicht nur Marketing-Kanal und Ergänzung zum regulären Vertriebsweg, sondern sie dienen dem Community-Building, das die Geltung der journalistischen Marke erweitern und stärken kann.
  15. Trotz der prinzipiellen Bereitschaft der Nutzer, sich gemeinschaftlich an Dialogisierungs- und Produktionsprozessen zu beteiligen, ist eine Substitution des Journalismus durch das Publikum nicht absehbar, da der Großteil der Nutzer nie dauerhaft in eine Produzentenrolle wird schlüpfen wollen. Dennoch wird die Dynamik der Digitalisierung in Bezug auf die exponierte Rolle des Publikums lange nicht nachlassen. Vielmehr werden neue Technologien weiter die mobilen Nutzungsbedingungen beeinflussen und dazu führen, dass Nutzer noch häufiger in jeder erdenklichen Lebenssituation rezipieren, reagieren und partizipieren wollen. Somit wird sich die Rolle des Publikums absehbar weiter im Verhältnis zum Kommunikator entgrenzen.

Stephan Weichert, Journalistik-Professor an der Macromedia Hochschule und Leiter des Studiengangs Digital Journalism an der Hamburg Media School und Volker Lilienthal, Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessor für Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg, leiteten gemeinsam das von der LfM in Auftrag gegebene Forschungsprojekt „Journalismus unter digitalen Vorzeichen“. Das Buch zur Studie ist aktuell unter dem Titel „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“ im Vistas Verlag erschienen. Zur Präsentation der Studie veranstaltete die LfM am 16. Oktober eine Konferenz zum „partizipativen Journalismus“ in Berlin

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