Anzeige

Der wahre Dschungel der Larissa Marolt

Dschungelcamp-Kandidatin Larissa Marolt zieht breite Aufmerksamkeit auf sich. Seit Start des RTL-Erfolgsformates „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ konfrontiert die Österreicherin Mitbewohner des Camps, Zuschauer und Medien mit ihrem außerordentlich übersichtlichen Portfolio sozialer Kompetenzen.

Anzeige

Hätte man TV-Zuschauern noch vor wenigen Tage prophezeit, mit der 21-jährigen Larissa Marolt würde ein intellektuell unauffälliges, österreichisches Durchschnittsmodel über Tage ihre Aufmerksamkeit binden, niemand hätte es wirklich geglaubt.

Nun, Tage später, zickt sich das blonde Gift erfolgreich durch Dschungelprüfungen, Camp-Dynamik und Boulevard-Schlagzeilen und produziert Reaktionen in einer emotionalen Dichte, die durchaus als außerordentlich bezeichnet werden kann:  Wut, Ärger, Rat-und Hilflosigkeit. Öffentliche Fragen nach der psychischen Gesundheit von Larissa wechseln mit der fassungslosen Frage, wie um Gottes Willen mit Menschen wie ihr umzugehen sei. Mit erbarmungslos verzweifelter Präzision überschreitet das blonde Model jeden Abend seit Start des RTL-Erfolgsformates “Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ alle sozialen Grenzen, die das Zusammenleben von Menschen regeln und erträglich machen. Die Toleranzschwelle der Mitinsassen sinkt rasend schnell.

Beziehung und Bedrohung

Marolt wirkt, als sei die einzig berechenbare Größe ihre Unberechenbarkeit. Nichts, gar nichts, hält verlässlich: Nicht einmal ihre Wut und subjektiv erlebte Kränkungen durch ihre Mitbewohner. Nichts hält, weil Larissa Marolt nichts halten kann – in sich selbst nicht und anderen gegenüber schon gar nicht. Beobachter, Zuschauer und Beteiligte sind nicht nur fassungslos, weil Larissa nicht zu fassen ist. Die Wahrheit ist: Larissa selbst kann nichts fassen, wirklich schätzen, stabilisieren oder gut sein lassen: Eine junge Frau als tief verzweifelte, hysterisch-aggressive Kontaktvernichtungsmaschine attackiert alles, was sie mit Bindung und Beziehung bedroht. Die wahre Dschungelprüfung der jungen Larissa besteht nicht aus Kakerlaken-Löchern oder Spinnen. Larissas Dschungel ist gebaut aus Kontakt und Beziehung zu anderen. Wieder und wieder, jeden Tag, in jeder banalen Alltagssituation.

Gut für Sender und Quote. Lausig für die Gruppe der Mit-Camper. Und tragisch für Larissa selbst. Die Dschungelcamp-Geschichte von Larissa Marolt ist im Kern tieftraurig, weil weit unter der Oberfläche sichtbarer Nervereien und Friktionen mit einem unfassbaren Maß an Energie zerstört wird, was Leben insgesamt Sinn gibt:

Beziehung. Bindung. Aufgehoben sein. Vielleicht auch: Vertrauen darauf, dass die Dinge schon irgendwie gut werden können. Vertrauen darauf, dass man selbst auch dann in Ordnung ist, wenn man sich nicht nur in Extremen und in Kämpfen spürt.

Seit wenigen Tagen kämft Larissa Marolt auf dem Spielfeld des australischen Dschungels einen Kampf, der mit den anderen Bewohnern nur symptomatisch zu tun haben mag:  Hartnäckigkeit und emotionale Präsenz dieses Kampfes können als Belege dafür gelten, dass die Wurzeln dieses Kampfes wohl eher in ihrer Biographie und Entwicklung zu suchen sein mögen als in der aktuellen Situation der Outback-Kandidatengruppe. Man würde Marolt wünschen, sie dürfte irgendwann einmal in ihrem Leben verstehen, dass für sich zu kämpfen etwas ganz Anderes ist als gegen andere kämpfen zu müssen.

Man würde ihr wünschen, sie könnte Kontakt herstellen zu den Wurzeln jener Verzweiflung, die jedem sichtbar ist. Jeden Tag seit Start der aktuellen Staffel. Man wünschte ihr, sie könnte genießen, wonach sie sich sehnen mag, anstatt es in Rekordzeit sekundenkurzer Reflexe zu attackieren und zerstören. Gelänge dies, könnten andere sie wirklich mögen, schätzen oder lieben. Sie müsste nur sich selbst gegenüber irgendwann einmal damit beginnen. Auch auf die Gefahr hin, dass alles an Bedeutung verlöre, was Marolt subjektiv aktuell Halt zu geben scheint: Model-Rollen, Schlagzeilen, Zicken-Image und die fragile, kurzatmige Aufmerksamkeit der Medien.

Von der Verwirklichung dieser guten Wünschen jedoch sind Marolt und ihre Mit-Camper aktuell sehr weit entfernt: Eine junge Frau, die ein Ersatzleben führt und es im Innersten vielleicht sogar spürt. Kein ungewohnter Weg von Medienfiguren, die öffentliche Wahrnehmung mit Anerkennung und Anerkennung mit einer Form von Liebe verwechseln. Das Dilemma ist: Je intensiver, je getriebener diesem Pfad gefolgt wird, desto größer wird jener Abstand, der das Ersatzleben vom richtigen Leben trennen mag.

Im Gegensatz zu anderen allerdings ist Larissa Marolt noch nicht tief professionell deformiert: Seelisch jünger und unreifer, als ihr Alter es hergibt. Fragiler, verbohrter, schutzloser und berührbarer. Im inneren Kern ist Larissa wahrscheinlich ein liebevolles und bedürftiges Mädchen, das alles dafür tut, dass andere diesen Umstand nicht so schnell herausfinden. Eine junge Frau mit tiefem Wunsch nach dem exakten Gegenteil dessen, was sie produziert: Der Sehnsucht nach Menschen, mutig genug, sich durch die Mauern ihrer Inszenierungen zu baggern und sich von ihrer getriebenen Feindseligkeit nicht abhalten zu lassen. Menschen, die das, was sie hinter dem Wall von Abwehr und Zerstörung wohl finden könnten, wirklich mögen.

Larissa Marolt bewegt sich präzise im Dreieck zwischen Wunsch, Angst und Abwehr. TV-Zuschauer und Mit-Camper sehen zwangsläufig nur den letzten Aspekt, springen auf den Zug oder prallen ab.

All dies: Unterhaltsam für ein Format, weil Emotion gebunden wird. Und gleichzeitig traurig. Für jeden von uns.

 Wie geht es weiter?

Die Frage nach Larissas Zukunft im Camp ist in der Tat deshalb sehr schwer zu beantworten, weil sie von sehr unterschiedlichen Aspekten abhängt. Mit Blick auf die blonde Österreicherin dürfen Durchhaltevermögen und Stabilität ihres aktuellen Verhaltens nicht unterschätzt werden: Menschen insgesamt sind zäh und ertragen viel mehr an Leid, Kummer, Spannungen und dauerhaften, seelischen Belastungen, als man es aus der Distanz betrachtet meinen mag. Es kann also sein, dass das aktuelle Niveau sich stabilisiert, verschärft und dieser Weg letztlich auch die Camp-Zukunft von Larissa bis zu ihrem Auszug abbildet.

Das Gegenteil allerdings ist auch denkbar: Niemand kann von außen sagen, wann subjektiv empfundene und von Larissa selbst produzierte Belastung und Verzweiflung seelische Sollbruchstellen überlasten. Der RTL-Dschungel ist ein hochprofessionelles, leistungsfähiges System. Selbstverständlich wird unter anderem diese Frage psychologisch professionell geprüft.

Die Gruppe: gruppendynamische Aspekte

Gruppen und Systemen, denen man die Sicherheit von Alltagsroutinen entzieht, geraten unter Druck und Belastung. Dies gilt besonders, wenn ein System nicht auf eine gemeinsame Geschichte eingeschwungener Beziehungen zurückgreifen kann. Im Unterschied zu Gruppen von Kollegen, Freunden, Nachbarn oder Familien muss die australische Camper-Gruppe ihre Rollen im Miteinander finden, regeln und erstreiten. Nähe und Distanzen werden reguliert, Allianzen, Konkurrenzen und Feindschaften gebildet, Führungs- und Mitläufer-Rollen werden unbewusst geschaffen. All dies sind zwangsläufige, gruppendynamische Prozesse, die sich immer und in allen Gruppen bilden. Platt gesagt dienen sie letztlich der Sicherheit und Orientierung. Man findet seinen Platz, seine Rolle in der Gemeinschaft.

Wie Sarah Knappik hat auch Larissa Marolt – gruppendynamisch betrachtet – die Rolle des Sündenbockes besetzt. Unabhängig von der Person des Sündenbockes, des Außenseiters, des an Vielem Schuldigen, hat sie für die Gesamtgruppe die Funktion der Entdifferenzierung: Dieser Aspekt der Rolle macht den anderen untereinander das Leben leichter. Außenseiter, Sündenböcke und Schuldige binden so viel an negativer Energie, dass den anderen Campern die Wahrnehmung und Klärung einer ganzen Reihe möglicher Konfliktfelder untereinander erspart bleiben. Sündenbock-Gruppen zeichnen ein polarisiertes Bild: Auf der einen Seite der Außenseiter und Sündenbock, auf der anderen Seite die Gruppe oder die Gruppen-Mehrheit. So paradox es klingen mag: Die Einteilung der Camp-Welt in „Gut“ und „Böse“ schafft eine Form innerer Sicherheit für alle Beteiligten in der australischen Ausnahmesituation.

Larissa Marolt nimmt zur Zeit also, ohne es zu wissen, eine lebenswichtige Funktion für die gesamte Gruppe ein. Ob dies stabil so bleiben wird, ist aktuell ungeklärt. Gruppendynamische Prozesse und ihre Rollen sind nie statisch, sondern stets  in Bewegung: Gelänge es Larissa etwa, mehr von jener Peron zu zeigen, die unter ihrem Wall aggressiver Abwehr verborgen sein mag, könnte die Dynamik kippen. Gleiches gälte etwa, wenn einer der Camper sein konfrontatives Verhalten ihr gegenüber überzöge und sich dadurch Unterstützer von Larissa in der Gruppe herausbildeten. Peer Kusmagk etwa vollzog 2011 in Australien einen derartigen Prozess, als er sich gegen Mathieu Carrière auf die Seite von Sündenbock und Außenseiterin Sarah Knappik stellte.

Die Illusion des sinnvollen Umganges

Es ist lebensfern zu erwarten, die Camp-Mitbewohner könnten einen optimalen Umgang mit Larissa Marolt finden. Der nämlich bestünde darin, sich nicht durch ihre unberechenbaren Attacken irritieren zu lassen, ihr einerseits Grenzen aufzuzeigen und andererseits ehrliche Beziehungsangebote zu machen. Sinnvoll also wäre ihr gegenüber ein cooler, halbwegs liebevoller, konsequenter und souveräner Weg der anderen. Schon unter Normalbedingungen des Alltags wäre dies eine echte Herausforderung. Im Dschungel aber steht jeder der Camper im Zentrum eines verdichteten, sozialen und medialen Brennglases ebenso, wie unter dem Druck, in einer der Ausnahme-Situation jenen individuellen Zielen zu genügen, die er mit seiner Teilnahme verbinden mag. In diesem Gemisch verschiedenster Abhängigkeiten bleibt ein Umgang mit der Außenseiterin Larissa, der sich am theoretisch möglichen Optimum orientiert,  eine echte Illusion.

Dieses Phänomen ist zentraler Bestandteil des Konzeptes: Neben der professionellen Gestaltung des Formates lebt auch exakt davon der Unterhaltungswert des Camps. Vielleicht ist dies gar nicht so übel für Larissa Marolt: Manchmal bemerkt man Türen erst dann, wenn die Nase beim endlosen Versuch durch Wände zu laufen so blutig geworden ist, dass alle Luft genommen ist, und man Ruhe geben muss.

Und Ruhe: Die darf man Larisa Marolt wünschen. Zumindest innen.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

Anzeige