Anzeige

Blumencrons Appell an die Print-Kollegen

Es gibt sie noch, die interessanten Diskussionspanel auf den Medientagen dieser Republik. Es gibt sie, wenn Medienmacher miteinander sprechen, die sich nicht vor unbequemen Wahrheiten scheuen. Auf dem Publishing-Panel ging es um Twitter, teure Bezahlsysteme und gefährliche Smartphones. Wir haben fünf überraschende oder bemerkenswerte Bekenntnisse der Panelisten zusammengefasst, die manche Vorurteile bestätigen und andere vielleicht entfachen.

Anzeige

Es gibt sie noch, die interessanten Diskussionspanel auf den Medientagen dieser Republik. Es gibt sie, wenn Medienmacher miteinander sprechen, die sich nicht vor unbequemen Wahrheiten scheuen. Auf dem Publishing-Panel ging es um Twitter, teure Bezahlsysteme und gefährliche Smartphones. Wir haben fünf überraschende oder bemerkenswerte Bekenntnisse der Panelisten zusammengefasst, die manche Vorurteile bestätigen und andere vielleicht entfachen.
Rowan Barnett, Deutschland-Chef von Twitter, sagte in der Publishing-Runde, der Beruf des Social Media-Redakteurs werde seiner Meinung nach in ein bis zwei Jahren irrelevant sein. Denn schließlich werde jeder Journalist auch zu einem Experten in Sachen Social Media. Was bei Twitter-Nutzern zu virtuellem Stirnrunzeln führte – darf man sowas überhaupt aussprechen, ist das nicht eh selbstverständlich?
Nein, ist es wohl nicht. Denn Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der Berliner Zeitung, ließ sich von Moderator Frank Thomsen zu der Aussage bewegen, Twitter sei gar kein Journalismus. Gut, hieß es daraufhin wiederum von einem Twitter-Nutzer, auch das Telefon sei kein Journalismus, aber Journalisten benutzten es doch auch ständig. Punkt für die Kommentatoren im Netz, während sich Fehrle ansonsten in Qualitätsbekenntnissen übte und angesichts von Sparzwängen etwas diffus „kreative Wege“ einzuschlagen gedenkt.
FAZ-Geschäftsführer Tobias Trevisan wartete seinerseits mit einer überraschenden Bemerkung auf: Man würde ja sehr gerne auch kurzfristig eine Bezahlschranke aufbauen, aber die Technik sei doch sehr teuer. Man munkele, das Modell der New York Times habe 40 Millionen Dollar gekostet. Die FAZ müsse „kostengünstig“ an Systeme kommen, führe da auch schon Gespräche. Die FAZ hat eine Stiftung im Rücken, doch auch deren Hosen haben offenbar nicht mehr ganz so tiefe Taschen. Machten 2003 die Stellenanzeigen noch 48 Prozent des Gesamtumsatzes der Zeitung aus, seien es heute noch 8. Es gibt strukturelle Probleme, so Trevisan, „aber wir kriegen das in den Griff“. Man müsse nun selbstständig neue Geschäfsfelder aufbauen. 
Sein Pendant Richard Rebmann von der SWMH (Stuttgarter Zeitung, Süddeutsche Zeitung) erinnerte daran, dass Zeitungen ja nach wie vor Geld verdienten, die Stimmung sei keineswegs so schlecht, wie manchmal behauptet werde. Dies war nicht Rebmanns überraschendes Bekenntnis, dies war eine erwartbare Aussage. In der Deutlichkeit nicht erwartbar war Rebmanns Ankündigung, die Zeitungen der SWMH würden „sinnvolle Bezahlschranken“ einführen. Vor allem die Süddeutsche führte bisher offiziell keine Bezahl-Diskussion, digitale Einnahmen sollen bisher vor allem mit Tablet- und Smartphone-Anwendungen verdient werden.
Für eine ganze Reihe bemerkenswerter Aussagen war Spiegel-Chef Mathias Müller von Blumencron gut. So seien nur 1,5 Prozent der Unique User bereit, für Inhalte zu bezahlen. Geld verdiene Spiegel Online vor allem mit der Aufmerksamkeit der Nutzer, die für Werbeeinnahmen sorge. Das seien „hübsche Millionen“.  Die Redaktionen von Spiegel und Spiegel Online arbeiteten ganz unterschiedlich, es sei aber unabdingbar, noch integrierter als bisher zu arbeiten. Keine Zusammenlegung, aber eine Annäherung, die für den Spiegel keine Selbstverständlichkeit ist. Die Wogen zwischen den so unterschiedlich gepolten Chefs Blumencron (Digital) und Georg Mascolo (Print) scheinen vorerst ein wenig geglättet. Er, Blumencron, unterscheide nicht mehr zwischen Print und Online.
Das bemerkenswerteteste, weil missverständlichste Bekenntnis Blumencrons war aber die Aussage, das Smartphone sei „wahnsinnig gefährlich“. Denn mit den vielen Anwendungen lenke es Nutzer, die vorher an der Bushaltestelle ein Magazin gelesen haben mögen, ab. Erst langsam dämmere den Medien diese Erkenntnis. Einziges Gegenmittel – noch spannendere Inhalte. Blumencrons vermeintliches Smartphone-Bashing sorgte für großen Widerhall. Aber niemand braucht nervös zu werden – ein Technikverächter ist der Spiegel-Mann nun wirklich nicht.

Anzeige