Marcell D’Avis, Leiter Kundenzufriedenheit bei 1&1, muss offenbar mehrere PR-Tode in den Medien sterben. Weil der Vertrag mit dem Super-Testimonial nach zwei Jahren auslief und er sich schlicht weniger Publizität wünschte, beendete der Internetprovider Ende 2011 die Kampagne mit dem Westerwälder und verpasste ihm im neuen TV-Spot eine Nebenrolle. So weit, so bekannt. Weil Spiegel Online die abgestandene News erneut aufkochte, ist nun die Resonanz enorm - inklusive offenkundig falscher Fakten.
Unter dem Titel “Adieu, Servicepapst” schrieb Tom König in seiner Kolumne “Warteschleife” auf Spiegel Online über das Aus für Marcell D’Avis, der vielen als Super-Testimonial von 1&1 in Erinnerung sein dürfte. Gleich im Teaser heißt es: “Nun schafft die Firma die Werbefigur ab. Endlich.”
Das stimmt nicht. D’Avis ist weiterhin in der neuen Kampagne von 1&1 zu sehen, die das Unternehmen unter der kreativen Leitung von Jung von Matt/Neue Elbe seit Ende Dezember ausstrahlt. “Der Vetrag mit ihm als Testimonial lief nach zwei Jahren aus”, erklärte ein Sprecher des Unternehmens gegenüber MEEDIA. “Außerdem hat sich D’Avis mehr Freiraum für seine eigentliche Arbeit gewünscht.” Aus diesem Grund hätte man den Leiter Kundenzufriedenheit im neuen TV-Spot in einer Reihe mit etlichen neuen Testimonials des Providers gezeigt. 1&1 erklärte gegenüber MEEDIA, das D'Avis weiterhin in unveränderter Form für das Unternehmen tätig sei.

König orakelt in seiner Kolumne weiter: “Es ist nicht ganz einfach, sich dem Phänomen D'Avis zu nähern. Das liegt daran, dass er für einen derart prominenten Menschen außergewöhnlich pressescheu ist. Im Archiv finden sich keine Interviews mit ihm.” Auch das stimmt nicht. Die Financial Times Deutschland traf sich Mitte 2011 mit der Werbefigur in der Montarbaurschen Firmenzentrale. Teltarif interviewte ihn bereits 2010, ebenso BrandEins.
So heißt es in Königs Kolumne weiter: “Es gebe ihn gar nicht, mutmaßen manche - der Typ sei eine reine Kunstfigur. Das ist er nicht. D'Avis arbeitet bereits seit den achtziger Jahren bei 1&1, war dort unter anderem Callcenter-Leiter.” Auch das scheint nicht zutreffend zu sein. Laut Aussage eines Sprechers ist D’avis seit 1993 für das Unternehmen tätig.
König resümiert zum Ende seines Artikels: “Denn als Serviceapostel war der nun beerdigte Leiter Kundenzufriedenheit schon seit längerem mausetot.” Das lässt den Schluss zu, dass D’Avis nicht nur als Testimonial seinen Job los ist, sondern auch seine Anstellung als Leiter Kundenzufriedenheit. Doch aus das stimmt offenbar nicht. Das Gegenteil ist der Fall: "Mit der neuen Kampagne wurde vielmehr der Wunsch von Marcell D'Avis berücksichtigt, ein wenig aus dem Rampenlicht herauszutreten, privater zu leben und nicht zuletzt, sich wieder vermehrt seiner Aufgabe als Leiter Kundenzufriedenheit widmen zu können”, teilt ein Sprecher auf MEEDIA-Anfrage mit.
Während 1&1 die 2009 gestartete Kampagne als Erfolg verbucht, zeugen etliche Clips auf YouTube vom Gegenteil. D’Avis wird hier mitunter als “Leiter Kundenverarsche” tituliert. Daten, die 1&1 in einer 2012 veröffentlichten Präsentation veröffentlichte, untermauern die Tatsache, dass die Kampagne gerade zu Beginn den Zorn vieler Kunden auf sich zog. Rund 50.000 Mails seien allein im ersten Monat unter davis[at]1und1.de eingegangen, wie Lars Wienand bereits Ende Dezember 2011 in der Rhein-Zeitung berichtete.
Interessant: Der Autor konfrontierte König via Twitter mit Fehlern in seinem Text, die dieser auch einräumte. Auf Spiegel Online ist der Artikel aber immer noch unverändert zu lesen. Noch interessanter: Etliche Medien übernahmen die Berichterstattung von Spiegel Online ungefragt. Werben und Verkaufen titelte in seinem Morgen-Newsletter "1&1 schafft den 'Leiter Kundenzufriedenheit' ab”, Lead berichtete über das “Ende für die Werbefigur Marcell D'Avis”. Und auch die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau verkündeten “Das Ende der Werbefigur Marcell D'Avis”. Auch Basic Thinking berichtete am Montagvormittag, updatete mittlerweile allerdings die Fakten.
Ein Blick auf die Webseite von 1&1, auf der aktuelle TV-Spot mit einem Kurzaufritt von D'Avis zu sehen ist, und eine kurze Google-Recherche genügt. Bei Spiegel Online ist Königs Kolumne am Montagnachmittag der meistgelesene und meistverschickte Text des Tages. Kein Wunder: D’Avis ist auch nach seiner Zeit als Testimonial ein dankbares Ziel für Kundenfrust - ob nun in persona oder als vermeintliches Opfer einer Kolumne.
Update, 24.4.2012, 10.11 Uhr: Spiegel Online hat die Passagen zur Dauer der Anstellung von Herrn D'Avis und zu Äußerugen von ihm in Interviews entsprechend geändert.
Update, 24.4.2012, 15.13 Uhr: Auch BrandEins interviewte D'Avis bereits 2010. Der Link wurde nachgetragen.
Letzte Kommentare
24.04.12 10:38
horst reclam
warum spricht man über diese "Figur", ein verlogenes Aushängeplakat für eine Firma ,die eigentlich "aus dem Televerkehr" entfernt werden sollte.
24.04.12 10:07
Petra Ristow Web-Site
@Tom König
Die Formulierung "behält seine Funktionsbezeichnung" ist in der freien Wirtschaft seeehr unglücklich gewählt, jedenfalls wenn man wie ich in einem großen Konzern arbeitet. Dieser Ausdruck ist reserviert für Mitarbeiter, die langjährig tätig, leider unkündbar, aber nutzlos sind.
Diese Mitarbeiter versorgt man mit einem Schreibtisch, einem Stuhl, einer "Funktionsbezeichung", aber nicht mit einer funktionellen Tätigkeit. Sie kommen morgens ins Büro, lesen Zeitung und starren den Rest des Tages an die Wand. Haben übrigens die Japaner sehr schön perfektioniert!
Im übrigen war es mir völlig entgangen, dass hier ein zweiter Dr. Best in den 1&1-Spots auftaucht.
24.04.12 09:32
Dietmar Jürgens
Sorry meine Herren,
aber mir scheint sie arbeiten beide nicht ganz sauber. Dass Herr Davis keine Interviews gegeben hat, stimmt ja so nicht. Eine kurze Recherche im Netz hätte das ans Licht führen können, Herr Königs. Nur passte das Wohl nicht zum Duktus Ihres Artikels.Aber immerhin: Der Artikel hat jetzt eine Korrektur-Anmerkung.
Und was einige Anmerkungen von Herr Disselhof angeht, muss ich dem Herrn K. recht geben. In keinem Punkt des Artikels wird beschrieben, dass er seinem Job verliert. Es gehört schon viel Phantasie dazu, das rauszulesen. Aber auch das passt wohl zum Duktus der Artikels.
Also bitte den Ball auf beiden Seiten flach halten
Mit freundlichen Grüßen
D.Jürgens
Kein Journalist, aber begeisterter Leser
24.04.12 09:31
Andreas Maurer Web-Site
Meines Wissens hat der Kollege Frenzel Herrn Hillenbrandt aka König gegenüber klar dementiert, dass "die D'Avis-Kampagne gescheitert" sei - das muss man nicht glauben, eine Wiedergabe der Stellungnahme des Unternehmens hätte ich trotzdem in einem solchen Artikel erwartet. Hätte aber wohl nicht zum Tenor des Beitrags gepasst, schade.
Die wichtigsten Fakten zum Erfolg der Kampagne stehen in der verlinkten Präsentation (deutlicher Anstieg der Kundenzufriedenheit, Verbesserung des Markenimages, Rückgang der Kundenbeschwerden um rund 40 Prozent). Was den vertrieblichen Erfolg angeht empfehle ich einen Blick in die Quartalsberichte unserer Konzernmutter United Internet.
Übrigens hat Marcell D'Avis diese Präsentation letzte Woche selbst bei der HTW Saarland gehalten, sein dritter öffentlicher Vortrag in diesem Jahr. Die nächsten zwei folgen im Mai.
24.04.12 09:20
Bernd G
Interessant auch die Spitze gegen den Spiegel: "abgestandene News".
Dabei ist doch Meedias Lieblingskind die dBil doch Meisterin darin alte Nachrichten aufzuwärmen wenn sie in den Kram passen, oder einfach nur dann wenn man denkt das es was neues ist.