Man kennt das ja: Wieder bricht die Nacht an, doch wo läuft die beste Party? Das Münchner Nightlife- und Szeneportal Nachtagenten.de bietet Orientierung mit Veranstaltungstipps in der ganzen Republik. Und mehr als das: Bereits lange vor Facebook haben die Nachtagenten damit begonnen, sich eine Online-Community aufzubauen, die mit Profil-Vernetzungen nach den Spielarten eines Social Networks funktioniert. Fast folgerichtig kam es nun im Februar zur Öffnung für Facebook-User.
Man kann es sich kaum vorstellen: Bereits im September 2001 gingen die Nachtagenten auf Erkundungstour – in einer Zeit also, als die Welt nach den Terrorattacken von New York gerade auf dem Weg war, in die Rezession zu taumeln und vom Web 2.0, geschweige denn von Social Networks noch nichts gehört hatte.
Doch genau das waren die Nachtagenten, ohne es vielleicht selbst zu wissen oder zu formulieren: Mehr als zwei Jahre vor Facebook nämlich bildeten sie eine der ersten vernetzten Communities, in der die Mitglieder tatsächlich miteinander in Kontakt traten. Das alles freilich im Dienste der allerbesten Party, die schließlich die beste Vorlage zur Interaktion bot: Wo lief sie, wer würde daran teilnehmen, und wen hatte man vielleicht schon mal wo gesehen?
Diese ewig junge Spiel mit Eitelkeiten konnte natürlich in keiner anderen Stadt der Republik stattfinden als in München, der selbst ernannten Weltstadt mit Herz, die jedoch – so will es das Klischee – so gerne für gebrochene Herzen sorgt. „Sehen und gesehen werden“: Dieses Motto gilt wohl nirgends in Deutschland so ausgeprägt wie in der 1,4 Millionenmetropole an der Isar, wo die viel zitierte Bussi-Bussi-Gesellschaft rund um das legendäre P1 schon immer die ausschweifendsten Partys feierte.
„A bisserl was geht immer“, wusste schon der ewige Stenz von Schwabing in den 80er-Jahren zu berichten: Monaco Franze höchstpersönlich.! Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das echte Verdienst der Brüder Robert und Alan Solansky besteht darin, diese Erkenntnis aus Münchens legendärem Nachtleben in die Internet-Ära übertragen zu haben – und zwar nicht nach 1.0-Manier, sondern als Vorwegnahme des kommenden Mitmach-Internets.
Träger der Vernetzung wurden in einer Zeit, als Fotohandys noch Mangelware und das iPhone bestenfalls als Fiktion denkbar war, omnipräsente Foto-Scouts – die Nachtagenten im wörtlichen Sinne. Unermüdlich schwärmten sie aus und hielten fest, was zur selben Zeit in Hamburg für Kopfschütteln sorgte: Die besten Partybilder der Nacht.
Und tatsächlich: In München spielten die Protagonisten nur allzu bereitwillig die Rolle der Selbstinszenierung: Mädels küssten schon mal gerne Mädels – eben nur für diesen einen Schnappschuss, und zwar durchaus vor dem legendären MTV-Kuss zwischen Madonna und Britney Spears.
Wenig später folgte die ganze Republik bereitwillig: Der nächtliche Exhibitionismus war zum Programm geworden. Das Beste daran: Bei den Nachtagenten konnte er auch am Tag darauf weitergehen – nämlich online, per Chat oder Mail. Der Ansatz zur Online-Vernetzung der Offline-Welt sollte sich in den kommenden Jahren rasant durchsetzen.
Angesichts des auch national enormen Siegeszugs des Web 2.0s in Form von Angeboten wie Xing, StudiVZ, Wer-kennt-wen oder den Lokalisten erscheint es allerdings fast erstaunlich, dass die Nachtagenten bis heute nicht zu den großen Playern im Markt aufgestiegen sind.
150.000 registrierte User folgen den inzwischen von Burda Ventures mitfinanzierten Nachtagenten, die mittlerweile auch verstärkt auf redaktionelle Inhalte setzen. Berücksichtigt man die technikaffine, vergnügungssüchtige Zielgruppe, erscheint das Potenzial der gerade gerelaunchten Community mit Lifestyle-Content noch immer vorhanden. Die Integration von Facebook Connect und eine Kooperation mit MySpace könnten nun für den zweiten Schub sorgen. Dringend nötig wäre dafür aber auch eine mobile Applikation für iPhone & Co.
PLUS / MINUS
Das Potenzial ist da: Sich mit seinen Partyfreunden zu vernetzen und über die letzte Nacht zu amüsieren, liegt im Web 2.0 mehr denn je im Trend...
...die Frage bleibt, ob das bei den Nachtagenten.de passiert. Immer öfter landen die Bilder und Kontakte schließlich bei studiVZ, Facebook und Co.
Autor: Nils Jacobsen
Geschrieben: 23. Februar 2009
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