Wer in der ausufernden Warenwelt den Geschmack des Konsumenten trifft, gewinnt. Nach diesem einfachen Prinzip hat sich Amazon mit seinen Empfehlungen gegen dröge Online-Shops durchsetzen können, und Last.fm gegen eindimensionales Webradio. Die Community machte es möglich. Doch jetzt belebt die Musikplattform Mufin den Traum von der intelligenten Maschine, die den Menschen glücklich macht: Ein rein technisches Analyseverfahren soll zu besseren Empfehlungen führen. MEEDIA hat den Test gemacht.
Der Geschmack ist heute der Schlüssel. Und er dient allen Beteiligten: Wird der Geschmack getroffen, verbessert sich nicht nur das Daseinsgefühl des Hörers, auch der Anbieter von Musik profitiert, denn er verschafft sich buchstäblich beim Konsumenten Gehör. In Online-Communities verraten die Nutzer freiwillig oder unfreiwillig Details ihrer Vorlieben. In diesem speziellen Zusammenhang etwa versorgen Konsumenten die Portale mit Daten über ihr Konsumverhalten: "Käufer dieser CD haben sich auch für jene interessiert". Doch es geht auch anders.
Eine Binsenweisheit der Geschmacksforschung besagt, dass Ähnlichkeit die Schwester der Vorliebe ist. Das macht sich Mufin zunutze. Der Kunde kann in der umfangreichen Datenbank ein Stück eingeben und Mufin sucht Musik mit ähnlichen Qualitäten – wie Geschwindigkeit, Lautstärke oder Fequenzspektrum. Das ist nicht ganz neu: Pandora basiert auf diesem Rezept; in Hamburg gab es vor dem Platzen der Dot.com-Blase einmal eine Firma namens HiFind.
Doch dies waren redaktionell erstellte Angebote, Menschen aus Fleisch und Blut haben die Musikstücke angehört und ihnen eindeutige Parameter zugeordnet, über die sie sich in der Datenbank verwalten ließen. Mufins Analyse kommt verzichtet ganz auf das menschliche Ohr. Der Service nennt sich bewusst "Musikentdeckungsmaschine". Sie nutzt Algorithmen aus dem Fraunhofer-Institut und untersucht die Audio-Dateien rein signalbasiert und selbständig. Die Technik kam bereits bei M2Any zur Anwendung, die GmbH wurde später in "Mufin" umbenannt.
Das Verfahren arbeitet nicht nur unabhängig von Stimmungsschwankungen der Analytiker, sondern auch von Honoraren oder Lohnnebenkosten. Und es hat noch einen weiterer Vorteil, sagt Jörn Hendschke von Mufin: Die Technik lässt sich auf verschiedenen Plattformen nutzen. Sie kann sowohl abgespeckt und in eine kleine Software integriert auf dem PC zur Anwendung kommen, um die eigene Musiksammlung zu untersuchen, wie hochskaliert für die zigfache Datenmenge im Internet – oder sogar auf dem Handy genutzt werden.
Zwar ist es möglich, die Musikstücke bei Mufin auch anzuhören, leider aber nur als kurzen Ausschnitt. Die Musiksuche ist gratis, dafür gibt es bei jedem Musikstück einen Link zu einem Online-Händler.
In Test funktioniert Mufin befriedigend. Zu Hoagy Carmichaels "Lazy River" schlägt Mufin "Weary Blues" von Louis Armstrong oder Ellis Lankins' "Blue Moon" vor. Kurios: Zu "Different Trains" von Steve Reich ermittelt Mufin zuallererst Allegros von Bach. Bei "Key is a fact..." von Melt Banana zeigen sich endgültig die natürlichen Grenzen der automatisierten Musikerkennung: Witchery bringen es zwar auf ähnliche Bpms, auch das Instrumentarium ist vergleichbar; doch der Geist ist grundverschieden. Und in diesem Zusammenhang so etwas wie "Looking Back" von Heaven's Gate vorzuschlagen, fiele einem Wesen mit Anstand und Grips zwischen den Ohren wohl kaum ein.
Neugierige Hörer können mit Mufin durchaus neue Musik entdecken. Es ist ein interessanter Versuch für einen Musik-Service, ein rein technisches Audio-Analyseverfahren zu nutzen. Den Traum von der intelligenten Maschine, die den Menschen glücklich macht, verwirklicht Mufin noch nicht.
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