Springers Boulevard-Gigant Bild leidet seit Jahren unter deutlich rückläufigen Verkaufszahlen. So weit, so bekannt. In den großen NRW-Städten allerdings sieht es noch schlimmer aus als im Bundesdurchschnitt. Wie die Zahlen der IVW-Verbreitungsanalyse 2012 zeigen, verlor Bild in Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen jeweils stärker als insgesamt. Vor allem in Köln ist die Lage dramatisch: ein Minus von 20,8% in nur zwei Jahren. Doch auch die regionalen Marktführer verlieren hier viele Käufer.
Für unsere Analyse des Zeitungsmarktes NRW, die vierte nach Berlin, Hamburg und München, konzentrieren wir uns auf die vier einwohnerstärksten Städte des Landes: Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen. In all diesen vier Städten gibt es einen unangefochtenen lokalen Marktführer, die Konkurrenz ist allerdings sehr unterschiedlich stark ausgeprägt. So verfügt die WAZ in Essen über keinen wirklichen Konkurrenten, in Köln dominieren die Zeitungen der Zeitugsgruppe Köln (Stadt-Anzeiger, Express, etc.), in Dortmund haben es die Ruhr Nachrichten immerhin mit WAZ und WR zu tun, die Rheinische Post muss sich in Düsseldorf hingegen mit Express, Bild, Westdeutscher Zeitung und NRZ auseinander setzen.
Interessant daher, dass trotz fehlender Konkurrenz die WAZ in Essen der größte Verlierer unter den vier Marktführern ist: ein Minus von 7,7% verzeichnet die IVW-VA gegenüber der 2010er-Ausgabe für das Blatt. Die Ruhr Nachrichten büßten in Dortmund hingegen 6,0% ein, die Rheinische Post in Düsseldorf 5,0% und die Abozeitungen der Zeitungsgruppe Köln (vor allem Stadt-Anzeiger) in der Domstadt nur 4,8%. Die Bild verliert in den vier Städten heftige 11,6% bis 20,8%, der Bundesdurchschnitt lag im selben Zeitraum darunter bei 11,4%. Der Blick auf die Entwicklungen in den einzelnen Städten:
In Köln dominiert die Zeitungsgruppe Köln das Geschehen nach Belieben - durch das dramatische Minus der Bild (-20,8%) sogar noch mehr als vorher. 105.818 mal wechseln die Abozeitungen des Unternehmens täglich den Besitzer, immerhin 63.373 mal der Express - alle anderen Zeitungen zusammen kommen in Köln auf gerade mal 53.191 Verkäufe. Die Bild verliert dabei mit nur noch 17.436 Exemplaren immer mehr den Anschluss, selbst die F.A.Z. kommt mit 10.332 allmählich näher. Heftigste prozentuale Verlierer sind die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung, die 56,3% bzw. 49,1% ihrer Kölner Verkäufe eingebüßt haben.
Allerdings - und das sei als Warnung für all die in dieser Analyse genannten Zahlen gesagt - lässt sich dabei nicht zwischen den einzelnen Auflagenkategorien der IVW unterscheiden. Wie viele Exemplare die beiden Zeitungen also womöglich nur dadurch verloren haben, dass sie die sonstigen Verkäufe und/oder die Bordexemplare heruntergefahren haben, ist unbekannt. Mit genau diesen beiden Auflagenkategorien, in denen nicht so viel Geld fließt wie bei den Einzelverkäufen und Abos, dürfte hingegen die FTD und womöglich auch Der Tagesspiegel ins Plus gekommen sein. Bundesweit hat die FTD ihre Bordexemplare in den zwei Jahren um mehr als 33% erhöht - ein Teil davon könnte nach Köln/Bonn geflossen sein.
Ähnliche Gründe dürfte das erstaunliche 24,1%-Plus der FTD auch in Düsseldorf haben. In der Heimatstadt des Konkurrenten Handelsblatt liefert man nun offenbar mehr Exemplare an den Flughafen als noch 2010. An die Zahlen des Handelsblatts kommt man dennoch nicht ganz heran, es liegt mit 8.349 Verkäufen auf Platz 7. Die beiden Top-Zeitungen der Stadt sind in den beiden Jahren vergleichsweise glimpflich davon gekommen. Die Rheinische Post verlor nur 5,0%, der Express sogar nur 4,4%. Er setzt sich mit 22.620 verkauften Exemplaren damit sogar noch deutlicher von der Bild ab, die nun sogar unter 20.000 bleibt. Zum Vergleich: 2008 lag die Bild noch recht klar vor dem Düsseldorfer Express.
Die beiden Abozeitungs-Konkurrenten der RP verlieren unterdessen immer deutlicher den Anschluss: Die Westdeutsche Zeitung verlor seit 2010 heftige 21,0% ihrer Düsseldorfer Verkäufe und liegt nun sogar hinter dem Duo Welt/Welt kompakt, sowie der F.A.Z. Die NRZ spielt mit 5.010 Verkäufen und einem Minus von 21,0% kaum noch eine Rolle in der Landeshauptstadt. Auflagengewinner neben der FTD: die Essener Ausgaben der WAZ und NRZ, die taz mit 10 gewonnen Käufern und die Zeitungsgruppe Köln mit 8.
In der Stadt des deutschen Fußballmeisters Dortmund haben die Ruhr Nachrichten ihren Vorsprung an der Spitze der Tabelle weiter ausgebaut. Zwar verlor das Blatt gegenüber 2010 6,0%, doch die Dortmunder/Wittener Ausgaben der WAZ und der WR büßten im selben Zeitraum 12,7% ein. Mit 61.729 zu 34.666 verkauften Exemplaren ist der Vorsprung der Ruhr Nachrichten sehr komfortabel.
Auf fünfstellige Verkaufszahlen kommt in Dortmund ansonsten nur noch die Bild, mit einem Minus von 11,6% fiel sie aber wie in Düsseldorf unter die 20.000er-Marke. Das restliche Feld führen die überregionalen Blätter F.A.Z., Welt/Welt kompakt und Süddeutsche an, die 2.237 bis 2.540 Verkäufe erreichen. F.A.Z. und Süddeutsche sind in Dortmund zudem die beiden einzigen Gewinner der aktuellen VA. Größter prozentualer Verlierer ist auch hier die Frankfurter Rundschau mit einem Minus von 55,8%.
Noch eintöniger sieht die Top-15-Tabelle in Essen aus. Wegen fehlender lokaler Konkurrenz finden sich die überregionalen Zeitungen hier schon ab Platz 2. Hinter der WAZ/NRZ Essen, die mit 86.264 einsam ihre Runden zieht, aber eine um 7,7% geringere Käuferschaft als 2010 verzeichnet, folgen die Bild, das Duo Welt/Welt kompakt, die F.A.Z., die Süddeutsche und das Handelsblatt. Der Rest verkauft sich weniger als 500 mal, kann also vernachlässigt werden. Die einzigen Gewinner in Essen: die F.A.Z. und die Süddeutsche.
Letzte Kommentare
27.07.12 16:25
Florian Flammenberg
Jeder findet das, was er meint zu brauchen, auf dem deutschsprachigen Medienmarkt. Vielleicht nicht täglich gedruckt, aber doch wöchentlich oder monatlich oder jederzeit im Internet.
26.07.12 20:38
Gerhard Kaiser
Herr Grünig, es stimmt schon was Sie schreiben.
Etwas mehr Information erhält man aus sog. "Rechtsradikale" Publikationen, wenn Sie nicht gerade ein zu heißes Eisen anfassen und gleich die Auflage verboten wird, obwohl vor der Veröffentlichung anwaltlich geprüft werden.
26.07.12 20:21
Frank Grünig
Herr Schulze, es tut mir von Herzen Leid wenn ich Sie in Ihrem Glauben an die Aufrichtigkeit deutscher Medien verletzt haben sollte. Leider, dass muß ich betonen, leider sind es aber die Medien selber die jedem wirklich wichtigen Thema aus dem Wege gehen. Natürlich stimme ich zu das sich die Gleichschaltung auch durch andere Länder zieht, eben weil wir zwar eine garantierte Pressefreiheit aber keine freie Presse haben- Das Land dem ich eine durchaus geringere Gleichschaltung zuspreche ist Russland. Vor 25 Jahren haben deutsche Medien berichtet was in Russland nicht erwähnt werden durfte. HEUTE ist es so, dass sich in Berlin bekannte Ökonomen, Staatsrechtslehrer und Wirtschaftgrößen treffen, eine eintägige Tagung machen, die trotz EINLADUNG von keiner Zeitung, Von keinem TV-Team und von keinem Radiosender besucht wurde. Nur Russland hatte einen TV-Team dort, welches live auf Sendung ging.
Bitte verstehen Sie mein Anliegen also nicht als einen persönlichen Angriff gegen Sie oder einen Journalisten der dazu gezwungen wird die Wahrheit nicht zu schreiben. Aber es wird auch nicht besser wenn man sagt das die anderen ja auch Probleme haben. Wenn alle warten bis der andere es besser macht, dann Herr Schulze wird es niemals besser.
26.07.12 18:48
Ulrich Schulze
Bei aller gelegentlich notweniger und berechtiger Kritik an den Medien in Deutschland: Frank Grünig möge bitte ein Land nennen, in der die Medien transparenter, weniger "gleichgeschaltet" und freier sind. Bitte nur eines. Und dann bitte möge er darüber nachdenken wie unfehlbar er selbst in seiner höhnischen Kritik ist.
26.07.12 18:20
Frank Grünig
Sehr Interessant zu lesen wie Bild und Co an Umsatz verlieren. Natürlich hängen Arbeitsplätze an jeder verkauften Zeitung, doch wenn man sich ansieht wie gleich-geschaltet die Zeitungen in der BRD berichten, wenn man bedenkt das niemals echte, harte Kritiker zu den ganz wichtigen Themen zu Wort kommen, dann kann ich nur sagen - selbst Schuld.
Es gäbe so vieles zu Berichten was die Politik angeht...So werden mit dem ESM Dinge in Gang gebracht die einen Eintritt in eine andere Staatsform ermöglichen könnten, eine Staatsform die schon jetzt nach einer Diktatur aussieht. Sie könnten darüber schreiben das der Bürger auch in der EU nichts zu melden hat, das er mit seiner Stimme ein EU Parlament wählt das selber absolut keinen Einfluss auf die Gesetze der EU Kommission hat....
Doch die Zeitungen zeigen lieber eine nackte Frau als die nackte Wahrheit, sie spammen den Leser mit uninteressanten NEWS zu Stars und Sternchen voll und merken nicht wie sie sich selber den Ast absägen auf dem sie sitzen.
Wenn eine Zeitung da mal den anderen Weg versuchen mag, dann empfehle ich Prof. Schachtschneider, Prof. Hankel, Andreas Popp und Christoph Hörstel für eine nächste Ausgabe. Ich rate aber dringend dazu das Gespräch ein zu eins zu drucken-