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Neue Diskussion um Vergünstigungen für Medienvertreter

Wulff-Effekt: Bahn schafft Presserabatt ab

Vielleicht könnte die Debatte um den Abgreif-Präsidenten Christian Wulff ja mit Zeit-Verzögerung ja auch einen positiven Effekt haben. Nicht zuletzt auf die Medien. Die Deutsche Bahn hat vergangenen Freitag Briefe an jene Medienvertreter verschickt, die eine Bahncard zu so genannten Pressekonditionen erworben haben - mit satten 50 Prozent Rabatt. Dies sei nicht mehr zeitgemäß, schreibt die Bahn. Für Journalisten eine gute Gelegenheit, sich an die eigene Nase zu fassen.

Denn natürlich sitzen viele Kommentatoren und Berichterstatter, die wie im Fall Wulff die Raffgier der herrschenden Klasse anprangern, im Glashaus. Da wird darauf geschimpft, dass der Bundespräsident irgendwelche Upgrades oder sonstige Vergünstigungen in Anspruch nimmt und fünf Minuten später, greift der Journalist ungerührt zum Telefon und fordert mit größer Selbstverständlichkeit Presserabatte bei Autokauf oder Urlaubsreise ein. Immerhin: Die Airline Air Berlin, die Christian Wulff einst so großzügig upgradete, ist in Journalistenkreisen auch dafür bekannt, Medienvertreter für die Hälfte durch die Weltgeschichte zu fliegen. Warum eigentlich?

Die Sache mit den Presserabatten ist eine seltsame Geschichte. Keiner weiß so genau, warum es sie gibt, aber alle, oder zumindest die allermeisten, Medienvertreter nehmen sie gerne in Anspruch. 10 bis 15 Prozent beim Autokauf, 10 Prozent beim Reiseanbieter, 50 Prozent bei der Bahncard und 25 Prozent bei Air Berlin; in Museen und manchen Zoo kommt man mit Pressausweis auch ganz bequem für lau rein. In der täglichen Praxis vieler ist der Presseausweis zu einer Rabatt-Karte verkommen.

Ausgerechnet die Bahn wagt jetzt den Schritt und streicht den Presserabatt. “Das neue Jahr 2012 hat die Bahn zum Anlass genommen, diese Regelung intern auf den Prüfstand zu stellen.” Nach eingehender Prüfung sei die Bahn zum Schluss gekommen, dass der Presserabatt “nicht mehr zeitgemäß ist”. Die interessante Begründung: “Nicht nur die Medienwelt hat sich grundlegend verändert, auch die gesellschaftliche Sicht der Dinge wandelt sich, ebenso die Diskussionen innerhalb des journalistischen Berufsstandes.”

Man meint förmlich das Wort "Wulff" zwischen den Zeilen herauslesen zu können. Vielleicht hat der eine oder andere Medienmensch beim Abfassen eines Wulff-Kommentars ja auch mal kurz an die Finanzierung des eigenen Autos, an das großzügig als “Dauerleihgabe” überlassene Testgerät oder den letzten, sehr günstigen Flug gedacht.

Aber egal ob die Eskapaden des Ex-Präsidenten nun ein Auslöser für den Schritt der Bahn waren oder nicht. Die Bahn hat Fakten geschaffen und es würde unserer Zunft gut tun, dies zum Anlass zu nehmen, künftig in der Tat auch ein wenig sorgfältiger auf das eigene Verhalten zu schauen, bevor gerichtet wird. Denn für die Presserabatte gilt ganz genau wie für Politiker-Schnäppchen: Ohne Hintergedanken werden diese ganz sicher nicht gewährt. Dem zurückgetretenen Bundespräsidenten haben wir ins Stammbuch geschrieben, dass nicht alles, was rechtlich zulässig ist auch korrekt ist. Wir Medienvertreter sollten uns auch an unseren eigenen Maßstäben messen lassen. Dafür, dass sie diese notwendige Diskussion angestoßen hat, ist der Bahn zu danken.

Stefan Winterbauer

05.03.2012
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  • 03.01.2013 Die meistgefragten Presserabatte 2012
  • 26.03.2012 Presserabatte: Sind wir denn alle Wulff?

Letzte Kommentare

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08.03.12 23:31

Lola Rennt

@ Frank Kemper, danke für die wahren Worte! Tatsächlich müssen Journalisten die Bahncard jedes Jahr aufs neue beantragen. Das geht nur mit Journalistenausweis, der inzwischen 65 Euro (75 plus Presse-Autoschild)Jetzt können sich alle mal ausrechnen, wie viel Rabatt der Journalist tatsächlich bekommt.
@Schorsch Sieger, stimmt, wir Journalisten verdienen grade mal ein bisschen mehr als wir für die Zugkarte kriegen. Das Brot der Freien ist hart (Krankenversicherung, Materialkosten...etc) Reich wird man davon nicht. Wenn ich jeden Monat 16000 Euro pro Monat kriegen würde wie Wulff, bräuchte ich auch keine Rabatte.

07.03.12 12:15

Frank Kemper Web-Site

Herr Winterkorn schreibt in seinem Text, dass niemand so genau wisse, woher die Sache mit den Presserabatten überhaupt käme. Das ist doch sehr einfach zu beantworten: Presserabatte werden nicht Journalisten gewährt, sondern Inhabern von Presseausweisen. Um einen Presseausweis zu haben, muss man entweder in einem Medienunternehmen als Journalist arbeiten oder einem entsprechenden Berufsverband angehören - oder man muss einem ausgebenden Verband gegenüber den Nachweis führen, dass man als Journalist tätig ist. Dann bekommt man den Presseausweis - das lassen sich übrigens die Verbände ordentlich bezahlen. Presseausweisbesitzer sind eine Gruppe, die sich über ihren Presseausweis gut legitimieren können und deshalb ideale Zielpersonen für Kundenbindungsmaßnahmen sind. Eine Firma wie Mercedes-Benz verkauft rund ein Drittel ihrer Produktion zu "Mitarbeiterkonditionen", die Nutznießer dieser Konditionen sind: Beamte, Fuhrparkbetreiber, Autovermieter, Taxifahrer, Fahrlehrer und auch Journalisten. Würde Mercedes diesen ganzen Gruppen diese Rabatte nicht gewähren, würden sie weniger Autos verkaufen. Aus demselben Grund sind Mercedes-Autos in Dänemark vor Steuern auch billiger als in Deutschland, weil die Steuern in Dänemark höher sind. Die meisten Gewerkschaften handeln für ihre Mitglieder Rabatte aus, die in der Regel nichts damit zu tun haben, was die Gewerkschaft oder ihre Mitglieder tun - es ist eine schlichte Verkaufsförderungsmaßnahme. Ein Rabatt auf ein Auto wird für einen Journalisten in dem Moment zum Problem, in dem er sich dadurch in seiner Berichterstattung über Autos und die Autoindustrie beeinflussen lässt. Nur: Die meisten Journalisten schreiben gar nicht über die Autoindustrie, da lässt sich nichts beeinflussen. Und die Journalisten, die in Auto-Zeitungen arbeiten, fahren ohnehin dauernd Testwagen, das ist ihr verdammter Job. Sie verdienen Geld damit - warum sollten sie dafür bezahlen?

Jetzt hat die Bahn ihr Kundenbindungsprogramm "Journalisten-Bahncard" eingestellt. Bitter ist das für freie Kollegen, die ihre Bahncard aus der eigenen Tasche zahlen müssen und die gegenüber ihren Abnehmern kein Standing haben, das es ihnen erlaubt, ihre Reisekosten in voller Höhe geltend zu machen. Den angestellten Journalisten wird es mehr oder weniger egal sein: Sie rechnen ihre Reisekosten mit dem Arbeitgeber ab. Und jeder Arbeitgeber, dessen Angestellter mehrfach im Jahr mit der Bahn fährt, tut gut daran, dem Angestellten die Bahncard zu bezahlen. Tut er dies nämlich nicht, darf der Angestellte die volle Höhe des Tickets abrechnen, auch wenn er selbst Rabatt bekommen hat (weil er selbst die Rabattkarte gekauft hat). Es ist ein äußerst fragwürdiges Argument, wenn man die Berichterstattung von Journalisten über korrupte Politiker mit der Bemerkungung torpedieren will, die Journalisten sollten sich an die eigene Nase fassen: Journalisten sind keine Politiker. Wir unterliegen anderen gesetzlichen Regelungen - und wir unterliegen auch einer anderen Altersversorgung. Wir dürfen Rabatte auf Neuwagen annehmen, Politiker dürfen das nicht. Dafür haben wir in der Regel auch keine Dienstwagen. Also Augen auf bei der Berufswahl.
Das Argument, den Journalisten stünde ein Rabatt auf eine Bahncard zu, weil es für sie ein unverzichtbares Mittel zur Berufsausübung sei, teile ich nicht: Gerade auf Dinge, die für uns unverzichtbar zum Arbeiten sind, bekommen wir keinen Rabatt, weil wir sie ja doch kaufen müssen. Und die Bahn kann es sich leisten, auf Rabatte zu verzichten, weil sie ein Monopolist ist und keine Konkurrenz zu befürchten hat. Vielleicht täuscht sie sich dabei aber auch, denn vielleicht wird so mancher Journalist jetzt doch lieber mit Air Berlin nach Hamburg fliegen, statt mit der Bahn zu fahren, wo man nie weiß, ob das Scheißding nicht wieder irgendwo stehen bleibt.
Noch ein letzter Satz zur Rabatt-Bahncard. Im Gegensatz zur normalen Bahncard hat sich die Journalisten-Bahncard nicht automatisch verlängert, man musste sie jedes Jahr neu beantragen. Und wer immer noch Rabatt haben will: Die Bahn bietet eine Bahncard 25 zum Sonderpreis an. Für alle. Die die eine für ihren Job brauchen, haben ohnehin schon eine.

06.03.12 19:04

Jan Lüdtke

@Jens Hoenemann Ui, ui, ui,da schwingt aber einer fleissig die Moralkeule und wähnt sich auf der sichern Seite, spricht gar mit Volkes Stimme!? Wenn sie die Argumente der Journalisten-Kollegen mal ausführlich lesen würden, würde ihnen auch ein Licht aufgehen. In diesem Land wird oftmals nur mit "Futterneid" gearbeitet und sie fallen auf diesen plumpen Populismus rein. Der gemeine Arbeiter sieht natürlich alle, außer sich, bevorteilt. Und wie unten ein Schreiber so schön ausführte, essen wir ja alle bei 3Sterne Köchen und fliegen/fahren/schlafen immer erster Klasse. Das es im freien Gewerbe völlig normal ist, daß sie heute in München, morgen in Berlin und übermorgen in Dresden zu sein haben, egal wie und was es kostet, ist vielen egal. Dem Auftragegeber ist es übrigens auch egal, wie sie das machen. Hauptsache sie sind pünktlich und machen ihren Job ordentlich. Dieser Wahnsinn in diesem Neidland kann nur gestoppt werden, wenn wir alle mal die Berufsgruppen tauschen.(Achtung Ironiemodus).Dann dürfen sich auch tariflich gesichterte Nine to Five-Arbeitnehmer anschaun, wie schön doch alles ist, bei den freiberuflichen Journalisten. Und natürlich würden sie Herr Hoenemann niiiiiiiie im Leben Rabatte annehmen.

06.03.12 10:02

Schorsch Sieger

Warum regten sich alle so auf? Die Journalistenschelte klingt, als ob nur ich als Journalist einfach so auf jede Fahrkarte 50 Prozent Rabatt bekomme. Um das mal klar zu stellen: Ich zahle über hundert Euro für die Bahncard, ein Normalsterblicher 200, der dann auch für 50 Prozent fahren kann. Das Bestechungsgeld der deutschen Bahn liegt also bei sage und schreibe 100 Euro. Jedes Sparticket ist auf Dauer günstiger. Ich habe die BC nur, um flexibel zu meinen Terminen fahren zu können. Zu den vergünstigten Spartickets reicht der Zeitabstand meistens nicht. Ob mit oder ohne Bahncard übersteigt der Verdienst, der hinterher aus dem Termin rumkommt, sowieso meistens nur knapp den Preis der Fahrkarte. Ich habe keinen Geschäftswagen, bekomme keine Bahncard als mobiler Angestellter von meiner Firma bezahlt. Also, was soll der ganze Fressneid? Mein Stundenlohn der Schreiberei übersteigt bei den mickrigen Verlagshonoraren netto oft nicht mal den einer Bäckereifach-Verkäuferin. Von welchen Journalisten wird hier eigentlich geredet? Machen wir uns nichts vor, es ist wie schon vorher vermutet, der Spartrieb der Bahn, der hier in Form von Negativ-PR verkauft wird! Das ausgerechnet Urban Priol darauf reingefallen ist und die geldgeilen Journalisten an den Pranger stellt, schafft mich am meisten....

06.03.12 00:45

Lola Rennt

Ach ja, selbstverständlich sollten Journalisten von jetzt an auch noch die Eintrittskarten für Veranstaltungen, über die sie schreiben sollen, selbst bezahlen. Vor allem, wenn sie das Konzert/Theaterstück gut finden. Denn warum sollte man jemanden auch noch für sein Vergnügen bezahlen?

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