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Zeit-Chef Esser über Erfolge und zu Guttenberg-Kritik

"Wir werden eine Rekordauflage haben"

Kein leichtes, aber ein erfolgreiches Jahr für die Zeit. Im MEEDIA-Interview zieht Geschäftsführer Rainer Esser eine erste Bilanz: So wird erstmals in der Zeit-Geschichte die Auflage in allen vier Quartalen über 500.000 Exemplaren liegen. Eine vermeintliche Abo-Delle durch das zu Guttenberg-Interview dementiert Esser. Generell hält er die Medien-Diskussion zu diesem Thema für "Nonsens". Zudem nennt Esser erste Zahlen zur iPad-App: "Wir haben mittlerweile über 10.000 Käufer pro Ausgabe."

Ich glaube, ich kenne Ihr aktuelles Lieblings-Thema.
Ich ahne, was Sie meinen.

Reden wir also erst einmal über das Guttenberg-Interview von Giovanni di Lorenzo. Hat es Sie überrascht, welch hohe Wellen es schlägt?
Sie haben recht: Es dürfte das Interview in diesem Jahr sein, aus dem alle anderen Medien am häufigsten zitiert haben. Das zeigt, welchen Nachrichtenwert dieses Interview hat und wie spannend es ist.  

Es war sogar Bild-Aufmacher.
Das ist richtig.

Verkaufen Sie mehr Ausgaben, wenn die Zeit-Titelgeschichte auf dem Bild-Cover ist?
Nein. Dazu sind die Zielgruppen viel zu unterschiedlich. Trotzdem freuen wir uns natürlich, wenn unsere Geschichten einen so hohen Nachrichtengehalt bieten, dass alle große Tageszeitungen ausführlich daraus zitieren.
 
So häufig wie andere Medien das Guttenberg-Interview aufgriffen, so heftig fiel dann auch die Schelte für Zeit-Chefredakteur di Lorenzo aus. Können Sie die heftigen Reaktionen nachvollziehen?
Die heftige Reaktion mancher Leser können wir gut nachvollziehen. Die Person Guttenberg hat viele Menschen erst im positiven, dann im negativen extrem polarisiert. Noch nie wurde ein Politiker so hochgejubelt und ist dann wieder so tief gefallen in so kurzer Zeit. Es ist die Aufgabe unserer Redaktion, mit allen journalistischen Stilmitteln dies für unsere Leser transparent zu machen, damit sie sich ihr eigenes Bild machen.

Und die Medienkritik?
Die Kritik der Leser nehme ich ernst, die Kritik der Medien ist hingegen Nonsens. Jeder politische Redakteur, der seinen Beruf ernst nimmt, hätte dieses Interview geführt. Wie erfolgreich er es führt, zeigt einzig das Ergebnis, das heißt was konnte er aus seinem Interviewpartner herausholen. Ich weiß nicht, ob Sie das Interview oder das Buch gelesen haben?

Habe ich.
Dann ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass Herr zu Guttenberg sich im Laufe des Interviews vollkommen entzaubert hat. Das hat auch mit Giovanni di Lorenzos Gesprächsführung zu tun. Wenn er seinen Interviewpartner ständig beschimpft hätte, wie es einige Großkritiker jetzt fordern, wäre das mit Sicherheit nicht gelungen.

Die Berliner Zeitung hat am vergangenen Donnerstag von „hunderten Abo-Abbestellungen“  wegen des Guttenberg-Interviews gesprochen. Gibt es die wirklich?
Nein. Offengestanden weiß ich nicht, weshalb sie diesen Unsinn in die Welt setzte. Wir fragen zwar unsere Abonnenten nach dem Grund ihrer Abo-Kündigungen. Es gibt aber keine Statistik, die diese Angaben so schnell auswertet. Deshalb ist es unmöglich, eine solche Aussage zu treffen.

Verzeichnet die Zeit überhaupt einen Abo-Rückgang?
Wir werden im 4. Quartal als einziger unter den großen überregionalen Titeln im Abo mit über 10.000 wachsen.  Die Folge ist ein sehr erfreuliches Gesamtergebnis.

Was heißt erfreulich?

Wir werden im Abo wie im Gesamtergebnis eine neue Rekordauflage haben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Zeit wird 2011 die Auflage in allen vier Quartalen über 500.000 Exemplaren liegen. Auch das 4. Quartal wird substantiell über Vorjahr liegen.

Heißt das, dass auch Umsatz und Gewinn ein neues Allzeithoch erreichen?

Ja.

Wie drückt sich das in Zahlen aus?
Der Umsatz wird deutlich über dem Vorjahr liegen, der Gewinn steigt entsprechend. Besonders erfreulich ist die Entwicklung im Bereich Markenartikel. Dort gelingt unserem Vermarkter, der iq media, ein Plus von 17 Prozent gegenüber Vorjahr.

Wie entwickelten sich die Rubrikenmärkte?

Gegen den allgemeinen Trend sehr positiv. Hier erwarten wir einen Zuwachs von fünf Prozent. Das betrifft die Stellenanzeigen genauso wie beispielsweise die Verlagsanzeigen. Die Verlage werden für uns ein immer wichtigerer Partner.

Das sind Segmente, in denen andere Titel kräftig rudern müssen.

Ja. Aber mit unserem Literaturmagazin, das vier Mal pro Jahr erscheint, oder auch den zahlreichen Veranstaltungen, die wir zusammen mit Autoren und Verlagen machen, bieten wir ideale Umfelder. Wir bringen Leser, Autoren und die Zeit vielfältig zusammen. Überhaupt gehört es zu den Besonderheiten der Zeit, dass wir fortwährend in Kontakt mit unseren Lesern stehen. Wir machen pro Jahr über 100 Events, Foren, Matineen, Konferenzen oder Veranstaltungen der Zeit Akademie. So erreichen wir in diesem Jahr rund 50.000 bis 60.000 Menschen. Darin liegt einer der Gründe für unseren großen Abo-Erfolg. Es gibt wohl kaum einen Titel, der mit so vielen Menschen in persönlichen Kontakt kommt. Das sorgt für eine sehr hohe Leser-Blatt-Bindung und hilft ungemein, neue Leser zu überzeugen.

Der berühmte Elfenbeinturm, in dem Redaktionen sitzen sollen, ist bei der Zeit also nur noch eine Mär?

Die Redaktion hat längst ihren Elfenbeinturm verlassen und besucht – wie zu unserem Geburtstag geschehen – in großer Zahl unsere Leser auch persönlich zu Hause.

Gibt es weitere Gründe für das Abo-Wachstum?
Wir haben auch hervorragende Vertriebsexperten, denen es immer wieder gelingt, neue, innovative Wege zu beschreiten. Zudem profitieren wir stark vom Wachstumserfolg von Zeit Online.

Wie das?

Die Leserstruktur von Zeit Online und der Print-Ausgabe ist fast identisch. Trotzdem gibt es nur eine Überschneidung von 20 Prozent. Hier liegt also noch ein ungeheures Potential, das wir immer stärker erschließen.

Bei der IVW gehört der Web-Auftritt mittlerweile regelmäßig zu den großen Gewinnern. Arbeitet das Web-Team um Chefredakteur Wolfgang Blau und Geschäftsführer Christian Röpke denn schon profitabel?
Fast. Alleine in diesem Jahr wird der Umsatz um über 50 Prozent wachsen.

Wie hoch ist der Anteil von Zeit Online am Gesamtergebnis der Zeit?

Der Anteil liegt bei rund zehn Prozent des Umsatzes.

Wenn wir schon bei der Digitalisierung sind. Wie entwickelt sich die neue iPad-App?
Sehr gut. Auf unsere zweite App, die im September eingeführt wurde, sind wir sehr stolz. Ich kann Ihnen verraten, dass wir mittlerweile über 10.000 Käufer pro Ausgabe haben.
 
Und die zahlen auch alle für die Digital-Ausgabe?

Ja. Für Spontankäufer kostet eine iPad-Ausgabe 3,99 Euro. Im Abo beträgt der Preis 2,99 Euro und Print-Abonnenten zahlen zusätzlich 40 Cent pro Ausgabe.

Sind dann nicht die meisten der 10.000 Käufer Print-App-Doppelleser?

Nein, der Löwenanteil stammt aus den ersten beiden Gruppen.

Sie haben jetzt fast nur positive Zahlen verkündet. Geht das dann nächstes Jahr einfach so weiter?
Ich bin kein Prophet und will mir keine Vorhersagen anmaßen. Nur es gibt bisher überhaupt keine Anzeichen für eine andere Entwicklung unseres Geschäfts. Die Auflage steigt und auch die Anzeigenbuchungen für das nächste Jahr liegen aktuell über dem Vorjahreswert.

Ob Online, im Corporate Publishing, bei den Magazinen, der Akademie oder der gedruckten Zeit: Das Wachstum kann also ungebremst so weitergehen?
Wenn das so einfach wäre. Wir rollen jedes Jahr aufs Neue unseren Fels den Berg hoch. Am Ende werden wir dann sehen, ob wir ihn wieder noch höher bekommen haben wie im Jahr zuvor.

Alexander Becker

12.12.2011
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    Letzte Kommentare

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    17.12.11 23:07

    H. Jochen Bussmann

    Die Aussage, es gäbe keine hausinterne Zahln über Kündigungen wegen des Guttenberg-Interviews, ist falsch: Giovanni di Lorenzo schreibt alle Abonnenten, die dies als Grund ihrer Kündigung genannt haben, mit einem langen und inhaltsleeren Brief an und bietet 4 freie ZEIT-Ausgaben (als Schmerzensgeld ?!) an.

    Das Ganze zeigt einen nun doch erstaunlichen Grad an mangelnder Urteilsfähigkeit. Wenn di Lorenzo und der Geschäftsführer der ZEIT die Leser für so blöd hält, möchte ich nicht mehr dazu gezählt werden.

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