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Seit rund einem Jahr ist Spahl Chef der Springer Akademie

"Wir reizen die Wertschöpfungskette aus"

Seit einem Jahr ist Marc Thomas Spahl Chef der Axel Springer Akademie: Unter seiner Regie wurde das weltweit erste iPad-Magazin einer Journalistenschule entwickelt, aus dem nun ein Welt-kompakt-Ressort wird. Zudem holte ein weiteres Projekt einen Grimme-Preis. Nun zieht Spahl eine erste Bilanz, die zeigt: der Lehrer ist stolz auf seine Schüler. "Gerade hat einer unserer Studenten exklusiv für Bild die Geschichte recherchiert, dass der Hauptverantwortliche im Dioxin-Skandal 18 Jahre lang für die Stasi spioniert hat."

Am gestrigen Montag, gaben Sie bekannt, dass Ihr Akademie-Projekt Kraftwerk D ein eigenes Ressort in der Welt kompakt wird. Was versteckt sich hinter dem etwas sperrigen Namen?
Jedes Team macht am Ende seiner Akademie-Zeit ein crossmediales Abschlussprojekt. Für den aktuellen Lehrgang haben wir uns ein neues journalistisches Format ausgedacht, einen "Jahresrückblick mit Zukunft" – und zwar als multimediales Magazin für das iPad. Der Grundgedanke war, keinen 0815-Jahresrückblick zu produzieren. Nicht die altbekannten Geschichten noch mal zu erzählen. Sondern einen eigenen Ansatz zu finden. So berichtet Kraftwerk D von außergewöhnlichen Menschen und Errungenschaften, von denen viele 2010 nicht in den Schlagzeilen landeten, die Deutschland aber ein Stück voran gebracht haben und auch 2011 weiter beeinflussen.
 
Wie viele haben Sie von der Kraftwerk-D-App verkauft?

Wir haben bislang einige hundert Downloads und sind damit zufrieden, die App kostet immerhin 2,39 Euro. Natürlich bin ich ein bisschen stolz darauf, dass wir die erste Journalistenschule weltweit sind, die ein eigenes Tablet-Magazin herausgebracht hat. Aber wichtig war mir vor allem, dass unsere Studenten den journalistischen und den unternehmerischen Ansatz verinnerlichen: nämlich aus crossmedialer Projektarbeit ein anspruchsvolles Bezahl-Angebot zu entwickeln.
 
Jetzt wird das Projekt in die Welt kompakt integriert. Wie sieht das konkret aus?
Das Team, das auch die App produziert hat, beginnt gerade seine halbjährige Ausbildungsphase bei Welt Kompakt. Während dieser Zeit werden die jungen Kollegen jeden Montag in einem eigens gegründeten Ressort weitere tolle Geschichten erzählen. Und auch das tun sie crossmedial. Denn zu jeder Folge wird ein Video-Podcast produziert, der die Leser zurück ins Netz führt, wo sie wiederum über Social Media Vorschläge für neue Folgen machen können. Damit reizen wir die journalistische Wertschöpfungskette zum ersten Mal bis ins letzte Glied aus.
 
Könnte man ohne die günstigen Journalistenschüler die kleine Welt überhaupt wirtschaftlich produzieren?
Günstig ist die Ausbildung ja nun wirklich nicht. Unser Verlag investiert ja sehr viel Geld in unseren Nachwuchs. Natürlich wollen wir von seiner Frische und Kreativität profitieren. Aber genau das macht unser Ausbildungskonzept ja so außergewöhnlich. Denn was die Journalistenschüler bei Welt Kompakt lernen und an Erfahrungen mitnehmen, ist unglaublich wertvoll und gibt es nirgendwo sonst. Umgekehrt lebt das junge Format von den immer neuen Impulsen der Volontäre. Ohne diese permanente Weiterentwicklung, wie jetzt mit dem neuen Ressort, Kraftwerk D, würde der Zeitung viel fehlen.
 
Sie sind seit einem Jahr Chef der Axel Springer Akademie. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Die Akademie entwickelt sich gut. Wir bilden inzwischen die ersten Volontäre für unsere Auslandstöchter aus. Daneben machen wir auch die komplette journalistische Fortbildung im Verlag und hatten in den vergangenen Monaten mehr als 200 Redakteure in unseren Seminaren. Wir haben regelmäßig die interessantesten Gäste zum Studium Generale und Interviewtraining, die man sich wünschen kann, von Christian Wulff bis Thilo Sarrazin. Unser Austauschprogramm mit der Columbia School of Journalism wird immer intensiver. Mittlerweile haben auch die ersten Top-Kandidaten aus New York ihre Praktika bei uns gemacht, und einige davon haben wir fest oder als Freie in unsere Redaktionen übernommen. Vor allem aber wollen wir mit Projekten wie jetzt Kraftwerk D unserem Anspruch als moderne Journalistenschule und Think Tank des Verlags gerecht werden.

Im Vergleich zu anderen Journalistenschulen setzt die Springer-Akademie oft auf aufmerksamkeitsstarke Projekte. Auf welche Aktion aus den vergangenen zwölf Monaten sind Sie besonders stolz?
Solche Leuchtturmprojekte funktionieren nur, wenn zuvor das journalistische Handwerkszeug gründlich vermittelt wurde. Die Abschlussarbeiten folgen unserer Philosophie, an der Akademie zeitgemäßen Journalismus nicht nur zu lehren, sondern auch zu machen. Besonders stolz bin ich da auf "Little Berlin". Mit der Webseite, die der fünfte Lehrgang unter Leitung unseres Crossmedia-Managers Ansgar Mayer produziert hat, haben wir letztes Jahr den Grimme Online Award gewonnen. Das war der erste Grimme-Preis überhaupt, der an eine Journalistenschule vergeben wurde.
 
Welche anderen Schwerpunkte setzten Sie im Vergleich zu Ihrem Vorgänger?
So rasant sich der Journalismus weiterentwickelt, so hinterfragen wir natürlich ständig unsere Lehrinhalte und passen sie an. Ich halte die investigative Recherche-Kompetenz für das Thema der Zukunft überhaupt. Es gibt kein Thema, dem wir uns ausführlicher widmen. Dabei spielt inzwischen auch das oft noch unterschätzte Computer Assisted Reporting eine bedeutende Rolle. Am Ende des ersten Halbjahrs an der Akademie hat jeder Schüler zudem eine Exklusivgeschichte für seine Heimatredaktion zu recherchieren, eine Art erste Visitenkarte. Gerade vergangene Woche hat einer unserer Studenten exklusiv für Bild die Geschichte recherchiert, dass der Hauptverantwortliche im Dioxin-Skandal 18 Jahre lang für die Stasi spioniert hat.
 
Wird es in diesem Jahr wieder eine Scoop-Ausschreibung geben?
Nein, wir stecken ja noch mitten im jetzigen Projekt, der Debattenplattform "Talk to the Enemy", mit der die Scoop-Gewinnerinnen Katrin Eigendorf und Sabine Streich eine neue Streitkultur beleben wollen. Jeweils fünf junge Videoblogger aus zwei gegensätzlichen Lagern setzen sich intensiv über ein gesellschaftlich relevantes Thema auseinandersetzen. Das erste war "Arm gegen Reich", demnächst startet die zweite Staffel, das Thema hat die Community bestimmt: "Christen gegen Muslime".
 
Das Projekt läuft ja eher unter Wahrnehmungsgrenze.
Das ist kein Massenmedium, stimmt, aber genau das ist der Gedanke von Scoop: Einem innovativen Medienexperiment unabhängig von Businessplänen auf die Beine zu helfen. So war das bei dem Projekt "Humanglobaler Zufall" auch. "Talk to the Enemy" hat eine eigene Fangemeinde, die meisten Besucher kommen immer wieder, durchschnittliche Verweildauer ist fünf Minuten, im Peak sogar neun Minuten. Das ist schon gut. Aber kann natürlich noch besser werden. Die beiden Macherinnen haben in der ersten Runde ihre Erfahrungen gesammelt und sich für die zweite Staffel viele Neuerungen einfallen lassen.
 
Vor rund zwei Wochen war der Einsendeschluss für Ihren jungen Journalistenpreis. Haben Sie die Stücke schon gelesen?
Da gibt es ja nicht nur zu lesen, sondern auch zu sehen, zu hören, zu klicken. Es ist der einzige Preis für journalistischen Nachwuchs, der mit Print, Fernsehen, Hörfunk und Internet alle Mediengattungen berücksichtigt. Zum Glück muss ich das nicht alles selbst beurteilen, wir haben 36 Top-Journalisten in unseren vier unabhängigen Jurys. Und auf die wartet jetzt eine Menge Arbeit. Mit 870 Einreichungen haben wir 20 Prozent mehr Bewerber als im vergangenen Jahr. So viele wie noch nie in der Geschichte des Preises! Das freut mich unheimlich, weil es zeigt, dass sich der Axel Springer Preis endgültig als bedeutendster Journalistenpreis für deutschsprachige Nachwuchsreporter etabliert hat.
 
War früher alles besser oder müssen wir uns keine Sorgen um unseren journalistischen Nachwuchs machen?
Früher war vieles einfacher, aber besser? Klar, der Kampf um die Aufmerksamkeit wird immer härter. Aber das ist eben die Herausforderung. Der Journalismus ist heute so spannend wie nie. Was für Möglichkeiten wir haben, unser Publikum zu erreichen und zu überraschen! Wir investieren jedenfalls jedes Jahr viel Zeit in unser Auswahlverfahren, um die besten jungen Journalisten an die Akademie zu holen. Und das lohnt sich. Hier ist soviel Talent und Leidenschaft zu spüren, dass ich mir keine Sorgen um die Zukunft mache.

Alexander Becker

25.01.2011
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