Nächster Gang im Feinschmecker-Streit: Nachdem das Restaurant "Brogsitter's Sanct Peter" vom Feinschmecker in die Pfanne gehauen wurde, klagte Hans-Joachim Brogsitter - und verlor. Jetzt legt der Gastronom nach und schenkt der Kritikerin richtig ein: "Von den sechs bestellten Gängen probierte sie nur drei." Den Alkohol dagegen "verzehrte sie gern, vollständig und reichlich". Feinschmecker-Chefredakteurin Madeleine Jakits widerspricht. MEEDIA hat die Posse um den Restauranttest recherchiert.
Bei dem Streit geht es um eine aus Brogsitters Sicht unfaire Restaurantkritik. Der Feinschmecker hat den Gasthof in seinem Restaurant-Guide von drei "Feinschmecker-Punkten" auf zwei Punkte abgewertet (Höchstpunktzahl sind fünf Punkte). Das Magazin aus dem Jahreszeiten Verlag schrieb zum Beispiel: "Die Variation von der Gänseleber mit Eis auf säuerlichem Himbeergelee, Mousse- Röllchen und einem arg festen Würfel in Schokolade hatte einen leicht bitteren Nachgeschmack, der Hummer auf Kalbskopf war dagegen nahezu aromafrei."
Brogsitters Kritik
Nun macht der Restaurant-Besitzer die Rechnung auf. Demnach bestellte die Testerin einen Aperitif Blanc de Noir, drei Gläser Wein und einen Espresso. Ob sie alle Getränke komplett leerte oder von den "Weinempfehlungen" noch nachgeschenkt wurde, ist unklar.
Das ist die Rechnung
Der Gastronom aus dem Weinort Walporzheim fühlt sich noch Monate nach dem Besuch der Kritikerin von der Journalistin unfair behandelt. "Die Brogsitter Sanct Peter GmbH ging gegen den 'Feinschmecker' vor, weil deren Testerin unprofessionell und höchst unfair testete", sagte er gegenüber MEEDIA. "Von einer angeblich 'ausdruckslosen' Nachspeise pickte die Testerin mit einer Löffelspitze nur das geschmacklich naturgemäß eher neutrale Souffle. Die dazugehörigen Komponenten Rhabarberkompott, Mandel-Panna cotta und Rhabarbereis waren unberührt."
Erstaunlich, wie gut sich der Wirt noch an den weiblichen Gast mit dem Sechsgänge-Menü und der 135,75 Euro-Rechnung erinnern kann. "Sie fiel uns sofort auf", sagte Brogsitter zu MEEDIA. "Wir teilten ihr einen Tisch am Fenster zu und bereiteten ihren Platz so vor, dass sie in den Saal hätte sehen können. Doch sie rückte ihren Stuhl auf die andere Seite, so dass sie mit dem Rücken zu allen anderen Gästen saß und stur aus dem Fenster blickte." Als die Testerin ihre Rechnung mit ihrer Kreditkarte bezahlte, notierten Brogsitters Mitarbeiter den Namen. Später googelte der Restaurantbesitzer danach - und wurde fündig im Impressum des Feinschmeckers.
Dreistellige Rechnungen für eine Einzelperson sind in Brogsitters Luxus-Restaurant keine Seltenheit. Dort stehen Exquisitäten wie Gänseleber, Atlantikhummer oder Wildschweinschinken mit eingelegten Trompetenpilzen auf der Speisekarte. Dazu wird Wein aus eigenem Anbau gereicht.
Aber nicht die vermeintliche Verweigerung des Rhabarberkompott, der Mandel-Panna cotta und des Rhabarbereis kritisiert Brogsitter. Der Gastronom wirft dem Jalag-Magazin vor, von den drei verschiedenen Restaurants unter dem Dach des Sanct Peter nur eines gekostet und mit dem daraus resultierenden Beitrag den falschen Eindruck erweckt zu haben, das gesamte Gasthaus probiert und bewertet zu haben. "Der Leser einer Restaurantkritik erwartet zu Recht, dass Tester sorgfältig und professionell vorgehen. Das war hier eindeutig nicht der Fall."
Das Gegenstatement vom Feinschmecker
Den Vorwürfen aus Walporzheim entgegnet Feinschmecker-Chefredakteurin Madeleine Jakits: "Unsere Restauranttesterin hat das aktuelle Tagesmenü des Gourmetrestaurants Brogsitter Sanct Peter bestellt und sich selbstverständlich einen umfassenden Eindruck von jedem der sechs Gänge verschafft", erklärt die Blattmacherin gegenüber MEEDIA. "Sie hat, anders als von Brogsitter behauptet, von jedem einzelnen Gericht so viel gegessen, wie erforderlich ist, um fundiert darüber urteilen zu können."
Laut Jakits bestellen die Feinschmecker-Tester in der Regel korrespondierende Weine zu den einzelnen Gängen, um die Empfehlungen des Service beurteilen zu können. Die Brogsitter-Behauptung, dass ihre Kritikerin "gern, vollständig und reichlich" getrunken habe, kontert die 55-Jährige: "Unsere Testerin trank nur geringe Mengen der angebotenen Weine; sie bat explizit darum, jeweils nur eine geringe Menge eingeschenkt zu bekommen und hat Nachschenkbemühungen mehrfach zurückgewiesen."
Nun droht ein langer Rechtsstreit
Brogsitter hatte einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung gegen den Text gestellt, der am 11. August im Taschenbuch Die 600 besten Restaurants in Deutschland 2010/2011 erschien. Eine gekürzte Fassung des Tests sollte zudem in Der Feinschmecker Hotel- und Restaurant Guide 2011 veröffentlicht werden.
Der Feinschmecker meldete vergangene Woche, dass das Landgericht Köln den Antrag zurückgewiesen habe. Brogsitter sagte hingegen gegenüber MEEDIA, dass der Gerichtsentscheid noch nicht rechtskräftig sei. "Uns liegt nicht einmal die Begründung vor. Wir werden auf jeden Fall in Berufung gehen."
Den zuständigen Richtern wird also wahrscheinlich bald der nächste Gang aufgetischt. Vielleicht sollten sich beide Parteien jedoch lieber bei einem guten Glas Wein zusammensetzten und den Disput untereinander klären – ohne "reichlich" zu trinken" und ohne "Nachschenkbemühungen".
Letzte Kommentare
11.11.10 19:45
C. Assbach
Der Feinschmecker – nie wieder. Der Feinschmecker ist für mich als Genießerin und Entdeckerin guter Restaurants schon lange kein Thema mehr. Die haben ja alle entlassen und setzen auf Laien:
http://www.wuv.de/kontakter/blog/eine_frage_des_niveaus
11.11.10 13:11
Meinung S. Freiheit
Da ich die eher bodenständige Küche schätze und gern selbst koche, geht mir für die vermeintliche oder tatsächliche Feinschmeckerszene der Sinn ab - wie auch die Kenntnis. Als Redaktion würde ich zu einem anonymen Freßtest aber nur Pärchen schicken. Die fallen weniger auf, wenn sie sich durch die Karte fressen und können sich gegenseitig in ihren Einschätzungen kontrollieren und korrigieren. Wenn einer der Tester mäkelkt, kann er auch mal beim Tischnachbarn probieren um gegenzuchecken, ob dessen Portion genauso schmeckt.
Angesichts der bereits erwähnten Problematik, daß das Testobjekt beim Test verschwindet, hätte ein Duo auch noch den Vorteil, den Testeindruck besser untermauern zu können, wenn es zu juristischen Scharmützeln kommt...
@Ein Leser: Selten so einen Quatsch gelesen.
10.11.10 19:22
P. Rezzo
@Ein Leser
Stasi? Nazi? Rechter? Linker? Pfui Deibel kann man da nur sagen. Und immer negativ. Bäh - wer will schon so jemanden als Gast haben?
10.11.10 16:46
Hildegard Kawalski
Meiner Meinung nach hinkt der Feinschmecker der internationalen Konkurrenz sowieso meilenweit hinterher. Es mag dem Tester wohl nicht gefallen haben, ok. Für einen seriösen Restaurantführer hätte ich mir aber ein wenig mehr Objektivität gewünscht.“
10.11.10 14:53
Ein Leser
Herr Brogsitter spielt den Stasi-Wirt und erwartet dann noch das jemals wieder Gäste ein Etablissement betreten?
In ein Restaurant gehen wo der Inhaber die Gäste bespitzelt?
Nein Danke! Auch wenn sie 10 Sterne hätten. Niemals!
@P. Rezzo:
Der Mann ist nicht an den Pranger gestellt worden. Er hat aus einem Fliegenschiss einen Elefanten gemacht und darf jetzt staunend den Streisand-Effekt bewundern. Da hilft auch ihr pro Zensor Geschwafel nicht. Wie ich ihnen schon sagte: Für rechte wie Sie gilt die Meinungsfreiheit nur für die eigene Person und sonst für niemand. Sie sind das beste Beispiel.