Bettina Wulff hat es derzeit nicht leicht. Erst ging ihre Promotion-Kampagne für ihr Buch "Jenseits des Protokolls" gründlich schief und brachte der 38-Jährigen kübelweise Negativkritiken ein. Dann reagierte sie mit einer Art Kontaktsperre und verweigerte en gros lange vereinbarte Talkshow-Auftritte. Damit nicht genug Ärger für die ehemalige First Lady: Jetzt hat ein Unbekannter eine Website online gestellt, auf der das komplette Buch (Verkaufspreis: 19,99 Euro) kostenlos gelesen werden kann.
Die Internet-Domain, registriert am 15. September 2012 und dem Buchtitel nachempfunden, ist perfide gestaltet. Sie erweckt den Eindruck, als ob die Autorin selbst Interessenten zum kostenlosen Konsum ihres Werks einladen würde. Der Eintrag der Website erfolgte auf eine Adresse in den USA, genauer gesagt in Los Angeles, W. Olympic Boulevard. Obwohl dort auch Fax- und Telefonnummer hinterlegt sind, ist klar, dass diese Fährten ins Web-Nirwana führen. Kein Wunder, denn hier geht es um strafbewehrte Urheberrechtsverletzungen.

Domain-Eintrag der Wulf-Fakesite: ein Anonymisierungs-Dienstleister in Los Angeles
Es ist die dunkle Seite des Internets, der die ehemalige First Lady hier zum Opfer fällt. Auch wenn – wie zu vermuten ist – der oder die Täter aus dem deutschsprachigen Raum stammen, so ist deren Spur aufgrund der ausländischen Domain-Angaben nur schwer zu verfolgen. Und selbst wenn die Gratis-Seite vom Hoster offline gestellt würde, könnten unter ähnlichen Domains sofort neue Sites mit dem identischen Inhalt im Web platziert werden.
Solche Vorgänge sind im Internet keine Seltenheit – viele Magazine oder Buchtitel werden von Unbekannten eingescannt und einer interessierten Community zum kostenlosen Lesen zur Verfügung gestellt. Im Fall von Bettina Wulff geschieht dies jedoch mit einer geradezu professionellen Gründlichkeit: So gibt es das Buch sowohl zum Download in hoher Auflösung, als Pdf-Datei zum Lesen im Web und sogar in einer HTML-Version. Damit sind praktisch alle Nutzungsformen abgedeckt. Die IP-Adresse ist auf den Provider xeneurope in Holland registriert.

Klappentext und persönliche Anrede: So wirbt die Site um Gratis-Leser
Dass es dem Unbekannten, der die Webseite designte, aber wohl kaum nur darum ging, den Bestseller gratis anzubieten, zeigt die persönliche Anrede, die der Autorin in den Mund gelegt wird: "Liebe Lesefreunde!" heißt es dort und "Viel Spaß wünscht euch eure Bettina." Zudem benennt die Seite in einem "Impressum" auf Rosa-Wolken-Hintergrund sogar einen Verantwortlichen nach § 5 des Telemediengesetzes (TMG): die Autorin selbst, inklusive Adresse und privater Telefonnummer.

Gefälschtes Impressum: Neben der vollständigen Anschrift findet sich dort auch die private Telefonnummer der Wulffs
Wer aber könnte hinter der Download-Site stecken? Eine erste Whois-Suche für die Domain ergibt nach MEEDIA-Recherchen einen Treffer für eine Büro-Adresse in Los Angeles. Bei Proxy-Servern wie dem hier eingeschalteten WhoisGuard (Eigenbeschreibung hier) ist die Registrierung einer Site laut Unternehmensangabe für weniger als 10 US-Dollar möglich – bei Wahrung der Anonymität des Anbieters, angeblich zum Schutz der Kunden vor Spam-Mails. In diesem Fall schützt der Service aber nur den Betreiber der illegalen Site.
Der Riva-Verlag, der die Rechte am Buch von Bettina Wulff besitzt, hat rechtliche Schritte gegen die Download-Website eingeleitet.
Update: Auf MEEDIA-Anfrage per Kontaktformular meldete sich der Seitenbetreiber mit einer Antwort, die wir im Wortlaut wiedergeben: "Das Urheberrecht ist nicht mehr zeitgemäß. Alle Informationen sollen frei sein. Speziell in diesem Fall möchten wir es keinem Bürger zumuten, 20 € für das Buch auszugeben, das sich literarisch mit dem Tagebuch einer 14-Jährigen gleichsetzen lässt. Mit freundlichen Grüßen, Bettina."
Letzte Kommentare
30.09.12 12:46
Atze ton
...Phantasie...
nachdem das Buch Legal gefloppt ist und sich das Publikum als "böse pöbelnder Mob" geoutet hat, könnte diese Entwicklung auch zu einer als adäquat empfundenen Reaktion avanciert sein, das eigentliche Ziel: den so gierig und nimmersatt ersehnten Geldhahn doch noch, sozusagen auf dem schmuddeligen B-Pfad, abseits der Öffentlichkeit, zu erreichen.
Eine anonyme Web-Site arrangieren und anschließend einen Anwalt einzustellen, der die Downloader abmahnt.
Da gibt es:
1. Mehr für ein Exemplar (€€€€,€€)
2. man braucht kein Papier zu bedrucken und
3. es ist legal(?)
4. mann/frau kann es ALLEN heimzahlen(!)
..würden die aber nicht machen, oder?
20.09.12 13:24
Rob Ebenso
@Social Punk: Bevor Sie Allgemeinplätze von sich geben, gehen Sie bitte auf Schramms Website. Dort können Sie Teile des Buchs lesen.
Appropos Allgemeinplätze - @Thema: „Es ist die dunkle Seite des Internets“. Joa, da kann man dann schon aufhören zu lesen. Herrjeh, es geht um ein Buch, nicht um Atomwaffen. Guckt Euch mal Google Books an.
19.09.12 21:18
Social Punk Web-Site
Auch wenn es sich in diesem Fall um einen Fake handelt: Eine andere Buchautorin wäre besser gefahren, hätte sie den kostenlosen Download ihres Buches angeboten. Die Rede ist von Julia Schramm. Statt sich der Kritik zu stellen, bezeichnet sie ihre Kritiker als "Mob". http://tinyurl.com/8z4fcby
19.09.12 18:07
konrad buck
sehr skurril der Beitrag von Martin Mosebach - DER Mosebach? (Büchner-Preisträger, Verfechter der Tridentinischen Messe, etc.pp.)?
Frei nach Magritte: dies ist keine Pfeife
Vive Rasta!-sagte schon weit vor Bob Marley Walter Serner und hätte das Internet entspannt sich selbst überlassen
19.09.12 16:18
Martin Mosebach
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