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Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über die neuen Zeit-Rubriken

"Unfassbarer Reichtum in der Welt der Leser"

Im Jahr der Krise ist die Zeit ein Phänomen: Unbeirrt von Auflagenverfall und Minus-Bilanzen, die derzeit die Branche prägen, markiert die Wochenzeitung unter Chefredakteur Giovanni di Lorenzo immer neue Rekorde. Die Zeit ist trotz Internetkonkurrenz hoch profitabel. Zuletzt übersprang die Auflage die 500.000er Marke. Im MEEDIA-Interview spricht der 51-Jährige über die Gründe für den Erfolg, die drei neuen Rubriken, die erstmals in der kommenden Osterausgabe erscheinen, und lukrative Jobangebote.

Sie werden immer wieder als Wunschkandidat bei der Besetzung von Chefredaktionen gehandelt, wie zuletzt bei der Süddeutschen Zeitung. Was ist da dran?

Das möchte ich nicht kommentieren. Ich kann aber sagen, dass ich gerne bei der Zeit bin und mir die Aufgabe hier Freude bereitet. Und ich sehe, dass wir bei der Zeit immer noch viel machen, gestalten und bewegen können.

Dennoch: Ihre Popularität ist einzigartig. Wie erklären Sie sich das?

Zunächst einmal glaube ich, dass es viel mehr Gerüchte als konkrete Angebote gibt. Und warum ich manchmal als Kandidat gehandelt werde, müssen Sie diejenigen fragen, die mir das zutrauen. Ich neige nicht zu falscher Bescheidenheit, aber ich mag es nicht, mir positive Attribute zuschreiben zu müssen. Tun Sie mir das bitte nicht an!

Dann lassen Sie uns über die neuen Rubriken sprechen. Die Rubrik "Glauben und Zweifeln" erscheint erstmals in der kommenden Ausgabe. Im Moment sind die Zeitungen ja voll von kirchlichen Themen.

Ja, das stimmt. Aber als wir die Entscheidung trafen, die neue Seite einzuführen, war das Thema Missbrauch noch in weiter Ferne. Jetzt müssen wir natürlich darauf reagieren, denn der Start von "Glauben und Zweifeln" fällt in eine Zeit, in der besonders die Kirchenvertreter in Misskredit geraten sind und die Verzweiflung der Gläubigen besonders groß ist. Aber wir werden uns auf der neuen Seite nicht nur mit Fragen des Glaubens und der Religion beschäftigen. Es wird darüber hinaus auch um Sinnfragen und um die Werte unseres Lebens gehen.

Wer wird für die Rubrik schreiben? 

Alle Zeit-Redakteure, alle, die eine Affinität zum Thema haben – und da haben wir wirklich eine fantastische Auswahl an Kollegen. Und natürlich setzen wir auch auf herausragende Gastbeiträge.

Die erste Ausgabe, die zu Ostern erscheint, wird ein sechsseitiges Zeitungsbuch werden.

Ja. Anschließend wird die Zeit dann jede Woche mit einer Seite "Glauben und Zweifeln" erscheinen. Aber das ist nicht die einzige Neuheit: Insgesamt wird es zwei Seiten zur Geschichte  geben (ersetzt die Seite "Zeitläufe", die Red.), eine Seite "Glauben und Zweifeln" und eine letzte Seite namens "Die Zeit der Leser", der dann die Leserbrief-Seite vorgeschaltet wird.

Stimmt es, dass die neue Rubrik "Glauben und Zweifeln" intern besonders umstritten war?

Wir haben eine sehr diskussionsfreudige Redaktion, und einige Kollegen haben die Sorge geäußert, dass "Glauben und Zweifeln" als konfessionelle Seite missverstanden werden könnte. Dennoch überwiegen die neugierigen und zustimmenden Reaktionen. Ich bin sicher, dass "Glauben und Zweifeln" unsere Leser in der ersten Phase polarisieren wird. Trotzdem bin ich zutiefst davon überzeugt, dass es wichtig ist, die Spalten unserer Zeitungen für neue Themen zu öffnen. Rechnen Sie mal zurück, seit wie vielen Jahrzehnten nichts Neues mehr entstanden ist, abgesehen vielleicht von Technik- oder PC-Seiten! Die Idee, diese drei neuen Ressorts bei der Zeit einzuführen, trage ich schon lange mit mir herum.

Ist es vorstellbar, dass Experten aus der Kirche auch Gastbeiträge liefern?

Das eher nicht. In einer Geschichte, die Ostern in der ersten Ausgabe von "Glauben und Zweifeln" erscheinen wird und die auch ganz paradigmatisch ist für das, was wir wollen, unterhalten sich ein Pfarrer und eine Psychoanalytikerin. Ihr Thema: Was bringt den Menschen mehr Entlastung, Therapie oder Beichte? Wenn Sie so wollen, ist das eine Verbindung zum Jenseits und eine sehr konkrete zum Diesseits.

Werden Sie auch selber für die neue Rubrik schreiben?

Warum nicht? Dieses Gespräch hätte ich auch selbst gerne geführt. Wir werden auch ein Porträt über einen katholischen Geistlichen bringen, der den Zölibat gebrochen hat. Auch das ist eine Geschichte, die ich selber gerne gemacht hätte. Es hat lange gedauert, jemanden zu finden, der darüber redet. Wie Sie sehen, hält das neue Ressort viele spannende Geschichten bereit. Es wäre überhaupt kein Problem, jede Woche sechs Seiten damit zu füllen. Ich glaube an die Zukunft der gedruckten Zeitung, und ich glaube, dass wir das auch unter Beweis stellen müssen: Wir müssen in die Offensive gehen und uns auf neue Abenteuer einlassen.

Ist das auch der Grund für die neue Leser-Seite?

Mit der Idee zu "Glauben und Zweifeln" gehe ich bestimmt schon fünf Jahre lang hausieren. Die Idee zu "Die Zeit der Leser" ist noch älter und kommt aus den 80er Jahren. Ich hatte damals etwas Vergleichbares in einer italienischen Satire-Zeitschrift gesehen; das hat mich nachhaltig fasziniert. Die hatten auch eine Rubrik, die wir bei der Zeit natürlich nicht machen können: Sie haben das Protokoll eines abgehörten Telefongesprächs abgedruckt. Bei der Lektüre dieser Seite wurde mir klar, welch unfassbaren Reichtum es in der Welt der Leser gibt.  Das ist bei den Lesern der Zeit nicht anders: Was meinen Sie, wie viele Leser es bei uns gibt, die gerne schreiben, zeichnen oder Fotos machen? Die Resonanz ist so groß, dass der verantwortliche Redakteur Wolfgang Lechner schon der Verzweiflung nahe war.

Versprechen Sie sich von der Seite eine neue Leser-Blatt-Bindung?

Wir werfen jetzt nicht mit der Schwarte auf die Maus. Zunächst einmal bin ich davon überzeugt, dass die "Zeit der Leser" inhaltlich sehr interessant ist. Und das ist das Wichtigste. Außerdem interessiert mich die Frage, ob ein Format, das man eher Online zutrauen würde, auch in einem Printmedium funktioniert. Natürlich werden wir das auch überlaufen lassen auf Online. Aber unser Online-Chef Wolfgang Blau und ich sind – entgegen manchen Erwartungen – davon überzeugt, dass sich das Konzept auch in Print übersetzen lässt.

Wie wichtig sind Social Networks wie Facebook und Co. für die Zeit?

Sie sind schon wichtig, nicht zuletzt weil es inzwischen häufig vorkommt, dass Artikel über diese Netzwerke empfohlen werden. Das ist für viele Nutzer das erste Mal, dass sie überhaupt einen Hinweis auf die Zeit bekommen. Insofern glaube ich, dass Social Networks wirklich etwas sind, auf das keine Redaktion verzichten sollte.

Angesichts der Auflagenzahlen können Sie ganz zufrieden sein. Wie viel Luft bleibt bei einer Auflage von rund 500.000 Exemplaren nach oben?

Das lässt sich sicher nicht toppen. Ich habe nie erwartet, dass wir die halbe Million knacken, schon gar nicht in diesen Zeiten. Und ich glaube auch nicht, dass das der Maßstab für die künftigen Jahre sein kann. Aber ich erwarte, dass wir weiterhin wirtschaftlich arbeiten. Da ist es zweitrangig, ob unsere Auflage um 20.000 Exemplare steigt oder um 6.000 Exemplare sinkt.

Wie erklären Sie sich den Erfolg ihres Blattes? Die Zeit stellt ja ein komplett gegenteiliges Konzept zur schnelllebigen Online-Welt dar.

Das ist genau das, was uns jahrelang auch Medienberater gepredigt haben. Dabei sind wir gar nicht gegen Online! Wir können für unser Internetportal sogar erfreuliche Zuwächse vermelden. Ich habe mir nur erlaubt, den parareligiösen Glauben an Online zu kritisieren. Es gibt ja bislang keine Beweise dafür, dass sich Online-Journalismus eines Tages monetarisieren lässt oder gar alles platt machen wird. Ich halte es für Selbstverstümmelung, wenn Verlage ihren Lesern immer wieder das Gefühl vermitteln, dass sie mit Print-Titeln kein modernes Medium mehr kaufen.

Was ist dann Ihr Ziel für die nächsten Jahre?

Den Nachweis zu erbringen, dass Qualitätsjournalismus rentabel ist. Wir haben gerade einen historischen Auflagenpeak erreicht, im Jahr der Krise und trotz Online – ich kenne kein einziges Blatt, dass das von sich sagen könnte. Mir war immer bewusst, dass das eine Ausnahmesituation ist.

Was würden Sie aus ihrer Position anderen Zeitungsmachern raten?

Wir wissen um die Tücken des Marktes, und wir wissen, dass sich die Situation von Quartal zu Quartal ändern kann. Deshalb kann ich anderen Verlagshäusern auch keine Ratschläge erteilen. Ich bin aber überzeugt davon, dass es uns allen schadet, wenn Inhalte verwechselbar werden. Das passiert, wenn die Mittel nicht mehr da sind, um in Qualität zu investieren, und Sparmaßnahmen dann als Qualitätsoffensive kommuniziert werden. Leser sind nicht dumm. Letztlich erziehen sie uns mehr, als wir sie erziehen – indem sie uns nämlich ihre Aufmerksamkeit entziehen. Die Leute sind heute einem ständigen Nachrichten-Bombardement ausgesetzt; ich glaube, sie sehnen sich danach, einmal in der Woche etwas zu haben, das Orientierung und Ordnung bietet. Darin sehe ich einen Grund für unseren Erfolg.

Sie genießen bei Studenten einen guten Ruf, bei jungen Eltern sieht es nicht anders aus. Im Oktober bringen Sie den nächsten Ratgeber zum Thema Schule heraus.

Unser Eltern-Knigge war ja schon ein Vorgeschmack: Das war die bestverkaufte Ausgabe in diesem Jahr, es gab ein wahnsinnig positives Echo, aber auch Diskussionen. Einige Leser hatten sich mehr endgültige Wahrheiten versprochen, also weniger Autoren und mehr Experten. Andere fanden die Ambivalenz der Beiträge gerade gut, weil sie ihren eigenen Zwiespalt wiedergegeben haben. Ich selbst fand manchen Ratschlag komplett unbrauchbar – zum Beispiel den, dass die ganze Wohnung ein riesiger Spielplatz sein soll. Aber ich habe den Eltern-Knigge trotzdem mit Begeisterung gelesen.

Können wir in dem Bereich noch mehr erwarten?

Auf diesem Gebiet verfügen wir wirklich über sehr viel Kompetenz. Da lassen wir bestimmt nicht locker. Wir hatten auch kurz vor dem Eltern-Knigge schon einen guten Titel zum Thema, der hieß "Macht die Kinder nicht verrückt".

Wie schaffen Sie es, die Printmarke so modern zu gestalten und immer wieder gute Themen zu setzen?

Die Zukunftsmedien sind Orientierungsmedien, das predige ich auch immer wieder meinen Redakteuren. Dennoch müssen auch wir recherchieren, wir können nicht nur dokumentieren. Wir sind immer um die richtige  Mischung bemüht. Gestern habe ich ein richtiges Erfolgserlebnis gehabt. Da habe ich mit Leuten zu Abend gegessen, die ich zum größten Teil nicht kannte. Eine Frau sagte: "Wissen Sie, wann ich mir die Zeit kaufe? Immer dann, wenn ich merke, dass ich zu einem Thema keine richtige Meinung habe. Hinterher bin ich ein Stück schlauer." Darüber habe ich mich gefreut,  weil das auch die alte Philosophie der Gräfin (Marion Gräfin Dönhoff, die Red.) ist: Wir geben den Leuten die Mittel an die Hand, die sie brauchen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Was auffällt an der Zeit ist, dass das Feuilleton noch immer sehr mächtig und bildungsbürgerlich erscheint.

Aber auch da sind augenscheinliche Veränderungen eingetreten. Wir haben die Ressorts Feuilleton und Literatur zusammengebunden, und es gibt große Zustimmung. Im Übrigen habe ich gar nichts gegen das Bildungsbügertum.

Wird viel Hoffnung in Moritz von Uslar gesetzt, der zum April sowohl für das Feuilleton als auch für das Zeit Magazin schreiben wird?

Moritz von Uslar ist für uns ein wichtiger Autor, und an der Tatsache, dass wir ihn zu uns geholt haben, können Sie erkennen, dass das Ressort offen ist für neue Leute.  Jede Zeitung funktioniert gut, wenn mehrere Generationen vertreten sind. Galionsfiguren, die für unsere Leser wichtige Identifikationsfiguren sind, wie zum Beispiel Ulrich Greiner oder Iris Radisch, sind unverzichtbar. Aber ich glaube, dass es auch richtig ist, die Zeit für die Dreißiger und Endzwanziger zu öffnen, für Leute wie Adam Soboczynski, Ijoma Mangold, den wir von der Süddeutschen geholt haben, und Florian Illies. Und sicher kann auch Moritz von Uslar eine Farbe ins Blatt bringen, die wir so bislang noch nicht hatten. Nur: Auch da müssen wir sehen, dass die verschiedenen Generationen sich nicht die Köpfe einschlagen, man muss schon miteinander auskommen.

Wie sieht es mit dem Layout des Feuilletons aus? Wird sich da etwas ändern?

Da wird sich in der Tat etwas ändern – schon in nächster Zeit. Allerdings bin ich nicht dogmatisch: Wir versuchen etwas, und wenn es nicht funktioniert, dann verändern wir es oder lassen es bleiben. Ich glaube ganz fest daran, dass diese drei neuen Ressorts, die wir zu Ostern einführen, funktionieren werden. Aber ich wäre auch nicht in meiner Eitelkeit gekränkt, wenn wir nach einiger Zeit feststellten: Die Idee war gut, aber sie lässt sich nicht umsetzen.

Herr di Lorenzo, Sie sind jetzt 51 Jahre alt. Gibt es noch journalistische Aufgaben, die Sie jenseits der Zeit reizen würden?

Ich bin ein Lustarbeiter. Viele wundern sich, wie ich das Pensum schaffe. Ich kann da immer nur sagen, wenn es einem Freude macht, dann schafft man jedes Pensum. Meine Vorstellung vom Glück in der Arbeit ist die, dass ich weiter etwas machen kann, womit ich mich identifizieren kann. Das klingt vielleicht erst mal banal, aber es ist schwierig zu erreichen. Ich bin auch dankbar, dass ich das schon so viele Jahre machen konnte.

Sehen Sie denn schon eine Zeit nach der Zeit?

Ehrlich gesagt, nein. Ich habe, als ich sehr viel jünger war, gedacht, dass ich irgendwann mal eine Pizzeria aufmache mit einem Steinofen und einer Jukebox, die nur italienische Schnulzen aus den 60er und 70er Jahren spielt. Aber diese Perspektive hat ein bisschen an Glanz eingebüßt. Ich habe große Hoffnung, dass ich weiterhin mit so viel Freude arbeiten kann. Außerdem: Selbst wenn ich einen Traum hätte, würde ich Ihnen den nicht verraten – aus Angst, dass er dann nicht in Erfüllung geht.  Da bin ich einfach zu abergläubisch.

Christine Lübbers / Oliver Scheiner

30.03.2010
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