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Sprachkritiker Wolf Schneider im MEEDIA-Interview

"Unendliche Geschwätzigkeit der Blogger"

In der Summe von Erfahrung und Präsenz ist diesem 84-Jährigen keiner über – wenn es um die Kunst geht, gelesen zu werden. Ein ungewöhnlicher Texteinstieg, der aber seine Gründe hat. Diese verrät Sprachpapst Wolf Schneider im Interview mit MEEDIA. Er spricht darin über sein neues Buch "Deutsch für junge Profis", den Verfall der Sprache im Web 2.0, seinem "Mitleid" mit Bloggern und den Journalismus im Allgemeinen. Sein Resümee: "Der sortierende Journalist ist so wichtig, wie er es noch nie war."

Wie kommt ein 84-Jähriger Journalist dazu, ein Buch für "junge Profis" zu schreiben?

Ich habe zunächst gelacht, als der Verlag die Idee an mich herantrug. Ich habe zwei ganz gute Gründe, wie es mir scheint: Erstens weil ich eben fast hauptberuflich Umgang mit jungen Menschen habe – mehr als mancher 50-Jährige sonst. Ich weiß genau, wie die ticken und wo sie der Schuh drückt. Und zweitens, weil meine alte Predigt, "Ihr müsst euch plagen, damit ihr gelesen werdet" ohne mein Zutun wieder viel wichtiger geworden ist, weil so wahnsinnig viel mehr geschrieben worden ist. Insofern halte ich mich für modern und aktuell.

Wer zählt zu den "jungen Profis"?

Ich habe erstens mit den ganz jungen Leuten zu tun, also den angehenden Journalisten, weil ich nach wie vor an Journalistenschulen in den drei deutschsprachigen Ländern unterrichte. Ich arbeite also jedes Jahr mit 20- bis 28-Jährigen zusammen. Obendrein mache ich auch Kurse für Öffentlichkeitsarbeiter, Redenschreiber, Pressesprecher und so weiter, die sind meistens in den 30ern und damit auch noch verhältnismäßig jung. Die Absicht des Verlages ist aber, Bücher für die nächste Generation zu produzieren, und in dieser Reihe erscheint es. Also: jeder Student, jeder Abiturient, jeder junge Mensch, der den Wunsch hat, vernünftig zu schreiben und der Welt etwas mitzuteilen – das ist die Zielgruppe.

Unterscheidet sich die nächste Generation von der alten?

Nicht dramatisch. Ich bilde seit 30 Jahren Journalisten aus, also kann ich zwei Generationen selber aktiv überblicken. Sie sind im selben Maße engagiert wie früher. Es geht aber ein bisschen bergab mit der bürgerlichen Allgemeinbildung, mit der Kenntnis von Rechtschreibung und Zeichensetzung. Dass sie verständliches und lebendiges Deutsch schreiben, war früher nicht häufig und ist heute nicht häufig. Das muss man ihnen nahebringen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie vor allem die Blogger.

Ich kritisiere die unendliche Geschwätzigkeit der meisten Blogger. Da habe ich arroganterweise einen Hauch von Mitleid. Wenn einer drei, vier Seiten bloggt, hat er offenbar nicht nur das Vergnügen des Schreibens, sondern vielleicht auch den Gedanken, dass es möglichst viele Leute lesen sollten. Und da besteht bei zwei von drei Blogs überhaupt keine Chance. Sie sind einfach so hingeschrieben, wie es einem so einfällt – wie man vielleicht beim dritten Bier miteinander reden würde. Ob man vielleicht irgendwelche Reize an den Anfang setzen müsste oder sich auf eine überschaubare Länge begrenzen müsste, damit man Leser findet – das wird offenbar nicht erwogen.

Sie haben ein Video-Blog bei Sueddeutsche.de. Haben Sie sich bewusst gegen ein Schriftliches entschieden?

Das war gar nicht meine Idee, sondern die kam von Schülern der Henri-Nannen- Schule, an der ich ja auch noch regelmäßig unterrichte. Die fanden meine Art mit ihnen zu reden so, dass sie meinten, das sollte man in einem Video-Blog bringen. Ich komme überhaupt bei der Enkel-Generation eigentlich besser an als vor dreißig Jahren bei den Schülern, die auch hätten meine Kinder seien können.

Was meinen Sie, woran das liegt?   

Ich weiß es nicht. Dass Großväter und Enkel häufig eine herzlichere Beziehung haben als Väter und Söhne ist ja bekannt, und offenbar kommt meine verhältnismäßig lebendige und ungeheuer erfahrungsgesättigte Art bei jungen Leuten ganz gut an.

Wie kann man aus Bloggern bessere Schreiber machen?

Es ist gar nicht schlecht, was sie schreiben. Die meisten Blogs sind nicht schlechter geschrieben als die meisten Zeitungsartikel. Sie sind nur uferlos. Wenn es nur um die Genugtuung geht "das Schreiben ist ein Riesenspaß und ob das nun auch gelesen wird, ist mir nicht so wichtig", dann geht das ja noch. Wenn der Blogger aber möchte, dass das ziemlich viele Leute lesen, dann ist er leider völlig falsch beraten. Mehr als eine Seite sollte es nie sein und die Seite sollte auch nicht mit irgendwelchen Nebensachen anfangen wie beispielsweise, wie der Kaffee schmeckt. Warum sollte ich das denn um Gottes Willen weiterlesen?

Trägt das Web 2.0 zu einem Verfall der Sprache bei?

Nein, zum Verfall der Sprache nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass Blogger in der Regel schlechter schrieben, sondern es ist das Trauerspiel: Ich habe eine Art Mitleid mit Leuten, die eine Stunde schreiben und Seite um Seite absondern, und sich entweder gar keine Gedanken machen, ob das jemand lesen will, oder die das zwar möchten, aber keine Ahnung haben, wie man das macht. Ich halte mich insofern für sehr modern. Es wird ja heute dreimal so viel geschrieben, wenn sie das Gedruckte, Gemailte und Gebloggte zusammennehmen wie vor dreißig Jahren, aber die Lesebereitschaft ist nicht um das Dreifache gestiegen. Im Gegenteil: wir werden ja immer kurzatmiger. Auf dem Bildschirm liest es sich grundsätzlich ungeduldiger als auf dem gedruckten Papier. Viele 17-Jährige haben noch nie ein Buch gelesen, und das sinkt fast von Jahr zu Jahr. Also: In einem Alter sinkender Geduld beim Lesen steigt die Produktion dessen, was gelesen werden sollte. Insofern halte ich mein Buch für sehr modern.

Wie steht es um den Online-Journalismus im Allgemeinen?

Den Online-Journalismus verfolge ich nicht planmäßig, sondern nur beim Spiegel. Und das ist sauberer Journalismus. Der ehemalige Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron war mal mein Schüler und hat es ja nun zum Chefredakteur des Spiegel gebracht. Das macht er auch sehr gut. Und ich kenne die Regeln, die er seinen Redakteuren verpasst hat: die sind alle zum Küssen gut. Mit welchem Grad von Klarheit, Übersicht, innerer Distanz, Vermeidung von Schachtelsätzen und ausgeleierten Redensarten – das Produkt kann sich sehen lassen. Ich sehe keinen grundsätzlichen Qualitätsunterschied zwischen Print und Online, wenn der Online-Journalismus denn von guten Journalisten gemacht wird.

Gibt es auch schlechte Beispiele für Online-Journalismus?

Das verfolge ich nicht so. Mit dem einen Beispiel, dass Online-Journalismus gut sein kann, damit kann ich ja leben und darauf kann ich meine Lehre stützen. Dass es sicher auch Schlechten gibt, das muss ich nicht auch noch wissen.

Sehen Sie den Print-Journalismus nicht in der Gefahr, dass er vom Online-Journalismus überholt wird?

Doch, er ist in Gefahr. Die Auflagen der Zeitungen werden sinken. Wer sich täglich online über die Nachrichtenlage informiert, hat natürlich einen geringeren Drang, sich auch noch mit raschelndem Papier zu umgeben. Eine Prognose, die aus Amerika kommt und die ich teile, die auch durch die gute Auflagenentwicklung von Zeit und Spiegel schon ein bisschen bestätigt wird, ist, dass Wochenzeitungen es leichter haben werden als Tageszeitungen. Also die Zahl der Leute, die jeden Tag ausführlich und richtig im Sessel Zeitung lesen wollen, wird sinken, aber aussterben werden die Leute nicht. Da bleibt dann die Frage: Wie finanziert man so etwas?

Wie steht es um den Journalismus im Allgemeinen? Können Sie eine Veränderung bei der Textqualität beobachten?

Ich beobachte nicht die gesamte Presselandschaft, aber wenn ich mir die Süddeutsche ansehe, an der ist überhaupt nichts verfallen. Die hatte schon immer glänzende Partien und hatte auch schon immer schwächere Partien, wie das eben so ist. Aber ich finde, dass sie über die Jahre hinweg eher noch besser geworden ist. Sehr guter Journalismus ist vorhanden und schrumpft von der Zahl der bedruckten Seiten her nicht, sondern nur von der Auflage her.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang, dass einzelne Redaktionen aus Kostengründen zusammengelegt werden?

Der Fall NevenDuMont. Ich finde das ein bisschen traurig, aber ich möchte nicht in der Haut des Verlegers stecken. Es ist halt ein naheliegender Gedanke, Zeitungen zum Überleben zu verhelfen. Dass die Zeitung tendenziell bedroht ist, ist ja richtig. Möglicherweise steht man vor der Frage: Will ich mithilfe einer Gemeinschaftsredaktion drei Zeitungen gut überleben lassen oder will ich dabei zusehen, wie sie schrumpfen? Das ist eine Verlegerentscheidung, die ich nicht treffen möchte. Erstrebenswert für den Journalismus ist es sicher nicht.

Sie waren Leiter der Henri-Nannen-Schule. Wie sind Sie heute noch mit ihr und Gruner + Jahr verbunden?

Die Henri-Nannen-Schule gehört zu den fünf Journalistenschulen, an denen ich regelmäßig unterrichte. Ich saß auch wieder in der Prüfungskommission und freue mich schon jetzt auf den 33. Lehrgang, der im Juli beginnt. Da mache ich dann die zweite Woche, das ist die sogenannte Schneider-Woche, in denen ich die Schüler ganz am Anfang ihrer Ausbildung mit den Grundlagen des Journalismus vertraut mache. Dieses Jahr mache ich zusätzlich einen Kurs für Gruner + Jahr-Volontäre. Darüber hinaus habe ich keinen direkten Bezug zu Gruner + Jahr, außer dass ich die Presseschau zugeschickt bekomme.

Was gehört zu Ihrer täglichen Lektüre?

Ich lese seit 60 Jahren jeden Tag die Süddeutsche, jeden Tag die FAZ und jede Woche den Spiegel. Dazu sporadisch was mir in die Hand kommt bei der Bahnfahrt oder im Flugzeug wegen einer Aufmacherüberschrift: Die Zeit, den Cicero oder was auch immer.

Was ist mit Blogs? Lesen Sie diese regelmäßig?

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich durch Blogs informieren kann, ist sehr gering. So viel Zeit habe ich nicht. Blogs lese ich so fünf die Woche, blind ins Netz gegriffen. Ich mache das, um mich einfach auf dem Laufenden zu halten, ob da eine Entwicklung am Laufen ist, die meinen bisherigen Erfahrungen widerspricht. Und dafür hab ich kein Indiz.

Warum sollte man heutzutage noch Journalist werden?

Der Beruf ist genau so schön wie immer. Zunächst macht das Schreiben ja Spaß. Jeder, der gerne bloggt, wäre nicht böse, wenn er als Journalist auch Geld damit verdienen könnte. Und es ist an sich auch eine schöne Aufgabe, Menschen zu informieren, wie es in der Welt zugeht. Doch auch da gibt es etwas Trauriges: Es gilt ja als sicher, dass unter 17-Jährigen der Wunsch, sich über den Lauf der Welt zu informieren, sinkt. Die Frankfurter Rundschau hat vor Kurzem ermittelt, was ein 17-Jähriger unter Informationen versteht. Das ist zur Hälfte, dass er erfährt, was seine Freunde tun. Also offensichtlich, und das ist keine Einzelstimme sondern eine besonders herausragende, ist der Wunsch, sich über den Weltlauf zu informieren im Sinken. Und das ist nun ein Zwiespalt des Journalismus. Der sortierende Journalist ist einerseits so wichtig, wie er noch nie war wegen dieses ungeheueren Angebots an Geschwätz. Aber die Nachfrage nach ihm steigt nicht entsprechend, denn die Schwätzer wollen eben größtenteils über etwas anderes als sich und ihre Freunde gar nicht mehr informiert werden.

Zum Schluss: Wie müsste der erste Satz des Teasers lauten, um dieses Interview einzuleiten?

In der Summe von Erfahrung und Präsenz ist diesem 84jährigen keiner über – wenn es um die Kunst geht, gelesen zu werden.

Christine Lübbers

18.03.2010
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  • 26.04.2011 Henri Nannen-Preis für Wolf Schneider

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Schön mal wieder was vom alten Sprachpapst zu lesen, auch wenn manches Redundante zweifelsohne dabei ist. Ich hatte selber das Glück, ihn für einige Tage als Lehrer zu haben, und was der alte Wolf den jugen Zicklein einprügelt ist einfach "zum Küssen gut". So, wie das Interview hier steht, so spricht Herr Schneider auch im wahren Leben. Zwei meiner Lieblingszitate aus unserem Unterricht:

"Wenn Sie ein Adjektiv benutzen wollen, dann kommen Sie zu mir in den dritten Stock und holen sich die Erlaubnis dafür."

Und zum selben Thema:

"Adjektive sind die Lieblingshuren des Provinzjournalisten."

Das hab ich mir zu Herzen genommen.

Schönes Interview, Christine! :-)

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