Der Journalistenverein Netzwerk Recherche steht vor einem Umbruch. Ausgerechnet zum zehnjährigen Jubiläum, das an diesem Wochenende in Hamburg gefeiert werden sollte, knallte es nicht an der Sektbar, sondern im Vorstand. Auf der Mitgliederversammlung des Vereins am Freitagabend musste der Vorsitzende des Vorstands, der SWR-Chefreporter Thomas Leif, seinen Abschied nach zehn Jahren an der Vereinsspitze bekanntgeben.
Worum geht es? Verkürzt zusammengefasst, hat das Netzwerk Recherche (NR) Zuwendungen durch die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) bekommen, die ihm möglicherweise nicht zustanden. Die nachgeordnete Behörde des Innenministeriums BpB unterstützt die Jahrestagung des Vereins seit 2007 finanziell. Dies geschieht aber im Rahmen einer sogenannten
„Defizitfinanzierung“. Das bedeutet, das Geld wird nicht einfach überwiesen,
sondern muss mit möglichen Einnahmen verrechnet werden. Verschiedene Einnahmen bei Jahrestagungen wurden nun offenbar nicht richtig verbucht oder zugeordnet, so dass unter Umständen zu hohe Fördergelder an das NR flossen. Der Verein hat den Vorfall seinen Mitgliedern am Donnerstag in einer E-Mail offengelegt.
Nachdem die Unstimmigkeiten Ende Mai entdeckt worden seien, so Leif, habe er gehandelt. Wirtschaftsprüfer wurden beauftragt, Kassenführung und Abrechnungen zu überprüfen. Diese Prüfung ist noch nicht abgeschlossen. Die BpB wurde von Leif in Kenntnis gesetzt, die prüft nun ebenfalls. Die gesamten Fördergelder der Jahre 2007 bis 2010 in Höhe von 75.000 Euro wurden zunächst an die BpB zurückgezahlt.
Hans Leyendecker, zweiter Vorsitzender des Vereins, versicherte den Mitgliedern, es habe sich niemand persönlich bereichert. Doch Leyendecker, Recherche-Guru der „Süddeutschen“, machte an diesem Abend ansonsten keinen souveränen Eindruck. Sein Versuch, die Hintergründe des Falls zu erklären, klang streckenweise wie eine Grabrede. Er betonte, gerade für einen Verein von recherchierenden Journalisten müssten „strenge Sauberkeitsregeln“ gelten. Leyendecker wird bei den voraussichtlich im Herbst anstehenden Vorstandswahlen vermutlich nicht mehr kandidieren. Er begründete seinen wahrscheinlichen Abschied vom Vorstand mit dem Hinweis, er habe sich selber nicht ausreichend um den Verein gekümmert.
Das Problem scheint vor allem darin zu liegen, so legt es zumindest der erste Eindruck nahe, dass die Verantwortlichen mit den offenbar nicht gerade einfach zu handhabenden Förderungsrichtlinien und Antragskonvoluten überfordert waren. Dies scheint auch unabhängig vom Ausgang der Prüfungen und der noch zu ermittelnden Höhe der eventuell zu viel gezahlten Zuwendungen unstrittig.
Unausweichlich scheint darum, nach Klärung der Vorgänge die Obhut über die Finanzen des Vereins in professionellere Hände zu geben. Das Netzwerk Recherche als Verein, der quasi nebenbei von engagierten und profilierten Journalisten gemanagt wird, der im Laufe von zehn Jahren beträchtlich wuchs und zum laut Leyendecker „besten Journalismusverein Europas“ wurde, gehört damit mit der augenblicklichen Struktur wohl der Vergangenheit an. Die geplante Gründung einer Stiftung Netzwerk Recherche wurde vorerst auf Eis gelegt.
Weitere Vorstandsmitglieder sind David Schraven (Ressortleiter WAZ-Gruppe), Thomas Schnedler (Universität Hamburg), Markus Grill (Spiegel), Gert Monheim (WDR), Tina Groll (Zeit Online) und Josy Wübben (NDR). Leifs Vorstandskollegen scheinen vor der Versammlung vor einem Dilemma gestanden zu haben: Einerseits wollten sie die unbestrittenen Verdienste des Vorsitzenden nachdrücklich gegenüber den Mitgliedern betonen. Andererseits hatten sie offenbar vor der Versammlung ausgemacht, dass Leif nicht mehr zur Wiederwahl kandidieren und den Vorstand verlassen sollte.
Nachdem Leif diese Absicht in der Versammlung nicht so deutlich wie von seinen Kollegen erwartet formulierte, kündigten gleich drei Vorstände, unter ihnen Leyendecker, vorübergehend ihre Rücktritte an. Nun machen sie zunächst bis zum Herbst weiter. Sie wollen jetzt ohne ihren Vorsitzenden die Aufklärung des Falls vorantreiben und dann den Mitgliedern die Ergebnisse präsentieren. Danach steht eine Neuwahl des Vorstands an.
Die Mitgliederversammung hinterließ zahlreiche irritierte und zum Teil geschockte Mitglieder. Die geplante Party zum Jubiläum war geplatzt, die Stimmung im Keller. Für Thomas Leif, der den Verein maßgeblich geprägt hat, war es ein bitterer Abschied. „Sein“ Netzwerk, das journalistische Tugenden hochhalten will und für Transparenz in Politik und Wirtschaft kämpft, muss sich nun selber so glasklar wie möglich machen, um seine Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden.
Nachtrag, 2. Juli, 16:00 Uhr: Am Samstag gab der Vorstand des Netzwerks eine Pressemitteilung heraus, die auch eine Ehrenerklärung für den aus dem Amt geschiedenen Gründer enthielt. Dazu hieß es: "Der Vorstand erklärte, an der persönlichen Integrität Thomas Leifs gebe es keine Zweifel. Leif hat mit großem Engagement nr gegründet und 10 Jahre ehrenamtlich für das Netzwerk gearbeitet. Das netzwerk recherche verdankt dem Einsatz von Thomas Leif sehr viel."
Anmerkung: Der Autor ist seit mehreren Jahren Mitglied im Netzwerk Recherche, bekleidet dort aber keine Ämter und/oder Funktionen.
Letzte Kommentare
07.08.11 07:18
Roger Dorman
Mit etwas Abstand sollte doch noch erwähnt werden, dass die ganze Angelegenheit aus wohl übertriebener Angst vor Ansehensverlust der Vorstands-Kollegen von Thomas Leif viel "zu hoch gehängt" worden ist. Es ist auch eine Geschichte von vorübergehend bürokratisch falsch behandelter Fördergelder, es ist aber vor allem die Geschichte fehlender Solidarität mit einem Mann, der Großes geleistet hat und unter dessen Sonne man glänzen konnte und den man umgehend im Regen stehen lässt, wenn mal ein Wölkchen sich vor die Sonne schiebt. Es wäre eigentlich nötig diese Geschichte zu schreiben, damit das Publikum unterscheiden kann zwischen honorigem Journalisten und Wissenschaftler einerseits und eitlen Hasenfüßen.
04.07.11 10:31
Leif is Leif
Thomas Leif, der gerade noch den Verlegern empfahl, im Abklingbecken baden zu gehen, muss jetzt selbst in die Wiederaufbereitungsanlage....
Selbstgerechtigkeit ist halt immer eine problematische Geschäftsgrundlage für einen Journalisten und Hochmut kommt vor dem Fall.
"Jounalisten machen keine PR" - das war eine der Hauptforderungen des Vereins. Auch hier war Thomas Leif unglaubwürdig geworden, da er sich zuletzt immer mehr als PR-Büttel der ARD in Sachen Apps und Internet aufführte. Auch das war kein überparteiischer Journalismus ...
Gut, dass der Godfather weg ist. Das Netzwerk hat nun die Chance auf einen Neuanfang, bei dem nicht mehr die Redaktionsbeamten aus ARD und ZDF domieren.
03.07.11 16:10
Ulrich Schulze
Jetzt wäre es einmal spannend zu sehen, wie beharrlich das Netzwerk Recherche im eigenen Sumpf recherchiert - und veröffentlicht, was dabei konkretes herauskommt. Ist es vermessen eine Parallele zu ziehen zum Eklat um den HN-Preis? Auf den ersten Blick vielleicht, auf den zweiten zeigt sich: Die selbsternannten hohen Richter der Moral und des Anstands, der Souveränität und der Unbestechlichkeit, sind auch nur Anwälte eigener Anmassung, auch sie sind fehlbar. Und sollten daher in Zukunft etwas vorsichtiger sein mit ihren meist zu schnellen Schuldzuweisungen.
03.07.11 13:23
Rainer Hoffmann Hoffmann
Bei der Gelegenheit wäre ja mal interessant zu erfahren, wieviel GREENPEACE an Stipendien-Gelder an "Netzwerk-Recherche" gezahlt hat...
02.07.11 19:42
Frederik Weiss
In diesem Fall hätte eine rechtzeitige interne Recherche sicherlich viel Trubel vermeiden können. Unabhängige "Rechercheprofis", die in allen Blutbahnen der Politik unterwegs sind und jeden Stoffwechsel kritisch unter die Lupe nehmen sollten, dürfen sich nicht über Umwege von der Politik sponsern lassen. Solche "Zuschüsse" sind der Anfang des vielbeklagten Lobbyunwesens, das dann -wo auch immer- böse enden kann!
Das hätte selbst bei der Schatzmeisterin, Online-Frau bei der sich investigativ gebenden "Zeit", zumindest die "kleine Alarmglocke" läuten lassen müssen.