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Ein Kapitel aus "Deutsch für junge Profis"

Sprach-Dompteur Wolf Schneider übers Web

Seit Jahrzehnten bemüht sich Sprachpapst Wolf Schneider, Journalisten ein verständliches Schrift-Deutsch beizubringen. Jetzt entdeckt der mittlerweile 84-Jährige das Web und beschäftigt sich in seinem neuem Buch, "Deutsch für junge Profis", mit Blogs, Twitter und Online-Journalismus: "Was ich über die Gesetze des lesbaren Deutsch seit Jahrzehnten predige, gilt nun, bei wachsender Überfütterung und Ungeduld, in verschärfter Form." Passend dazu veröffentlicht MEEDIA das Kapitel "Also gut: 20 Sekunden!".

Also gut: 20Sekunden!

Wenn der erste Satz sich zäh dahinschleppt, habe ich also den Leser vielleicht schon verjagt. Wirkt er aber nicht direkt abstoßend, so kann der zweite, der dritte Satz noch alles retten: Im Durchschnitt ist das Maß des Gelangweiltseins erst nach 20 Sekunden (oder rund 350 Zeichen) voll. Praktiker haben das getwittert, wissenschaftliche Studien es bestätigt – mit einer Einschränkung freilich; die steht am Schluss dieses Rezepts.

Kennen Sie den Elevator Check– den Fahrstuhl-Test? Bei McKinsey und in anderen, vor allem amerikanischen Unternehmen stellt man sich vor: Der kleine Angestellte geht schwanger mit einer großen Idee; aber vom Boss empfangen zu werden, sieht er keine Chance. Da trifft er ihn im Lift – und hat nun, realistisch geschätzt, etwa 20 Sekunden Zeit, dem Chef seine Idee zu verkaufen; 20 Sekunden, unwiderruflich. Dieses Bild soll jeder in der Firma vor Augen haben und als Regel anwenden: Alles, was nach draußen geht, Brief, Mail, Prospekt und Angebot, muss es binnen 20 Lesesekunden geschafft haben, dem Adressaten mitzuteilen, worum es sich handelt – und vor allem: warum er weiterlesen soll.

In diesen 20 Sekunden oder maximal 350 Zeichen oder in zwei, drei Sätzen lässt sich viel erzählen. Zum Beispiel so:

Wie grüßt der Bergwanderer? Kein Problem, denken viele. Schon falsch.
(Magazin der Süddeutschen Zeitung, 69 Zeichen)

Gestern war einer dieser Tage, an denen ich verstanden habe, warum Frauen ihren Männern Strychnin ins Essen rühren. (Katja Kessler, 115)

Oft habe ich mich gefragt, woraus ein Hot Dog eigentlich besteht. Nun weiß ich es. Aber lieber wüsste ich es nicht. (The New Yorker, 115)

Großer Kopf – gescheiter Kopf? Intelligenz muss nicht schwer wiegen. Auf die Dynamik der Hirnentwicklung kommt es an. Können Sie folgen? (Weltwoche, Zürich, 136)

Um fünf Uhr morgens erscholl wie immer der Weckruf: Ein Schlag mit dem Hammer auf eine Eisenschiene an der Stabsbaracke. Schwach drang der unterbrochene Ton durch die zwei Finger dick gefrorenen Scheiben. (Solschenizyn, "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", 204)

Wo bleiben die Sondersendungen der Nachtstudios? Warum schweigen die Philosophen? Welcher Bischof ruft zum Dankgebet? Der amerikanische Präsident kündigt eine Welt ohne Kernwaffen an. Und keiner hört hin. (FAZ, 204)
 
Man muss sich nicht für Rechtsfragen der Haustierhaltung und des Schädlingsbefalls interessieren, um dennoch weiterzulesen, was die Schweizer Ratgeber-Zeitschrift Beobachter so begonnen hat:

Wanzen, Wespen, Würmer sind juristische Leckerbissen. Schon der Hundefloh verursacht Probleme: Ist auch er ein Haustier? Oder vielmehr ein Untermieter? Oder hüpft er gar durch rechtsfreien Raum? (194)

Und wer wollte zum hundertsten Mal von der Überalterung und der dadurch drohenden Rentenkatastrophe lesen, noch dazu eine ganze Sonderseite lang? Die Neue Zürcher Zeitung wahrte ihre Chance, indem sie mit zwei verblüffend erfrischenden Zeilen begann:

Alt werden hat in unserer Gesellschaft einen schlechten Beigeschmack. Mit wohlwollender Zustimmung altern dürfen bei uns nur noch Wein und Käse. (144)
 
Wer so anfängt, der hat versprochen, dass der ganze Artikel nicht in der gewohnten Routine versacken wird – er animiert zum Lesen!

Und da die Neue Zürcher eine der seriösesten Zeitungen deutscher Sprache und noch dazu die altmodischste von allen ist, riskiere ich den Rat: Wenn dieses Blatt in ein solches Thema mit "Wein und Käse" einsteigt, dann ist überhaupt keine Publikation, kein Text-Angebot, keine Rede vorstellbar, der es nicht gut bekäme, wenn sie ebenfalls den Mut hätte, mit Wein und Käse zu beginnen (Schulaufsätze und Doktorarbeiten ausgenommen – darüber mehr in Rezept 31).

Sich an solche Muster für pfiffigen Journalismus anzulehnen, tut jedem gut, der gelesen werden und noch dazu Sympathie stiften will – für jeden Zweck, in welchem Medium auch immer.

Die 20-Sekunden-Regel hat nur eine Schwäche: Ermittelt worden ist sie vor etwa zwanzig Jahren. Seitdem, so ist zu fürchten, könnte es mit der Geduld potenzieller Leser bergab gegangen sein. Seit Jahrzehnten sinkt ja die Zahl der Siebzehnjährigen, die jemals ein Buch ganz gelesen haben, viele Studenten fluchen über die Zumutung, ein ganzes Buch zu lesen – und durch Kino und Computer werden wir zur Hektik geradezu erzogen. Fünf Indizien:

- Ein durchschnittlicher Hollywood-Film von 90 Minuten Länge hat heute doppelt so viele Einstellungen wie vor dreißig Jahren.
- Im Vorspann amerikanischer, zunehmend auch deutscher Fernsehserien hüpfen die Bilder in einem Zehntel-Sekunden-Tempo, das dem Auge früher niemals gemutet worden ist.
- Immer üblicher wird das Multitasking: Während das Fernsehen läuft und der Wortschwall aus dem Handy nicht enden will, macht sich der Siebzehnjährige am Computer zu schaffen.
- Der Teaser im Online-Journalismus (wörtlich: das Neckende, das Verlockende– also der Voraustext, der zur Lektüre des ganzen Angebots verführen soll) ist meist nur 150 bis 250 Zeichen lang.
- Getwittert werden kann nur in 140 Zeichen.
- Und das Berliner Online-Magazin "The European" bricht seine Teaser rabiat nach 66 Zeichen ab: "Die Geschichte Afghanistans ist reich an Kriegen. Nun kann sich der..."

Einen bemerkenswerten Beitrag zur Kultivierung der Ungeduld hat 2008 die renommierte Werbeagentur Jung von Matt geleistet: Sie lud Bewerber ein, sich in 160 Zeichen vorzustellen – "160 Zeichen, die dein Leben verändern können".
 
All dies zusammengenommen muss der Rat an Schreiber, die gelesen werden wollen, wohl lauten:

- Nichts geht über einen aufregenden ersten Satz.
- Aber 160 Zeichen oder 10 Sekunden lang haben Sie Zeit, den furiosen ersten Satz anzureichern, auszupolstern.
- Nach 20 Sekunden oder 350 Zeichen jedenfalls ist alles verloren. Anmoderationen im Fernsehen sind oft 30 Sekunden lang und folglich schlecht.

Wie schön, dass von den acht Textbeispielen dieses Kapitels fünf auch vor der verschärften zehn-Sekunden-Regel bestehen.

Wolf Schneiders "Deutsch für junge Profis" ist bei Rohwolt erschienen. Umfang: 192 Seiten. Preis: 19,95 Euro.

 

red

11.03.2010
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