Ein Mann für alle Fälle: Mit seiner Ankündigung, beim Focus künftig selbst operativ ins Geschirr zu gehen, hat Burda-Vorstand Philipp Welte am Mittwoch die Branche überrascht. Einen Tag später erklärt der 48-Jährige im Interview mit Horizont einen Paradigmenwechsel bei den Online-Aktivitäten. Burda wird die redaktionellen Investments deutlich reduzieren und sich im Netz vertriebliche und marketingorientierte Konzepte konzentrieren. Der richtige Schritt in die Zukunft oder ein Risiko - die MEEDIA-Analyse.
2009, dem Jahr eins seiner Zeit im Vorstandsamt, war Welte zwar alles andere als untätig. Doch die ersten Entscheidungen wie die Einstellung defizitärer Titel, die Bündelung von Verlags- und Vermarktungstrukturen sowie die Verkündung der Unternehmensstrategie "Change" wirken heute eher wie ein Aufgalopp. Zu dominant schien Noch-Vorstand Helmut Markwort, zu unterschiedlich die Herangehensweisen und Management-Philosophien. Der Wechsel in der Focus-Geschäftsführung ist jetzt das klare Signal: Die Ära des allgewaltigen Ersten Journalisten Helmut Markwort, der übergroße Verdienste im Medienhaus hat, aber auch einen ebenso riesigen Haufen Probleme hinterlässt, ist endgültig vorbei. Dass Markwort noch drei Monate an seinem Vorstandsamt festhält und dort seinen Sitz erst zum Jahresende räumt, gerät dabei zur Randnotiz in der Unternehmenschronik.
Auch wenn manchem die Ämterhäufung und zusätzliche Funktion als Focus-Verlagslenker auf den ersten Blick obskur erscheinen mag, so handelt Welte hier absolut konsequent und richtig. Der Focus ist die größte verlegerische Herausforderung des Konzerns, und anders als Markwort ist der Hoffnungsträger Wolfram Weimer auch auf eigenen Wunsch nicht in der Doppelrolle als Blattmacher und kaufmännischer Chef angetreten. Als alleiniger Geschäftsführer ist der Vorstand in der Lage, dem neuen Chefredakteur bei der vom Verleger ersehnten Neupositionierung den Rücken zu stärken und gleichzeitig direkt die notwendigen Maßnahmen zu verantworten, die dem inhaltlichen Umbau zum wirtschaftlichen Erfolg verhelfen sollen. Gleichzeitig bedeutet die Übernahme des operativen Geschäfts auch, dass dem Vorstand im Misserfolgsfall keine Ausreden bleiben würden. Hier zeigt sich Welte und muss es zeigen – die erste echte Feuerprobe für den Mann an der Spitze.
Doch die Focus-Gruppe, bei der es neben dem redaktionellen Kern auch um die Abschaffung von unnötigen Doppelstrukturen (wie parallelen Postzustellungen) gehen wird, ist nicht die einzige Baustelle. Helmut Markwort gibt mit der Geschäftsführung auch die bislang aus der Ferne dirigierte Außenstelle in Hamburg, die Verlagsgruppe Milchstraße, an Welte ab. Auch dort werden wohl durch Zusammenlegungen von Steuerungseinheiten erneut Stellen wegfallen und im Wesentlichen die Redaktionen von TV Spielfilm, Fit for Fun und Cinema unangetastet bleiben. Der Standort, so wird bei Burda versichert, steht allerdings auf absehbare Zeit nicht zur Diskussion. Vor eineinhalb Jahren hatte der Verlag neue Räumlichkeiten bezogen und einen mehrjährigen Mietvertrag abgeschlossen. Klar scheint aber: Bei der Milchstrasse wird das Kostenmanagement im Vordergrund stehen, große Innovationen sind von der einst so umtriebigen Lifestyle-Unit wohl nicht zu erwarten. Hier wird Welte auch als Motivator gefragt sein, der nach Jahren der eher nachlässigen Betreuung durch den Ersten Journalisten Aufbruchstimmung verbreitet.
Neben all diesen Aufgaben kommt noch die Kurskorrektur im Digitalbereich auf Welte zu. Zwar galt Burda unter den Medienhäusern lange als First Mover und als überaus experimentierfreudig. Doch spätestens seit dem inzwischen legendären "Lousy Pennies"-Zitat des Verlegers beim DLD-Event 2009 hat sich im Vorstand Ernüchterung über die Perspektiven der content-getriebenen Portale breit gemacht. Wenn Welte nun bilanziert, dass in Deutschland mit werbefinanzierten Angeboten derzeit und wohl auch künftig kein Gewinn zu machen ist, so bekennt er sich zu einer Neubewertung, deren Folgen sich bereits abzeichnen. Die Phase der digitalen Spielwiesen scheint vorbei, unrentable Projekte und Beteiligungen werden reduziert. Uli Hegge, Leiter des konzerneigenen iLabs, hat sich bereits vor einiger Zeit ins Beratermetier verabschiedet, auch um Web-Scout Heiko Hebig ist es still geworden. Die digitale Zukunft gehört Umsatzbringern wie Holidaycheck oder Elitepartner, das Medienhaus positioniert sich in den redaktionsfernen Wachstumssegmenten als Dienstleister und Serviceunternehmen. Und auch wenn Welte ein Bekenntnis zu den großen Web-Portalen von Focus und Bunte abgegeben hat, steht zu erwarten, dass der Vorstand auch hier auf die Kostenbremse treten wird. Im Horizont-Interview findet sich dazu eine deutliche Ansage, Welte will "einen nicht unerheblichen Teil der verlagsgetriebenen Online-Aktivitäten auf ein Minimum herunterfahren" und stattdessen auf den "exzellenten Vertriebskanal Internet" setzen.
Für diese Entscheidung gibt es gute Gründe, doch gerade wenn ein Burda-Vorstand sie kommuniziert, ist sie aus Branchensicht auch schmerzlich: Ausgerechnet der Verlag mit den einst so hochfliegenden Plänen kocht nun auf Sparflamme, wenn es um die Fortführung der Zeitschriftenmarken im Web geht. Dass Welte gleichzeitig das Printgeschäft lobt und stark redet, zeigt den Sinneswandel, der sich in vielen Großverlagen vollzogen hat, frei nach der Devise: Vorwärts, wir gehen zurück. Pragmatik statt Romantik ist angesagt, diese Botschaft transportieren die Aussagen des Vorstands unmissverständlich. Ob die Richtung stimmt, ist schwer zu beurteilen. Philipp Welte agiert bei Burda als Game-Changer, und nur der Erfolg kann ihm recht geben.
Letzte Kommentare
15.09.10 10:34
faads khu Web-Site
Ich habe, um Überraschung auszudrücken
————————————————Belstaff Jacken
10.09.10 09:55
Peter Schaefer Web-Site
Ich habe nicht den Eindruck, daß bei Burda jemand versteht, wie Internet, Community im Internet und vor allem Werbung in derselben funktioniert.
Das ist insofern problematisch, als auch die Supi-Vertriebsplattformen im Internet letztendlich Werbung brauchen werden.
10.09.10 08:49
Joachim Herbert
Mit klassischen redaktionellen Produkten ist online kein Blumentopf zu gewinnen. Es ist nur konsequent, online auf die Bereiche zu setzen, in denen Burda bereits erfolgreich ist.
Daraus zu schließen, die Zukunft läge im Gedruckten, wäre zu kurz gesprungen. Die klassischen Medien haben durch eine Vielzahl von nicht-verlegerischen Online-Angeboten ihr Monopol auf die Schnittstelle zwischen Industrie und Endkunden verloren - dies ist eine strukturelle Veränderung, die Print- und Online-Angebote gleichermaßen trifft.
Burda hat auf diese Situation bereits einige Antworten: Corporate Publishing (die Fortsetzung von Werbung mit journalistischen Stilmitteln), an den Bedürfnissen der Endnutzer ausgerichtete Online-Services (wie Elitepartner) und Vermarktungsplattformen (wie Holiday Check), die ebenfalls stark an Nutzerbedürfnissen orientiert sind.
Ein tragfähiger Ansatz für klassische redaktionelle Angebote ("Qualitätsjournalismus") ist noch nicht in Sicht. Der ist keine Frage des Mediums oder wirksamer Paywalls. Auch ein wie auch immer geartetes Leistungsschutzrecht würde nur nicht mehr tragfähige Strukturen ein wenig länger bewahren. Um zu überleben, muss sich Journalismus in Zeiten des Information Overflow neu erfinden. Darauf darf man gespannt sein
09.09.10 23:14
Gutgelaunt Immernoch
Follow the money. Die Entscheidung ist richtig. Burda verdient immer noch 99% seines Geldes im Print Sektor, deswegen muss Online nicht weiter gepempert werden.
Ob Fokus die nächsten 5 Jahre überlebt, das wird eine entscheidene Frage sein. Noch ist der Markt da, aber er schmiltzt zusehends. Der USP ist verlorengegangen, die Chashcow ist ein Problembär. Es bleibt spannend.
09.09.10 17:03
Sigurd Hansen
Sehr gut. So kann man sich natürlich auch ganz ins Aus jonglieren. Auf den Burda "Journalismus" kann die Welt ja auch ohne weiteres verzichten. Das ist doch nichts als seichtes Wischi-waschi auf dem tumben Niveau vonh RTL-Nachrichten.
Der Focus ist natürlich schon etwas besser gemacht als die Bunte. Aber an die Qualität des Spiegels ist er nie herangekommen und wird es wohl auch nie. Eigentlich schade, wäre schöner gewesen wenn die Konkurrenz beide in noch bessere Qualitätsebenen gezwungen hätte.
Wir der Spiegel sich online auch auf das absolut Nötigste beschränken? Sicher nicht, also freie Fahrt in die Zukunft für die Hamburger.
Als Konservativer, der politisch eher Herrn Markwort als Herrn Augstein nahestehen würde, muß ich aber sagen, daß der Spiegel eindeutig und verdient der Gewinner ist in punkto journalistischer Qualität. Sowohl im Print als auch Online (die Focus Online Artikelchen sind ja sowieso unzumutbar).