Steife Brise an der Ericusspitze: In der Spiegel-Chefredaktion ist offenbar ein erbitterter Streit um die Print-Online-Strategie entbrannt. Nach MEEDIA-Informationen fordert Blattmacher Georg Mascolo vehement eine Bezahlschranke für das überaus erfolgreiche Nachrichten-Portal. Damit soll der zuletzt deutliche Auflagenrückgang gestoppt werden. Gegner dieser Strategie ist nicht nur Digital-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron, sondern auch Geschäftsführer Ove Saffe.
Am Morgen hatte der Verlag noch eine Jubelmeldung verbreitet. In der aktuellen AGOF legte Spiegel Online kräftig zu und erreicht danach inzwischen mehr als 11,3 Millionen Unique Visitors, ein Zuwachs von 10,4 Prozent gegenüber dem Vormonat. Damit hat das Web-Portal bereits mehr Leser als das Magazin, auch wenn die Überschneidung beider Leserschaften nicht besonders groß ist. Gerade beim Print-Spiegel sehen viele Verantwortliche dies kritisch – man fürchtet, dass das kostenlose Nachrichtenangebot die Heftverkäufe kannibalisiert.
Mascolo hat deshalb intern entschieden eine Bezahlschranke gefordert – und damit eine Maßnahme, zu der sich bislang kein namhafter Wettbewerber (aus guten Gründen) hat durchringen können. Der Widerstand im eigenen Haus dagegen ist nicht nur bei den Onlinern, allen voran Mascolo-Chefredakteurskollege Blumencron, groß. Auch die Geschäftsführung hält wenig von einer rabiaten Maßnahme. Gerüchten zufolge hat es in dem Streit angeblich sogar bereits Gespräche auf Gesellschafterebene über einen möglichen Wechsel an der Spiegel-Spitze u.a. mit Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz gegeben – was Spiegel-Sprecherin Anja zum Hingst auf Anfrage von MEEDIA allerdings energisch bestreitet: "Das Gerücht, demzufolge Ove Saffe Gespräche mit dem G+J-Vorstand sowie der Mitarbeiter KG geführt haben soll, um eine Neuordnung in der Spiegel-Chefredaktion herbeizuführen, möchte ich klar dementieren. Solche Gespräche hat es nicht gegeben, und sie sind auch nicht geplant."
Dennoch scheinen die Bewertungsunterschiede gravierend. Im Zusammenspiel zwischen Print und Online ist Erfolg erfahrungsgemäß nur dann nachhaltig zu erzielen, wenn auch die Verantwortlichen an einem gemeinsamen Strang ziehen. Spiegel Online beschäftigt inzwischen in der Redaktion wie es heißt 150 bis 180 Mitarbeiter – eine gewaltige journalistische Streitmacht, die gerade bei Großereignissen (wie diese Woche dem Breivik-Prozess in Oslo) in der Berichterstattung Maßstäbe setzt.
Es wäre angesichts der Realitäten im Online-News-Business schwer vorstellbar, wenn das Angebot nun hinter einer Paywall versenkt würde. Denn unter Experten gilt es als ausgemacht, dass die Masse der Nutzer nicht bereit ist, für ein Nachrichtenangebot zu zahlen. Somit könnte eine Bezahlstrategie den Erfolg des Portals torpedieren, ohne möglicherweise den Printverkauf zu befeuern. Auf der anderen Seite argumentieren Print-Redakteure beim Spiegel, dass das hochwertige Web-Angebot aus den eigenen Reihen für das Wochenmagazin die Spielräume immer enger werden lasse. Dies allerdings ist eine Herausforderung, die im Kern von der digitalen Welt diktiert wird und nicht von Onlinern im obersten Stock des Spiegelgebäudes.
Der Haussegen hängt derzeit schief im Neubau am Hafenrand, das oberste Führungspersonal ist sich nicht grün. Wie titelt der Spiegel doch gerade in dieser Woche: "Mobbing - Der Feind in meinem Büro". Wie die darauf nur gekommen sind?
Letzte Kommentare
20.04.12 17:06
Flin Flinsen
Wer aus Angst vor Kannibalisierung handelt, handelt immer falsch.
- Siemens und das Fax (Telex)
- Der deutsche Einzelhandel und das Onlinegeschäft (Karstadt)
- Die deutschen Buchverlage und das digitale Buch
- Die Musikindustrie und jede Erfindung seit dem Rad
Man kann die Zukunft nicht aufhalten.
FAZ und Zeit werden sich freuen.
20.04.12 10:56
Manfred Rieken
Der Spiegel ist langweilig geworden.
20.04.12 10:38
Andreas Mertens
Solange der Spiegel den Menschen permanent versucht vorzuschreiben was angeblich wichtig ist, anstatt darüber was den Menschen unter den Nägeln brennt wird er zurecht mehr und mehr in der Bedeutungslosigkeit versinken. Ich hab mir fast ein halbes Menschenleben lang jede Ausgabe des Spiegels gekauft. Der montagliche Gang zum Kiosk war ein beständiges Ritual der Informationsbeschaffung Doch vor Jahren schon ist mir darauf die Lust vergangen. Der Spiegel hat fertig, wie es da so neudeutsch lautet. Da sitzen nur noch die Restbrigaden der Scheuklappen bewehrten Generation 68 auf ihren zementierten sesseln und krampfen einen Unsinn nach dem nächsten aus der Feder. Das draussen vor ihren Fenstern ein ganzes Land vor die Hunde geht, interessiert nicht. Es passt ja ins Weltbild. Und weil nicht sein kann was nicht sein darf, ist es auch kein Thema für den spiegel. Ja nur nicht anecken. Wie ein gewichster Lachs mit dem Mainstream schwimmen. Der Spiegel der mal aneckte, der so gegen die Nomenklature bürstete das ihm der Staat anschließend die Türe eintrat ... der ist schon lange tot !
Kapiert es endlich. Generation 68 hat gewonnen. Nur benehmen sie sich jetzt genau so intolerant wie die, welche sie zu ersetzen trachteten. Das Pendel schwang gründlich von ganz Rechts nach ganz Links, So weit, jetzt fegt es wieder das Porzellan aus dem Regal !
20.04.12 10:02
Egon Erwin Kisch
Die einzige Paywall, die es beim SPIEGEL gibt und immer geben wird ist die zwischen Print- und Online-Redakteuren.
Letztere sind Anteilseigner und bekommen jährlich eine dicke Sonderzulage.
Die fleißigen Onliner hingegen nur ihr kleines Gehalt.
Fazit: die Paywall in den Köpfen...
20.04.12 09:55
Ein Leser
Andreas Borchert, verbirgt sich hinter Ihnen ein vergrätzter SP-Mitarbeiter? Was haben Sie gegen Herrn Mascolo? Er gibt sich doch wirklich Mühe mit den DVD-Beilagen und der basisdemokratischen Mitbestimmung im Spiegel.