Nach der Maul- und Klauenseuche, SARS und der Schweinegrippe hat Deutschland einen neuen "Horror-Erreger": EHEC. Aber schocken die "Killer-Keime" die Bürger wirklich? Oder haben diejenigen Kritiker recht, die den Medien vorwerfen, sie würden über das Ziel hinaus schießen und Panik-Mache betreiben? Eine Google-Analyse zeigt: EHEC ist das Thema, das die Menschen zurzeit bewegt – weit vor dem Sexskandal bei Ergo, der Aschewolke oder den Vorwürfen gegen den Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.
Die 20-Uhr-"Tagesschau" weigerte sich am Dienstag, 24. Mai, noch, EHEC als Aufmacher ihrer Sendung zu platzieren. ARD-aktuell-Leiter Kai Gniffke begründete das ausführlich in seinem Blog. "Ich werde schon in wenigen Wochen sicher wieder auf irgendeinem Podium eines Medienkongresses sitzen und darüber diskutieren, dass die Medien bei EHEC (oder war es SARS oder H2N1?) mal wieder übertrieben haben." Nur einen Tag später nahm der Erreger dann doch den ersten Platz in der Berichterstattung ein – jedoch nur, weil das Robert-Koch-Institut zuvor eine explizite Warnung vor Tomaten, Gurken und Kopfsalat ausgesprochen hatte. Vielleicht hätte Gniffke mit seinem Blog-Posting einen Tag warten sollen...
In anderen Medien sieht das ganz anders aus. "Darm-Seuche" titelt Bild, "Salat-Bars unter Verdacht" schreibt Die Welt, und die Hamburger Morgenpost bezeichnet EHEC als "Killer-Keime". Fakt ist, dass eine Infektion äußerst unangenehm verlaufen kann und in einigen Fällen sogar zum Tod geführt hat. Laut Robert-Koch-Institut besteht eine Ansteckungsgefahr bisher hauptsächlich in Norddeutschland. Der Medienaufschrei erinnert hingegen an den bei der sogenannten "Schweinegrippe", die im Jahr 2009 rund 18.000 Todesopfer weltweit forderte, davon 256 in Deutschland. Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt liegt die Zahl der Toten einer "normalen" Grippe für die Zeit zwischen 1998 und 2007 jährlich zwischen 3 und 34 nachgewiesenen und zwischen 63 bis 330 nicht nachgewiesenen Fällen. Also nahezu genau so hoch.
Suchabfragen bei Google
Der Journalist und Blogger Christian Jakubetz sieht in der Berichterstattung lauter "Daueraufgeregtheiten in den Redaktionen", die dazu führen, "dass sich eine Geschichte in die andere reinüberschlägt". Durch die Schnelllebigkeit im Nachrichtengeschäft habe sich ein starker Druck entwickelt, "die Leute ja nicht zu langweilen" und zur Not "die Relationen ein bisschen zu verschieben". "Ein neuer, unheimlicher, gruseliger Killerkeim? Dem bereits eine 83-jährige Frau zum Opfer gefallen ist? Endlich was neues, nachdem Rinderwahn, Schweinegrippe, Vogelgrippe und all die anderen unheimlichen Epidemien durch sind und nicht mal mehr Berufshysterikern Angst machen", kommentiert er in seinem Blog. "Killerkeim im Blattsalat, wie schön!"
Doch kann man den Medien verdenken, dass sie das Thema in den Fokus rücken? Laut Google Trends schießen die Suchanfragen zu "EHEC" in die Höhe und überflügeln andere Themen wie Fukushima, Aschewolke, Strauss-Kahn oder sogar Ergo. Da bleibt nur eine Frage offen: Was war zuerst da, die Berichterstattung oder die Suchanfragen?
So lange es keinen neuen Aufreger gibt, werden viele Medien weiter auf der EHEC-Welle reiten. Noch währenddessen werden sich voraussichtlich auch die ersten Kritiker zu Wort melden und beklagen, man habe wieder einmal übertrieben. So war es nach den meisten Seuchen, so wird es auch diesmal wieder werden.
Letzte Kommentare
31.05.11 13:51
DL2 MCD Web-Site
Also wenn ich den Salat nun kochen muß, soll ich ihn dann weich oder hart kochen????
27.05.11 15:46
Ulf J. Froitzheim Web-Site
Wie es scheint, gehen viele Chefredakteure inzwischen von Lesern oder Zuschauern aus, die keine Spur mitdenken. Die hilflosen Ratschläge, wie man sich schützen soll, kommen mir vor, als kämen sie von Leuten, die Abläufe in einer Küche nur theoretisch kennen, und seien gedacht für Menschen, die das erste Mal in der Küche stehen.
Ich soll Salat nicht roh essen? Ein Witz. Natürlich roh oder gar nicht. Ich kaufe meinen Salat aber da, wo ich die Herkunft kenne, und brauche mich deshalb jetzt auch nicht verunsichern zu lassen.
Was mir besonders aufstößt: Statt selbst zu recherchieren, scheinen viele Medien in Duldungsstarre auf Verlautbarungen zu warten. Und wenn dann welche kommen, werden die eilig 1:1 weitergereicht - wie die Nachricht, es handle sich um spanische Gurken.
Statt dessen würde ich erwarten, dass jemand der Sache nachgeht: Wo werden in Spanien Gurken für den Export angebaut? Gibt es dort denn auch Ehec-Fälle? Wer/wo sind die Hauptabnehmer (welche Importeure und Großmärkte)?
Und welcher Kollege hat eigentlich mal die großen Supermarktketten gefragt, welche Labors sie jetzt für die Wareneingangskontrolle eingespannt haben, um sicherzustellen, dass ihre Ware sauber ist? Gelesen habe ich dazu bisher nichts. Die Tagespresse hat, wie mir scheint, bisher versagt: Wo ich auch hinschaue, überall stehen die gleichen Belanglosigkeiten.
27.05.11 14:21
Ulrich Schulze
@Aribert Deckers: Was wollten Sie sagen?
26.05.11 21:53
Aribert Deckers Web-Site
@Ulrich Schulze
>Auch in diesem Fall drängte sich sofort der Verdacht
>auf: die Medien übertreiben.
Richtig muß es heißen: "welche Medien WOMIT übertreiben".
>Ein bißchen schon.
Mit ihrer Schlamperei übertreiben es einige Medien schon, sogar sehr.
>Eine Katastrophe ist das RKI: es lag bei H1N1
>falsch, bei Dioxin, und nun, im Falle Ehec, knallte
>es eine glatte Falschvermutung wie eine Tatsache an
>die Öffentlichkeit.
Das zu beurteilen braucht man unter anderem FACHwissen über Mikrobiologie. Die meisten Journalisten haben das nicht. DENNOCH schreiben sie. Kohl.
>Fazit.
Auf welcher Grundlage?
>Die Medien sollten sich hüten, das RKI weiter ernst
>zu nehmen, sonst können sie zu solchen Themen auch
>gleich Bohlen befragen.
Die Leser können statt SOLCHER Medien auch gleich Bohlen fragen.
>Und noch eine Lehre: Die Wissenschaftler, die seit
>der Affäre KTzG auf dem hohen Roß der Unfehlbarkeit
>und Reinheit sitzen, müssen absteigen, sofort.
Welche "Wissenschaftler"? Juristen sind keine Naturwissenschaftler; Politologen, Germanisten und andere Sprachverhunzer ebensowenig.
26.05.11 21:15
Ulrich Schulze
Auch in diesem Fall drängte sich sofort der Verdacht auf: die Medien übertreiben. Ein bißchen schon. Eine Katastrophe ist das RKI: es lag bei H1N1 falsch, bei Dioxin, und nun, im Falle Ehec, knallte es eine glatte Falschvermutung wie eine Tatsache an die Öffentlichkeit. Fazit. Die Medien sollten sich hüten, das RKI weiter ernst zu nehmen, sonst können sie zu solchen Themen auch gleich Bohlen befragen. Und noch eine Lehre: Die Wissenschaftler, die seit der Affäre KTzG auf dem hohen Roß der Unfehlbarkeit und Reinheit sitzen, müssen absteigen, sofort.