Die Vorgänge rund um das Finanzgebaren des Netzwerk Recherche werden immer dubioser. Zur Erinnerung: Der Vorsitzende Thomas Leif wurde aus dem Amt gedrängelt, weil das Netzwerk zu hohe Fördergelder kassiert hatte. Nun liegt ein Bericht von Wirtschaftsprüfern vor, der weitere Fragen und Ungereimtheiten am Finanzgebaren des Clubs der Aufklärungs-Journalisten aufwirft. Das Netzwerk hat seine Glaubwürdigkeit in der Affäre längst verspielt. Die sauberste Lösung wäre es, den Verein aufzulösen.
Gegenüber MEEDIA erklärte Netzwerk-Vorstand Hans Leyendecker kurz nach dem Abgang von Thomas Leif aus dem Vorstand noch, man wolle nun eine “vorbildliche Transparenz” schaffen. Das Ergebnis des Wirtschaftsprüfer-Berichts wolle man, “in welcher Form auch immer”, online veröffentlichen. Bisher sind Details aus dem Bericht im Spiegel, bei der FAZ und bei MEEDIA zu lesen. Auf der Website des Netzwerks sucht man danach vergeblich. Stattdessen wird die “Fachtagung Tunnelblick” beworben. Die FAZ schreibt, der Netzwerk-Vorstand berate gerade darüber, wie man mit dem Bericht umgehen will. Ob man nur die “wichtigsten Ergebnisse” veröffentlichen will oder den ganzen Bericht. Sorry Leute, aber “vorbildliche Transparenz” sieht anders aus.
Die Kommunikationsarbeit des Netzwerks in eigener Sache war und bleibt desaströs. Thomas Leif sagte zuerst gar nichts, jetzt wird er mit den Worten zitiert, er tue “selbstverständlich” alles in seiner Macht stehende, um die Vorwürfe aufzuklären. Er spricht wie ein ertappter Politiker. Ansonsten habe alles schon seine Richtigkeit gehabt. Wirklich?
Warum hatte ein relativ kleiner Verein wie das Netzwerk über eine halbe Million Euro Rücklagen angehäuft? Was wollte man mit dem Geld? Was genau hat es mit der Stiftung auf sich, die man angeblich plante? Warum erfährt man darüber nichts Genaues, warum gab es da offenbar keinen Zeitplan? Warum hat das Netzwerk nur so wenige Recherche-Stipendien vergeben? Wie kann es sein, dass Ausgaben in Unterlagen handschriftlich dokumentiert wurden? Und was ist das für eine seltsame Geschichte, die die FAZ da erzählt, dass ausgerechnet Hans Leyendecker bei der Gründungsversammlung des Netzwerks 2001 einen anonymen Großspender aus Amerika ins Spiel brachte, worauf Thomas Leif offenbar die Protokollierung der Sitzung unterbinden ließ? Kurz gesagt: Was ist das für ein Gebaren von Journalisten, die sich sonst als Aufklärer und Vertreter der reinen Lehre geben?
Wir haben hier einen Verein, der im Kern seines Daseinszwecks jede Glaubwürdigkeit verspielt hat. Da gibt es mit Thomas Leif einen wenig reuigen ehemaligen Vorsitzenden, der ein veritables Finanzchaos angerichtet hat und mit Hans Leyendecker eine Galionsfigur des investigativen Journalismus, der bei jeder Gelegenheit verkündet, er habe schon seit sechs Jahren ohnehin keine Zeit mehr für den Verein gehabt. Und wofür das viele Geld auf dem Konto des Netzwerks da war und wo es herkam, weiß er offenbar auch nicht so genau. Keine Zeit, keine Ahnung - nicht die besten Voraussetzungen, um eine tiefgehende Glaubwürdigkeitskrise zu meistern. Nun wird wieder Transparenz versprochen, Reformen werden angekündigt, Rechtfertigung wird gesucht in Ahnungslosigkeit, Zeitnot und Schlamperei. Ob den führenden Mitgliedern des Netzwerks wirklich nicht bewusst ist, wie sehr ihr Verhalten dem von Institutionen gleicht, die sie sonst so gerne anprangern?
So wie die Lage derzeit aussieht, braucht das Netzwerk Recherche keine Reformen und Transparenz-Offensiven mehr. Ein sauberer Schnitt wäre nötig. Die Verantwortlichen, allen voran Thomas Leif, sollten sich hinstellen, zugeben, dass sie Mist gebaut haben und entschuldigen. Danach sollte man den Verein auflösen. Das wären wirkliche Konsequenzen.
Update: Mittlerweile hat das Netzwerk Recherche den Prüfbericht auf seiner Website veröffentlicht.
Letzte Kommentare
24.08.11 14:08
Theo H.
Herr Winterbauer,
es bleibt Ihnen völlig unbenommen, sich als Richter über einen Verein von Kollegen aufzuspielen.
Aber: Sie stellen in ihrem Artikel eine Menge Fragen. Mich würde interessieren, ob Sie selbst vor dem Schreiben aktuell den Verein um Beantwortung dieser Fragen ersucht haben. Ich kann da in ihrem Artikel nichts entdecken, was auf ein gebotenes Mindestmaß an Recherche hindeutet.
Oder habe ich da etwas überlesen?
24.08.11 08:40
Stefan Winterbauer
@Aribert Deckers Sollten Sie mit dem Bären Thomas Leif meinen. Ich gehörte jedenfalls nicht zu jenen, die ihn stets bejubelt haben.
@Gabriele Kaufrausch Hier gehen Sie irr. Ich schreibe ja nicht. "Skandal beim Netzwerk Recherche, schafft alle Journalisten Organisationen ab".
@David Schraven Das ist zunächst erfreulich. Aber warum versenden Sie den Bericht an Mitglieder und machen ihn dann nicht gleich selbst auf der Website öffentlich? Das verstehe ich nicht. Das eine oder andere erläuternde Wort auf der Website zu der Sache wäre im Sinner der stets versprochenen Transparenz vielleicht auch hilfreich gewesen. Vielleicht habe ich das aber auch übersehen.
Mittlerweile wurde ja ein Link auf den Prüfbericht oben auf die Website gestellt. Warum nicht gleich? Wurde das von gestern auf heute noch geprüft?
Beste Grüße
SW
23.08.11 14:39
David Schraven
Hallo Herr Winterbauer,
ich bin im Vorstand des Netzwerkes Recherche.
Sie werden es bei MEEDIA vielleicht nicht mitgekriegt haben. Wir haben den Prüfbericht gestern an alle Mitglieder des Netzwerkes Recherche versandt.
Und wir werden alle Zahlen und alle Daten wie versprochen veröffentlichen.
Nur: wir arbeiten sorgfältiger, als sonst hier üblich.
Grüße
David Schraven
23.08.11 14:32
Gabriele Kaufrausch
Super Artikel, wirklich... Leute wie Sie sind ein prima Argument dafür, das Netzwerk nicht aufzulösen.
Vorschläge für die nächsten Artikel:
- Skandal bei WWF: Macht alle Naturschutzorg. dicht!
- Skandal bei der Stiftung Warentest: Schafft alle Verbraucherschutzorganisationen ab!
- Skandal beim MDR: Beendet das Kapital der Öffentlich-Rechtlichen Sender
- Skandal bei Fleischproduzenten: Werdet alle Vegetarier! LG,
23.08.11 13:48
Aribert Deckers Web-Site
Es ist leicht zu schießen, nachdem der Bär gegrillt wurde.
Aber als er noch auf seinen zwei Beinen und aufrecht ging, und Alle überragte, war es bemerkenswert stille.
Investigativ sein kann jeder. Es tat bloß nicht jeder.
Auch jetzt nicht.