Wulff und die Medien – was für eine bigotte publizistische Schlammschlacht! Die Kreditaffäre um den Noch-Bundespräsidenten entwirft das Sittengemälde eines Metiers wie es in einem Schwarzbuch Journalismus nicht besser hätte erfunden sein können. Sie führt beinahe prototypisch vor, wie aus ehemals gehypten Politikern plötzlich Staatsfeinde gemacht werden, wie mediale Bruderschaften geschmiedet und wohlfeile Medienkampagnen ausgeheckt werden. Ein Gastkommentar von Journalistik-Professor Stephan Weichert.
In der Causa Wulff geht es vor allem um Aufmerksamkeit. Aber nicht um der Sache, sondern um der emotionalen Stimmungsmache willen. Was wir derzeit erleben, ist eine schlimme Ausgeburt des gehobenen Stimmungsjournalismus in Deutschland, der sich aus gefühlten Wahrheiten, Wichtigtuerei und Abfälligkeiten gegenüber Berufspolitikern speist. Der Fall Wulff offenbart aufs Neue, wie gefährlich nahe sich Politiker und politische Journalisten inzwischen im Treibhaus Berlin gekommen sind, und mit welchen Risiken diese unwirkliche Nähe behaftet ist.
Es geht also nicht um die Frage, ob die Bürger eher einem Boulevard-Chefredakteur oder dem Staatsoberhaupt Glauben schenken sollen, oder dass die politische Klasse inzwischen schon unter Generalverdacht zu stehen scheint. Es geht vielmehr um den gegenseitigen Liebesentzug von Medien und Politikern und darum, dass die Meinungsmacher im Regierungszentrum selbst zu Getriebenen werden, die politische Affären nicht mehr durch journalistische Geschäftigkeit aufdecken, sondern Petitessen wie die angeblich skandalöse Garderobe seiner Ehefrau oder die Übernachtungsregelungen für Freunde von Politikern selbst zu Medienskandalen aufbauschen. Während über Hintergründe im Fall Wulff – etwa die persönlichen Verbindungen zu AWD-Gründer Maschmeyer – weiter im Dunkeln bleiben. Es überrascht, mit welcher Einmütigkeit dabei die ehemaligen Klassenfeinde Springer, FAZ und Spiegel jetzt berichten.
Immerhin: Daraus lässt sich viel über die Funktionsweise der Medienmaschinerie ableiten. Zum Beispiel, dass die Medienagenda so volatil ist wie derzeit nur der Aktienkurs des Springer-Verlags. Oder die bittere Gewissheit, dass die Simulation politischer Interviews wie bei ARD/ ZDF ein Auslaufmodell ist – so schlecht wurde da gegenrecherchiert, so wenig sachverständig nachgefragt. Oder wie stark der Stammtisch die Medien beherrscht, wenn alle paar Tage – fast manisch – eine neue Umfrage wie der ARD-Deutschlandtrend präsentiert werden muss, die besagt, dass Wulff aufgrund des kritischen Presseberichterstattung kontinuierlich an Zustimmung im Volke verliert – ein wahrer Teufelskreis der medialen Selbstthematisierung. Wie schon in den letzten Wochen drängt sich ohnehin der Eindruck auf, dass diese Meinungsmache nicht von ungefähr kommt – sie stellt sich vielmehr als journalistisch gewollt dar und ist in den Augen vieler Bürgern vielleicht sogar ein Indiz dafür, dass manche Hauptstadtjournalisten dies als Gelegenheit sehen, Angela Merkel zu stürzen.
Dafür spricht zumindest auch, dass völlig nebulös bleibt, welche Informationen die tonangebenden Leitmedien – von Bild über Spiegel bis Süddeutsche – aus strategischen Gründen noch bewusst zurückhalten, um die Debatte im "richtigen Moment" weiterzudrehen, etwa die vermeintlich anstößige berufliche Vergangenheit der First Lady. Man spürt an der teils flatterhaften, teils alarmistischen Politikberichterstattung der letzten Tage, wie sich die Medienmeute förmlich daran ergötzt, Gott zu spielen und darüber zu richten, ob der Bundespräsident im Amt bleiben darf. Diese Spirale der Entrüstung wird von der Eigendynamik und Meinungsfreudigkeit der Netzgemeinde noch beschleunigt – die Hauptstadtjournalisten haben sichtlich Angst, den Kürzeren zu ziehen und ihre Deutungshoheit an die Internet-Community zu verlieren – warum auch sonst wird in den klassischen Medien andauernd auf die Stimmungslage bei sozialen Medien, Facebook und Blogs verwiesen?
Natürlich gehören eine gewisse Respektlosigkeit und Chuzpe gegenüber Politikern schon von Berufswegen zum Journalistendasein dazu. Wenn aber Vorverurteilungen und Sensationsrummel wie dieser Tage die journalistische Sorgfaltspflicht und Besonnenheit überstrahlen, ist es vorbei mit der Professionalität. Wulff wird nach dieser beispiellosen Treibjagd der Medien zurücktreten (müssen), soviel scheint schon jetzt festzustehen. Aber ob die Vergewisserung der Alpha-Journalisten ihrer eigenen Bedeutsamkeit die Demontage eines Bundespräsidenten wert war, wird sich noch zeigen.
Stephan Weichert ist Professor für Journalistik an der privaten Macromedia Hochschule in Hamburg und Mitherausgeber des neuen Internet Portals Vocer. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Berliner Hauptstadtjournalismus. Zuletzt erschien bei Hoffmann und Campe sein Buch "Die Meinungsmacher" (mit Leif Kramp).
Letzte Kommentare
09.01.12 20:43
Klaus-D. R.
Mit was für Bagatellen wir unsre Lebenszeit tot schlagen ...
Da sitzt einer hinter einer Hecke und schießt seine giftigen Pfeile ab. Und wir Bürger applaudieren dazu. Und wissen alles besser. Und werfen fleißig mit Steinen ... auf unser Staatsoberhaupt.
Was bitte sollen die Menschen um Deutschland herum von uns denken, von uns halten? Ein bisschen mehr Staatsräson kann jeder von uns sich schon abringen - wollen wir noch ernst genommen werden in der Welt.
Wegen einer derart lumpigen Lappalie wie einem Privatkredit und einer Mailboxnachricht (was uns nichts anzugehen hat) und wo wir nicht wirklich wissen, was hier gespielt wird, stellen wir unser Licht unters Scheffel. Und es scheint uns nicht einmal zu bekümmern.
Ich selbst rate auf jeden Fall zum Aussitzen und totschweigen. Alles andere wäre so klug wie das Pissen gegen den Wind.
Unter dem Deckmantel "Pressefreiheit" kann viel Unheil angerichtet werden. Ob sich der Reporter, dem zugutegehalten wird, sich seiner Pressefreiheit bedient zu haben, überhaupt bewusst war oder ist, dass er wegen einer derartigen Lappalie ganz Deutschland lächerlich macht?
Missverständnisse sind unter uns ... jedem nach seinem Geiste. Pressefreiheit muss ja deshalb nicht gleich in Narrenfreiheit ausarten.
Wir haben doch wohl wichtigere, unser aller Existenz betreffende Probleme zu bewältigen, als uns mit solchen Schmierengeschichten zu befassen und zu verausgaben. Was denkt sich dieser Mensch eigentlich, womit andere ihre endliche Lebenszeit vorzeitig würden totschlagen wollen? Und warum in Gottes Namen hat er sein Wissen oder die instinktiven Ahnungen um vermeintliche Verfehlungen des Staatsoberhauptes nicht schon viel früher, also bereits vor diesem ominösen Mailboxanruf in die Öffentlichkeit lanciert? War dieser Reporter etwa derart eitel gekränkt darüber, dass ein Bundespräsident sich das Recht herausnahm, ihn, den Reporter, einfach anzurufen und ihm gar noch eine unangenehme Nachricht auf der Sprachbox zu hinterlassen? Soviel Frust kann ein schwacher Mensch nicht aushalten und nur so abbauen, wie geschehen.
Merke, auch ein Bundespräsident ist eben nur ein Mensch, ausgestattet mit Emotionen ... und das muss er auch bleiben und das muss auch so sein dürfen. Sonst entartet ein Mensch in widerliche Scheinheiligkeit!
Mir scheint hier, dass lediglich ein frustrierter Vertreter der Reporter-Zunft, der offenbar auch noch seine Bodenhaftung verloren zu haben scheint oder eine ganz bestimmte, miese, fiese, privat angesiedelte Absicht verfolgt, sich all zu wichtig nimmt und die "Haut den Lukas" - Nummer abspult. Volksdümmlicher Rummel also.
Macht endlich Schluss mit dieser unmöglichen Debatte. Herr Wulff muss bleiben, soll bleiben, kann bleiben - ist derzeit durch keinen anderen zu ersetzen. - Oder kennt Ihr, die Ihr alle im Glashaus sitzt und mit Steinen werft, jemanden, der eine blütenreine Weste hat?
Klaus R.
09.01.12 16:46
Peter Henri
Also ich würde ein wenig abwarten, Herr Professor.
Vielleicht ist ja diese 1,8-Milliarden-Klage gegen Wulff doch der eigentliche Grund für Kampagne und Nebelkerzen.
Wer Porsche hilft, darf Dank erwarten - auf Umwegen natürlich.
Aber ob unser Journalismus noch Lust hat, investigativ dran zu bleiben ?
09.01.12 15:04
Ulrich Schulze
Prof Weichert ist zuzustimmen. Und das Aufheulen einiger offenbar Betroffener hier ist der Beleg dafür. "Hauptstadt"journalismus ist übrigens genau so anmaßend wie "Lokal"journalist abwertend. Dass sich Spiegel und Bild in der Sache Wulff so herzlich umarmen ist ein Spiegelbild der deutschen Medien. Die nebenbei einfach verdrängen, wie wichtig andere Themen wären: Die zerzauste FDP, der Streit in der SPD, die lahme Union, die Winkelzüge der Linken, das Vegetieren der Grünen - alles keine Themen? Sauber.
09.01.12 14:40
Ben Peters
Der Artikel spricht mir aus der Seele! Ich wundere mich schon die ganze Zeit darüber, dass die Medien einhellig über den Wulff-Skandal berichten und in der Salami-Taktik, die sie Wulff vorwerfen sich immer noch ein kleines Skandälchen überbehalten, um darüber noch berichten zu können. Gerade beim Fernsehinterview der ARD fielen mir noch vor den Lügen Wulffs die peinlichen Momente der Journalisten auf, die offensichtlich ihre Hausaufgaben sehr schlecht gemacht hatten. Jedenfalls fragte ich mich oft, welchen Vorwurf sie Wulff überhaupt machen wollen. Es fehlte Ihnen offensichtlich an Vorbereitung und so blieb oft nur die ernste Miene, Argumente hatten sie nur wenige, mit dem sie ihn konfrontieren konnten. Bis hin zu der peinlichen Behauptung von Frau Schausten, dass Sie Ihren Freunden Geld dafür zahlen würde, wenn sie bei Ihnen übernachtet. Darüber wurde in der Medienwelt allerdings nicht berichtet, da man sich ja gemeinsam auf die Linie der Demontage Wulffs eingefahren hat. Ich bin selbst der Meinung, dass Wulff in dem Amt nicht weiter tragbar ist. Durch die Berichterstattung der Medien bekommt das Ganze für mich aber den Beigeschmack mich manipuliert und einseitig schlecht informiert zu fühlen.
09.01.12 14:28
Ulrich Rosenbaum
Immer mehr Journalistik-Professoren beschäftigen sich mit der Arbeit von immer weniger fest angestellten Journalisten. Diese Wichtigtuerei geht mir auf den Wecker. Dabei weiß der Professor von Macromedia (was ist das eigentlich?) offenbar gar nicht, was Hauptstadtjournalismus ist. Denn der hat noch am wenigsten mit den Enthüllungen über den Präsidenten der Schnäppchenjäger-Republik zu tun. Und mit der mal wieder klischeehaften bemühten Nähe von Politikern und Hauptstadtjournalisten im "Treibhaus Berlin" hat das alles erst recht nichts zu tun. BILD beweist ja gerade im Gegenteil, dass man sich durch Nähe (siehe des Homestorys des glücklichen Paars) nicht einlullen lässt.
Nebenbei: Als jemand, der seit 40 Jahren Hauptstadtjournalist (Bonn und Berlin) ist, bin ich stolz darauf, dass investigativer Journalismus trotz des Abbaus von Arbeitsplätzen in den Redaktionen immer noch stattfindet.