Radikalumbau in Hamburg: Die Geschäftsführung des Jahreszeitenverlags hat heute dem Betriebsrat und den Beschäftigten ein hartes Sparkonzept vorgelegt. Kern-Element: Jeder Titel behält seine eigene Führung, ein sogenanntes Blattmacherteam, bestehend aus Chefredakteur, Artdirektion, Textchef und einigen Ressortleitern. Redakteure sieht das Konzept nicht mehr vor. Den Ressortleitern werden allerdings noch Stellvertreter an die Seite gestellt, die sich offenbar aus den bisherigen Redakteuren rekrutieren.
Ob der Betriebsrat dem Extrem-Plan zustimmt, ist unklar. Fest steht allerdings: Das Management plant die Einsparung von 70 Vollzeit-Arbeitsplätzen. "Wir werden leider betriebsbedingte Kündigungen aussprechen müssen. Über die Gestaltung dieses unumgänglichen Prozesses haben wir die Gespräche mit dem Betriebsrat und den betroffenen Abteilungen aufgenommen", sagt Geschäftsführer Jan Pierre Klage. "Wir hoffen, dass wir diese in der gleichen konstruktiven Weise führen können, wie das in den letzten Monaten der Fall gewesen war. Dafür danken meine Kollegen in der Geschäftsführung und ich ausdrücklich dem Betriebsrat.“
Entwickelt wurde das neue Organigramm von einer internen Arbeitsgruppe, die aus Redaktionsmitgliedern und der Geschäftsführung bestand. Unterstützung wurde sie von der Münchener Unternehmensberatung Schmidt Grund und Partner.
Wichtigste Neuerung ist wohl das Blattmacherteam, das laut Geschäftsführer Peter Rensmann für "Qualität, Kreativität und Weiterentwicklung seines Titels" sorgen soll. "Es garantiert die Erhaltung der Seele der Blätter gegenüber den Leserinnen und Lesern."
Das Blattmacherteam wird unterstützt von Servicepools der geschäftsführenden Redakteure. Diese sind laut Pressemitteilung "jeweils für mehrere Objekte zuständig und werden ihrerseits von Assistenten für die Honorarabwicklung und die Kalkulation der Serviceleistungen unterstützt. Die Chefs vom Dienst und Hersteller bleiben ihren Objekten zugeordnet."
Die Bildredaktionen und die Syndication des Verlages werden zu einer Einheit zusammengefasst mit einer Doppelspitze aus jeweils einem Leiter der entsprechenden Einheit. Dabei sollen die einzelnen Bildredakteure dann als feste Ansprechpartner einem oder mehreren Objekten zur Verfügung stehen.
Bitter sieht es für Grafiker und die Schlussredaktionen aus. Deren Jobs sollen künftig von externen Dienstleistern übernommen werden.
Das Hauptziel des Sparplans liegt in der "nachhaltigen Senkung" der Fixkosten. Einzig an einem Punkt soll das Bugdet erhöht werden: bei freien Autoren. "Die Neuorganisation soll es den Blattmachern ermöglichen, mit den besten kreativen journalistischen Köpfen für die jeweiligen Themen zusammenzuarbeiten", heißt es in der Pressemitteilung.
Die Einsparungen begründete Geschäftsführer Klage auf der Mitarbeiterversammlung damit, dass man zwei Probleme zur gleichen Zeit bewältigen müsse: "Den strukturellen Wandel der Medienwelt und die anhaltende wirtschaftliche Krise." Deshalb müsse der Verlag die Kostenstruktur den sinkenden Erlösen anpassen.
Die bisherigen Sanierungspakete reichten wohl nicht aus. "Die Einsparungen durch die Kurzarbeit und die zuvor bereits eingeleiteten Kostenstrukturmaßnahmen hätten leider den Rückgang der Umsätze nicht ausgleichen können. Seinen Mitarbeitern erklärte Klage: "Das, was wir Ihnen heute vorstellen, ist kein pures Sparprogramm, sondern eine Mischung aus notwendigen Kostensenkungen und Investitionen in neue Strukturen."
Letzte Kommentare
24.03.10 22:56
tom taler
Diese Methoden,die unter dem Namen "Strukturanpassung",
"Anpassung der Kosten an sinkende Erlöse" den Betroffenen verkauft werden, verschleiern den eigentlichen Tatbestand: Die Kapitalverwertung der großen Verlage läuft krisenbedingt nicht mehr reibungslos; Der rasende Konkurrenzkampf hat zu Überproduktion von z.T. überflüssigen Produkten geführt.
Um aber die Renditen für die Kapitaleigner zu halten, sollen jetzt allerorten die Leute mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bluten.
Statt dass sich Belegschaften im Widerstand gegen Kündigungen zusammenschließen und damit ihre Interessenvertretungen auf Vordermann bringen, ist es geradezu umgkehrt: Die Betriebsräte reagieren hilflos und unter Druck von Kündigungen mit Sozialplänen, statt den Widerstand gegen Entlassungen z.B. durch Demonstrationen, spontane Mittagspausen oder permanente Betriebsversammlungen zu organisieren.
Wann wachen die Belegschaften der Verlage in dieser Abwärtsspirale endlich auf und kämpfen gemeinsam?
Es wird höchste Zeit,diesen Prozess über Netzwerke zu organisieren. Die Franzosen können das doch auch!
23.03.10 16:11
Bull Sh...
Wichtigste Neuerung ist wohl das Blattmacherteam, das laut Geschäftsführer Peter Rensmann für "Qualität, Kreativität und Weiterentwicklung seines Titels" sorgen soll. "Es garantiert die Erhaltung der Seele der Blätter gegenüber den Leserinnen und Lesern."
Methode WAZ: Verlage, die ihre Unfähigkeit mit Qualitätsphrasen bemänteln, steht sicher eine große Zukunft bevor. Wer berät die Verantwortlichen eigentlich? Ein klares: "Wir sind am Ende, Feierabend." wäre angebracht.
23.03.10 15:57
Maria Bach
Der Gedanke an eine Schleckeriade liegt nicht fern. Oder?
23.03.10 15:28
Tobi Lowe
Wenn dieses Prinzip erst einmal erfolgreich Schule macht, dann hat das nicht nur den radikalen Umbau kompletter Verlage zur Folge, sondern bedeutet auch das Ende des so genannten "Redakteurs". Ich kann allen, die demnächst "frei" sein werden nur raten: Zieht einen Schlussstrich! Lasst Euch nicht erneut vor den Karren Eurer ehemaligen Arbeitgeber spannen. Ihr seid unabhängig! Es gibt andere Blätter, die offen sind für neue Ideen.