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Chefredakteur Ebert über die Negativ-Nominierung von Neon

Hölle-Preis: "Unseriös und bald Rufmord"

Der Verband Freischreiber hat mit seinem Himmel- und Hölle-Preis für einigen Aufruhr in der Branche gesorgt. Die freien Journalisten wollen mit dem Preis die fairste und fieseste Redaktion Deutschlands küren. Für einigen Unmut sorgt naturgemäß der Negativ-Preis. Dafür nominiert sind Spiegel Online, Für Sie und Neon. MEEDIA sprach mit Neon-Chef Michael Ebert über die zweifelhafte Ehre der Nominierung, den Vorwurf des Themenklaus und seinen Ärger über die Freischreiber.

Neon ist bei dem Himmel und Hölle Preis des Verbands Freischeiber neben der Für Sie und Spiegel Online für den Hölle-Preis nominiert worden. Wie schlimm geht es denn bei Ihnen in der Redaktion zu?

Ich bin fassungslos über die Nominierung und sehr verärgert über die Art und Weise, wie die “Freischreiber” mit Neon umgehen. Angeblich soll Neon von freien Journalisten angebotene Themen übernommen und ohne Honorarzahlung selbst bearbeitet haben. Themen zu klauen ist einer der härtesten Vorwürfe, die man einer Redaktion machen kann. Dieser Vorwurf ist in einem satirisch gemeinten Text auf der Website der Freischreiber formuliert und wird nicht genauer erläutert oder belegt. Neon erfährt nicht, wer diesen Vorwurf geäußert hat. Auch nicht, nach welchen Kriterien die anonyme Jury gewertet hat. Niemand hat je mit uns Kontakt aufgenommen, um Vorwürfe zu prüfen. Das ist nicht nur unseriös, sondern bald Rufmord.

Klauen Sie denn Themen?

Natürlich nicht! Es ist ein goldenes Gesetz bei Neon, keine Themen klauen. Im Gegenteil: Wir bemühen uns um den fairstmöglichem Umgang mit freien Journalisten. Wir zahlen gut, fair und pünktlich, es gibt klare Absprachen und Aufträge. Freie Journalisten bleiben Eigentümer der Texte, die sie uns zum einmaligen Abdruck überlassen. Wir zahlen keine Standardbeträge pro Seite, sondern vergüten Geschichten individuell nach Arbeitsaufwand. Der Vorsitzende der Freischreiber, Kai Schächtele, ist selbst langjähriger Autor bei Neon und hat zahlreiche Neon-Texte auf seiner Weltreporter-Seite als Arbeitsproben angegeben. Wenn bei uns alles so schrecklich und höllisch wäre, würde er ja wohl kaum regelmäßig für uns arbeiten.

Können Sie sich vorstellen, wie die Nominierung von Neon zustande gekommen ist?

Wirklich nicht. Und das Prozedere ärgert mich mindestens genauso wie die Nominierung an sich. Unter den Begründungen für die Himmel-Nominierungen – also die "guten" Redaktionen –, steht auf der Freischreiber-Website ein Autorenname, es werden Auswahlkriterien genannt. Bei den Hölle-Nominierungen steht kein Absender. Ein anonymer Autor verkündet das Ergebnis einer anonymen Jury, die sich mit Einsendungen auseinander gesetzt hat, die offenbar nicht weiter geprüft wurden. Neon wurde und wird keine Möglichkeit der Stellungnahme gegeben. Uns wird weder mitgeteilt, wie viele Leute sich da angeblich über Neon beschwert haben, noch wie die Vorwürfe konkret lauten. Auf Nachfrage am Telefon gestern abend konnte mir der Kollege Kai Schächtele auch keine weitere Erklärung geben. Wir sind bei Neon sehr um Transparenz, Offenheit und Aufrichtigkeit bemüht, im Umgang mit den Lesern ebenso wie im Umgang mit unseren Mitarbeitern. Ensprechend ernst nehme ich die Vorwürfe, ich würde mich auch sehr gerne mit ihnen auseinandersetzen. Aber man gibt mir nichts an die Hand. Und wir sind uns wirklich keiner Schuld bewusst.

Die Freischreiber wollen die Sache offenbar anonym halten, damit diejenigen, die sich beschweren, keine Repressalien fürchten müssen ...

Warum Repressalien? Wenn sich jemand bei mir meldet und einen Missstand meldet, ist es mein Job, dieser Meldung nachzugehen und einen Missstand gegebenfalls abzustellen. Wäre der Vorwurf berechtigt, müssten wir den Beschwerdeführer natürlich angemessen entschädigen. Und ich wäre ihm eher dankbar, dass er sich bei mir gemeldet hat. Aber dazu müsste ich erst einmal wissen, worum genau es geht – und genau diese Information wird uns vorenthalten. Ein eigenartiges Vorgehen von einem Verband, den ich grundsätzlich schätze und für wichtig halte, und der sich den Kampf für Fairness und Ethik im Journalismus auf die Fahnen geschrieben hat.

Wollen Sie gegen die Nominierung von Neon vorgehen?

Ich kann nur die Freischreiber dazu auffordern, transparent zu arbeiten und ihre Auswahlkriterien offenzulegen, so dass wir uns damit auseinandersetzen können. Bei solch schweren Vorwürfen ist es meiner Meinung nach das Mindeste, vor einer Veröffentlichung Recherche und Gegen-Recherche zu betreiben. Das ist nicht geschehen. Die Leute bei den Freischreibern sind doch alle ausgebildete Journalisten – dann sollen sie verdammt nochmal auch so arbeiten.

Stefan Winterbauer

05.10.2011
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  • 05.10.2011 Jury verteidigt den Himmel- und Hölle-Preis
  • 04.10.2011 Spiegel Online für Hölle-Preis nominiert

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 3 von 3

05.10.11 22:55

David Zwadlo

Negativpreise sind grundsätzlich eine gute Idee - ich denke da an das Unwort des Jahres, an die Geschlossene Auster oder die Goldene Himbeere, die ja inzwischen auch in der Öffentlichkeit immer breiter wahrgenommen werden.

Aber ich finde es in höchstem Maße bedenklich und verwerflich, wenn sich die Aus-, pardon, die Freischreiber nicht mit ihrem guten Namen und ihren Kriterien in die Öffentlichkeit wagen.

Auf der Freischreiber-Homepage steht lediglich: "Für die Shortlist der Hölle hat die Jury drei Kandidaten ausgewählt, bei denen sich Eindrücke von Verstößen gegen einzelne oder mehrere Grundsätze einer fairen Zusammenarbeit auffällig häuften." Das, liebe Kollegen, ist viel zu vage. Ich will konkretes sehen.

Ihr schießt zuerst und duckt euch dann weg? Wie feige. So ein Verband bringt Schande über sich und seine Mitglieder. In so einem Verband möchte ich nicht Mitglied sein.

david.zwadlo@gmail.com

05.10.11 17:42

Michael Ebert Web-Site

Hallo lieber Freischreiber,
sag mal, warum gibst du dich denn jetzt auch nicht zu erkennen?

Na, egal: Eine GEGENrecherche wäre es, wenn ein Beschuldigter mit den Vorwürfen konfrontiert würde. Also wir. Hier in München hat aber niemand angerufen, um uns die Möglichkeit zu geben, zu den Anschuldigung Stellung zu nehmen. Das wäre ein faires Verfahren gewesen und im übrigen auch saubere journalistische Arbeit.

Und was hätte bei dieser Gegenrecherche passieren können? Entweder hätten wir zugeben müssen: ja, da ist was ganz verkehrt gelaufen – das hätte den Preis nur relevanter gemacht (und wäre im übrigen auch für mich eine sehr wichtige Erkenntnis). Oder, wovon ich sicher augehe, wir hätten die Vorwürfe entkräften können. Und dann wären die Freischreiber im besten Fall glücklich darüber gewesen, keine Falschmeldung zu veröffentlichen.

Was ist das für eine Arbeitsweise, einen Vorwurf dadurch zu prüfen, dass man bei Dritten anruft oder sie über Facebook anschreibt und fragt, ob sie auch gute oder schlechte Erfahrungen mit einer Redaktion gemacht haben? Ein Riesenquatsch.

Eben hat mir eines eurer Mitglieder geschrieben, dass NIDO fast zur "Himmel"Redaktion ernannt worden wäre. Wie passt das zusammen? Zwei Redaktionen unter derselben Führung, im selben Haus ... und so unterschiedliche Arbeitsorganisationen und ethische Maßstäbe? Seid ihr da nicht mal ins Grübeln gekommen, liebe Freischreiber?

Oh Mann.

ebert.michael@neon.de

05.10.11 16:07

Ein Freischreiber

Mit seiner letzten Antwort irrt Michael Ebert. Es hat eine Recherche und Gegen-Recherche stattgefunden.

Ich bin Freischreiber-Mitglied und Autor für Himmel- sowie Hölle-nominierte Redaktionen. Zweimal fragten Freischreiber-Organisatoren bei mir nach, ob ich bestimmte Jubelmeldungen und Klagen über zwei Redaktionen bestätigen konnte. Das habe ich in einem Fall bejaht, im anderen relativiert. Ich denke, nicht der Einzige gewesen zu sein, der gefragt wurde.

Sehr gut erläutet das Nominierngs-Verfahren auch Jakob Vicari hier: http://wissen.dradio.de/journalismus-gute-redaktion-schlechte-redaktion.36.de.html?dram:article_id=12754

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