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Kann die hochdefizitäre britische Zeitung ein Vorbild sein?

Guardian: "Autounfall in Zeitlupe"

Der britische Guardian gilt als eine der besten Zeitungen der Welt. Nicht erst, seit Reporter Nick Davies den Phone Hacking-Skandal aufgedeckt hat, der das Ende der Murdoch-Zeitung News of the World besiegelte. Chefredakteur Alan Rusbridger wird zudem als Hero der Online-Szene gefeiert, weil er konsequent auf Gratis-Inhalte setzt. In einem großen Porträt in der britischen GQ wird aber zu Recht die Frage aufgeworfen: Schauen wir dem Guardian bei einem Autounfall in Zeitlupe zu?

Der Guardian, so orakelt Nicky Woolf in dem lesenswerten GQ-Stück, könnte die nächste Zeitung in England sein, die ihre gedruckte Ausgabe einstellt. Warum? Allein die beiden Zeitungen der Guardian Media Group, Guardian und Observer, schrieben im vergangenen Geschäftsjahr 2010/2011 43,8 Millionen Pfund Verlust – das sind etwa 55 Millionen Euro. In den Vorjahren waren es sogar 57,9 Millionen (2009/2010) und 61,2 Millionen (2008/2009) Pfund. Grob gesagt, verlieren die beiden Blätter also 1 Million Pfund in der Woche! Und schlimmer noch: Der Verlust der gesamten Guardian Media Group lag 2009/2010 bei 171 Millionen Pfund.

Die gedruckte Auflage des Guardian liegt derzeit bei etwa 230.000 verkauften Exemplaren pro Tag. Gleichzeitig fährt Chefredakteur Rusbridger einen bedingungslosen Onlinekurs. Er hat bereits offen über ein Ende der gedruckten Zeitung spekuliert und fährt das Gegenteil einer Bezahlstrategie. Die Inhalte des Guardian sind so frei wie nur irgend möglich. Seinen publizistischen Kurs nennt Rusbridger passenderweise "Open Journalism" – die Zeitung soll zu einer Art sozialem Netzwerk werden.

Derweil liegen die Digitalumsätze des Guardian bei etwa 45 Millionen Pfund. In fünf Jahren soll dieser Bertrag doppelt so hoch ausfallen. Ein beträchtlicher Teil der Erlöse, so ist in GQ zu lesen, stammt allerdings aus journalismusfernen Quellen, etwa einem Dating-Service. Das Magazin zitiert einen ehemaligen Observer-Mitarbeiter, der ätzt, der Guardian baue einen "Autounfall in Zeitlupe". Vor allem die Idee, noch stärker als bisher auf eine Verbreitung in den USA zu setzen, sei waghalsig. Der Berater Juan Senor sagt, der Guardian sei "von Masse besessen", wo es um Qualität gehen müsse.

Doch natürlich ist der Guardian eine Qualitätsmarke – fragt sich nur, ob die konsequente Ausrichtung auf die kostenlose Verbreitung von Inhalten die richtige Strategie für die Zukunft ist. Fakt ist: Der Guardian kann diese Linie nur durchhalten, weil er Teil einer immens reichen Stiftung ist, dem Scott Trust. Der garantiert der Zeitung ihren Bestand. Die Verwalter der Stiftung sollen sogar mit dem Ziel einverstanden sein, dass die Zeitungen in fünf Jahren "nur noch" 15 Millionen Pfund im Jahr verbrennen. Ist das nicht eine Marktverzerrung, fragt der GQ-Reporter. Rusbridger antwortet: "Wir sind in einem Geschäft, in dem niemand nach den Regeln der Harvard Business School spielt. Wir existieren alle nur wegen der einen oder anderen Form von Quersubventionierung." So gebe es die Londoner Times auch nur, weil Rupert Murdoch sie weiter finanziere.

Was das Beispiel Guardian lehrt? Zum einen, dass stiftungsfinanzierter Journalismus weitgehend außerhalb der Regeln der Marktwirtschaft funktioniert. Das "Geschäftsmodell" ist kein Vorbild für die Masse der "normalen" Verlage, es sei denn ein abschreckendes Vorbild. Es zeigt auch, dass zwischen journalistischer Qualität und finanziellem Erfolg nicht unbedingt ein unmittelbarer Zusammenhang steht. Macht der Guardian so weiter wie bisher, wird er zwar weiter sehr guten Journalismus bieten, sich aber absichtsvoll den Gesetzen des Marktes widersetzen. Vielleicht aus der Einsicht heraus, dass Tageszeitungsjournalismus auf hohem Niveau ohnehin nicht mehr finanzierbar ist – es sei denn, die Online-Erlöse steigen schnell, kräftig und sehr bald.

In dieser Hinsicht gibt es eventuell doch einen nutzenbringenden Dienst, den der Guardian dem Teil der Branche erweist, der nicht von einem reichen Mäzen profitiert: Gelingt es Rusbridger, das Blatt mit seiner bisherigen Strategie zu einer globalen Marke zu machen, die auch ohne Bezahlmodell mittelfristig Profite erzielt, dann wäre wenigstens der Beweis erbracht, dass die Verfechter einer Kostenlos-Kultur doch Recht mit ihrer Theorie haben, dass das freie Web ein Geschäftsmodell für Zeitungen sein kann. Dummerweise kann es nur wenige Zeitungen geben, die überhaupt zu einer globalen Marke aufsteigen können. Also wäre auch hier der Lerneffekt begrenzt.

Lässt sich vom Guardian dann überhaupt etwas lernen? Ja: Konsequenter Journalismus. Und der ist heute wichtiger denn je. Als leuchtendes Vorbild taugt die Zeitung allerdings nicht. Diese Ehre gebührt nur den Medien, die eine Brücke zwischen konsequentem Journalismus und nachhaltiger Profitabilität schlagen.      

cm

05.07.2012
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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 4 von 4

06.07.12 11:56

Bary Manilow

@cm
Missverständnis. Das Jobs-Zitat war keine Beschreibung dessen, was Apple selbst tut, sondern ein Rat von Steve Jobs an die Verleger und Medienunternehmer bezüglich des aus seiner Sicht richtigen Umgangs mit dem digitalen Wandel. Er sprach damals auf der D8 auf dem Höhepunkt der Kontroverse um Apples 30%-share an den App-Umsätzen der Verleger.
.
(Vgl: http://allthingsd.com/20100601/steve-jobs-i-can-help-save-the-media-business-if-itll-wise-up-and-cut-its-prices/)
.
Ich denke, dass die These, dass aggressives pricing + Aufbau starker Reichweite eine sehr relevante Monetarisierungsgrundlage für Medienunternehmen sein kann, durchaus diskussionswürdig ist. Einschränkend vielleicht: Wenn man eine starke und strahlende Marke hat.
.
Im Falle des Guardians scheint das so zu sein und deshalb würde ich eher nicht von einem Autounfall in Zeitlupe sprechen, sondern von einem Karosseriewechsel bei voller Fahrt.
.
Autounfälle in realtime erleben wir und werden wir noch vielfach erleben bei den medioker geführten, mittelgroßen Printläden, die mit schwacher Marke und schlechtem Content hinter der Paywall ihr Glück versuchen.

06.07.12 10:33

Christian Meier

Hi Bary, stimme mit Ihnen überein, dass New York Times und vor allem Economist (!) zu globalen Marken aufsteigen, bzw. es bereits sind. In diese Reihe muss der Guardian vorstoßen. Das Zitat von Jobs finde ich etwas unpassend - Apple-Produkte sind das Gegenteil von Gratis.

06.07.12 10:27

Bary Manilow

Was der Guardian tut, ist richtig. Starke Marke, möglichst weite Streuung und hohe Publikumsbindung sind die Garanten für Wertschaffung/Werterhalt auch jenseits toller Print-only-Ergebnisse. Der Guardian wird neben der New York Times und dem Economist ein Ankermedium der digitalen Weltöffentlichkeit sein. Ein Wert, den man auch mit 15 Mio Verlust im Jahr durchaus für sinnvoll halten kann. Der Guardian wird sich gut kapitalisieren, wenn die Relevanz der restlichen Printprodukte sinkt (was nehzu täglich in atemberaubender Geschwindigkeit passiert). Schon Steve Jobs wusste: "“Price it aggressively and go for volume”. Aggressiver als kostenlos geht nicht.

06.07.12 09:53

J N

Von dieser Art Geschäftsmodell lässt sich lernen, dass es nicht funktioniert.

Oder aber das die Zeiten des ausufernden Journalismus vorbei sind. Gratis Online kann nur funktionieren, wenn die meisten sterben.

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