Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart macht sich für die Bild-Zeitung stark. In seinem allmorgendlichen Newsletter-Briefing schreibt er, Bild müsse für die Recherchen zum Fall Christian Wulff mit einem Nannen-Preis ausgezeichnet werden. Denn: "Würde die Jury an der Bild-Story vorbeientscheiden, käme das ihrer Selbstauflösung gleich." Er argumentiert damit gegen Bild-Kritiker wie die Politikerin Antje Vollmer, die der Zeitung "seriösen Journalismus" absprechen.
Hintergrund: Bild ist neben dem Spiegel und der Süddeutschen in der Kategorie "Investigation" für einen "Henri" nominiert. Der Journalistenpreis von Gruner+Jahr wird am Freitag in Hamburg vergeben. Antje Vollmer, ehemalige Bundestagsvizepräsidentin, hatte sich bereits gegen eine Auszeichnung für Bild ausgesprochen. Und eine Studie der gewerkschaftsnahen Brenner-Stiftung hat die These aufgestellt, dass Bild zu Wulff eine Art Geschäftsbeziehung unterhalten habe, bevor sie ihn vom Hof gejagt habe. Nach journalistischen Kriterien habe die Boulevardzeitung in Sachen Wulff viele Jahre lang nicht gehandelt.
Steingart schreibt nun gegen die Kritiker: "Der Preis wurde nicht gestiftet, um liebgewordene Vorurteile zu pflegen." In der Kategorie "Investigative Recherche" gehe es einzig um Fakten. "Und Fakt ist zweierlei: Die Bild-Geschichte war sauber recherchiert. Und sie war, da das Staatsoberhaupt schließlich zurücktrat, die wirkungsmächtigste Enthüllung des Jahres 2011." Die Story, so Steingart weiter, werde "im Geschichtsbuch unserer Kinder stehen". Notfalls auch ohne Nannen-Preis.
Steingart selber gehört nicht zur Jury des Nannen-Preises, dafür aber u.a. Georg Mascolo vom Spiegel, Giovanni di Lorenzo von der Zeit und Nils Minkmar von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Minkmar war übrigens der erste Journalist, der von dem berüchtigten Droh-Anruf des Bundespräsidenten auf die Mailbox von Bild-Chef Kai Diekmann berichtet hatte.
Letzte Kommentare
10.05.12 15:52
Frederik Weiss
Herr Steingart schätzt die Prioritätensetzung bei Geschichtsbüchern falsch ein. Kein Mensch käme auf die Idee, in aller Welt stattfindende Kesseltreiben gegen Politiker für Geschichtsbücher aufzuarbeiten. Bei aller Mühe werden Springer und Steingart-Brötchengeber Holtzbrinck nicht als Bewahrer der Recherche unter vielen rechercheschwachen "Leitmedien" unserer Nachwelt (auch nícht als Fußnote) erhalten bleiben. Welche Funktion bei Springer hat Steingart mit seiner Ergebenheitsadresse im Auge?
Einmal an den Low-Boulevard verliehen wird der Nannen-Preis weiter an Bedeutung verlieren. Aber das müsste dem Kuratorium vor Veröffentlichung klar gewesen sein.
10.05.12 15:31
Harald Huesch
Herr Rieder, Ihre Darstellung deckt sich nicht mit der Realität. Der Spiegel kannte den Namen des Kreditgebers schlicht und einfach gar nicht, konnte also nichts "enthüllen". Und der Stern hatte, nachdem Tillack im Bundespräsidialamt durch Olaf Glaeseker Einsicht in den Kreditvertrag mit Edith Geerkens erhalten hatte, nicht die Erfindungsgabe oder auch die Chupze, daraus eine "Täuschung" Wulffs bei der Beantwortung der Anfrage im Landtag zu konstruieren.
10.05.12 13:54
Tobias Rieder
Ich finde es mehr als unangemessen, hier jemanden als Vollidioten zu bezeichnen, weil er eine andere, noch dazu begründete Meinung hat. Aber zur Sache: Jetzt wollen alle Wulffs Sturz ausgelöst haben. Hätte der STERN nicht so lange mit den Recherchergebnissen seiner Reporter gehadert, hätte sich der Spiegel früher entschlossen, hätte, hätte, hätte, war aber nicht. So ist es das Verdienst von Bild, erster Enthüller gewesen zu sein. Wie im Sport, daran erinnere man sich zwei Monate vor den Olympischen spielen, sind halt Platz 2 und 3 die eher undankbaren Plätze auf dem Siegerpodest. Spiegel und Stern hätten ja nur schneller und entscheidungsfreudiger sein müssen. Bild die Siegerlorbeeren zu verweigern, wäre so - noch eine Sportanalogie, als würde man ein Tor von Ribery nicht in der Champions League nicht anerkennen, weil er ein ja mal eine nicht ganz saubere Affäre mit einer Minderjährigen hatte.
10.05.12 13:35
Harald Huesch
Wulffs Pressereferent legt dem Bild-Reporter im Bundespräsidialamt den Kreditvertrag vor - was soll daran "Recherche" sein? Mit dem Namen "Edith Geerkens" kann niemand etwas beginnen. Anruf bei Grün oder Rot im Niedersächsichen Landtag. Nein, mit Edith Geerkens ist nichts, nach dem Ehemann haben wir im Niedersächischen Landtag mal gefragt. Immer noch nichts. Es dauert noch mal fünf Tage, bis Bild sich eine "Täuschung" zusammenreimt, weil im 21. Jahrhundert die Ehefrau eines Millionärs keine eigenes Geld haben darf. Aufklärung, ob und inwieweit ein Politiker auf eine Anfrage im Landtag über private Angelegenheiten Auskunft geben muss, darüber habe ich in der Bild nie etwas gelesen - im sogenannten bzw. selbst ernannten Qualitätsjournalismus auch nicht.
Das Durchstechen des Mailbox-Anrufes an andere Medien - nach erfolgter und akzeptierter Entschuldigung - soll preiswürdig sein? Ich nenne das Denunziantentum.
10.05.12 12:31
Benno Constantine
Nun ist es also amtlich: Der Chefredakteur des Handelsblattes ist ein Vollidiot.