Wie investigativ darf eine Recherche im Privaten eines Prominenten gehen? Diese Frage stellt sich angesichts eines aktuellen "Spiegel"-Artikels über Oskar Lafontaine. Darin geht es um eine angebliche Affäre des Linkspartei-Chefs mit seiner Fraktionskollegin Sahra Wagenknecht – und deren ebenso angeblichen Auswirkungen auf die Entscheidung Lafontaines, in Berlin kürzer zu treten. Die Linke wirft dem "Spiegel" vor, zum "Boulevardblatt verkommen" zu sein. Chefredakteur Georg Mascolo lässt das nicht gelten.
Gegenüber dem "Tagesspiegel" sagte Mascolo: „Wir haben keinen Anlass an unserer Darstellung zu zweifeln.“ Die "Spiegel"-Redakteure hätten die Geschichte "gründlich und über Wochen" recherchiert. Damit zieht Mascolo zumindest indirekt auch in Zweifel, dass die kürzlich bekannt gewordene Krebserkrankung Lafontaines der Grund sei, dass dieser sich von der Berliner Politbühne verabschiede. Der "Spiegel" hatte am Montag unter der Headline "Der virtuelle Kandidat" verbreitet, dass der Chef der Linken tatsächlich auf Druck seiner Frau Christa Müller ins Saarland zurückkehre. Mascolo zum "Tagesspiegel": „In diesem Fall hat das Private höchst politische Folgen. Deshalb haben wir darüber berichtet.“
Mit dieser Meinung steht Mascolo ziemlich allein da. Der Vizechef der Linken, Ulrich Maurer, erklärte Anfang der Woche: „Mit diesem Artikel hat der Spiegel die Grenzen des journalistischen Anstands endgültig überschritten." Andere Parteimitglieder nannten die Spekulation "unseriös" oder sahen sie als Teil einer "Hasskampagne" des Nachrichtenmagazins gegen Lafontaine.
Tatsächlich ist es interessant zu beobachten, dass die "Bild" die "Enthüllungen" des Magazins nicht zum Thema machte, sondern über den Prostatakrebs und den dadurch begründeten Abschied aus Berlin berichtete. Es ist daher nicht abwegig anzunehmen, dass der "Spiegel"-Chefredakteur sich in seiner Argumentation verstiegen hat, nach der die politische Brisanz die Veröffentlichung privater Angelegenheiten rechtfertige. Zumindest in diesem Fall klingt die Begründung reichlich konstruiert.
Sahra Wagenknecht dementiert laut "Tagesspiegel" eine "private Beziehung" zu ihrem Parteichef. Ob sie oder Lafontaine rechtliche Schritte gegen das Nachrichtenmagazin ergreifen, ist offen.
Letzte Kommentare
20.11.09 18:05
treets 77
Ich finde das Verhalten von Mscolo mehr als peinlich. Nun beharrt er auch noch drauf, dass die Sache mit der Affäre stimme. Und wenn? Rechtfertigt das eine Berichterstattung solcher Art, wo mühevoll geschwurbelt ein Grund an den Haaren herbeigezogen wird, um einen solchen Klatsch veröffentlichen zu können?
Nein, das ist nicht der Spiegel, den wir immer bewundert haben. Und wenn Macolo nicht aufpasst, schadet das dem Blatt weitaus mehr als er noch nicht einmal zu träumen gewagt hat.
19.11.09 13:28
Joachim Netz
Der Artikel im Spiegel war peinlich, natürlich noch verstärkt angesichts der am gleichen Tag erfolgten Meldung zur Erkrankung. Erinnerte mich ein wenig an die Hamburger Morgenpost bei der Cuba-Affäre von Corny Littmann.
Allerdings ist der Satz "Mit dieser Meinung steht Mascolo ziemlich allein da." (selbst wenn er zutreffen mag) journalistisch ebenfalls etwas fragwürdig, wenn man danach als Beleg nur Stimmen der Linkspartei zitiert...
19.11.09 11:46
christian l.
Die "wochenlange Recherche" hätte sich der Spiegel sparen können, hätte er Michael Graeters jüngst erschinene Autobiographie gelesen. In der eitlen Nabelschau seiner 80er-Jahre-Verbindungen wagt "MG" (Graeter über Graeter) auch den Verweis auf OL und SW.