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Umstrittener Kisch-Beitrag startete mit alten Hüten

Eisenbahn-Einstieg: weder neu noch originell

Hans Leyendecker zitiert in der SZ einen früheren Spiegel-Chefredakteur, der seinen Leuten gesagt habe, der Einstieg in eine Geschichte müsse "wie ein Lasso sein, mit dem der Leser eingefangen wird". Daran gemessen verwendete der mit dem Nannen-Preis ausgezeichnete Autor René Pfister einen ziemlich alten Strick. Der Eisenbahn-Einstieg ist weder neu noch sonderlich originell. Dennoch wurde das Porträt mit den Passagen vom Hörensagen ins Preisrennen geschickt - übrigens von Pfister selbst.

Leyendecker, der Redakteur Pfister insgesamt gegenüber der Kritik in Schutz nimmt, konstatiert in der SZ vom Dienstag auch: "So schwer kann es auch nicht sein, bei Seehofers nach unten zu kommen. Ein Reporter der Bunten, der alte Paul Sahner, hatte 2006 in einem Stück über Seehofer ('Die Lokomotive der CSU') die Keller-Szene so ähnlich beschrieben wie jetzt Pfister. Übrigens auch als Einstieg. Die Lokführerin des Triebwagens nannte der CSU-Politiker damals 'Merkel'. Bei Pfister dreht sie jetzt als kleine Plastikfigur auf einer Diesellok ihre Runden."

Aber auch im Fernsehen war der Keller von Seehofers Feriendomizil schon Thema. Die Existenz der Modelleisenbahn hat das ZDF-"heutejournal" (laut ZDF-Archiv-Auskunft)  schon am 21. Oktober 2004 gezeigt. "Frontal21"-Autorin Ulrike Hinrichs hatte damals Seehofer für ein Porträt interviewt und dabei auch seine Modelleisenbahn gedreht. Diese Details wurden später von anderen Medien offenbar ohne eigene "Recherche" im Politiker-Keller übernommen, angeblich im Dezember 2004 auch im stern. Zudem erzählte Seehofer wie es heißt häufiger Journalisten selbst von seiner Modelleisenbahn.

Diese typischen Details zu kolportieren, gehört offenbar in jedes gute Seehofer-Porträt, Pfister machte keine Ausnahme. Jedenfalls wundern sich ein Insider, "was es da noch zu verifizieren gibt", etwa "durch persönlichen Augenschein im Keller", wie die Jury bei der Begründung der Preis-Entziehung moniert. Erstaunlich sei eher, dass die Jury-Mitglieder von der Modelleisenbahn nichts wussten oder die Details im Laufe der Zeit möglicherweise schlicht vergessen hätten. Bereits im Oktober 2001 schrieb die Berliner Zeitung: "Horst Seehofer, Ex-Bundesgesundheitsminister (CSU), geht zur Entspannung gern in den heimischen Modelleisenbahn-Keller. Attraktion seiner Anlage ist eine Nachbildung des Bonner Hauptbahnhofs."

Festzuhalten bleibt, dass René Pfister nicht einmal Kollegen hätte befragen müssen, um die Keywords und dramaturgischen Elemente geliefert zu bekommen. Eine simple Google-Suche präsentiert diese schon auf Seite eins der Trefferliste. Da findet sich ein Fragenkatalog der Mainpost vom 5. Januar 2010, dessen Überschrift ("Der Weichensteller") schon deutliche inhaltliche Bezüge zur Spiegel-Headline "Am Stellpult" hat. Auf das Mainpost-Stichwort "Modelleisenbahn ist für mich..." antwortet der Politiker: "Die Nachbildung meines Lebens. Ich baue auf meiner Modellbahn mein Leben nach." Bei Pfister heißt es: "Die Eisenbahn ist ein Modell von Seehofers Leben." Gegenüber der Mainpost sagte Seehofer, der "Bahnhof von Bonn (steht) für meine 18 Jahre in Bonn". Bei Pfister ist zu lesen: "Es gibt den Nachbau des Bahnhofs von Bonn". In der Mainpost ist wie bei Pfister – und Monate früher – auch von einem "Schattenbahnhof" die Rede, ebenso von Merkel als Lokführerin.

Und ganz so intim ist der direkte oder indirekte Blick in den Ferienhaus-Keller ohnehin nicht. Selbst das Hobbybastler-Magazin Modellbahntechnik aktuell zitiert den Politiker beim Besuch der Spielwarenmesse: "Ich ziehe mich gerne zu meiner Eisenbahn in den Keller zurück, um mich vom Druck der großen Kanzlerin auf den kleinen Freistaat zu erholen." Weiter heißt es: "Der bayerische Ministerpräsident spielt nicht nur gern mit seiner Modellbahn, seinen größten Bahnhof hat er 'Schwarzburg' genannt, schwarz wie die Farbe seiner Partei."

Es war also keineswegs von Insider-Wissen geprägt, was Pfister zu Beginn seines Porträts bemüht, um sein Psychogramm des Politikers zu entwickeln. Nach MEEDIA-Informationen hat der Spiegel-Redakteur seinen im August 2010 erschienenen Artikel im November selbst bei der Jury in der Reportage-Kategorie Egon Erwin Kisch-Preis eingereicht. Die Vorgaben der Königsdisziplin sind für jeden auf der Homepage des Henri Nannen Preises nachzulesen. Dort heißt es: "In die Reportage-Kategorie gehören journalistische Arbeiten, die in nicht-fiktiver Darstellungsform eine räumlich und zeitlich begrenzte Geschichte wiedergeben, die vom Autor erlebt oder beobachtet wurde. Sie darf subjektive Elemente enthalten und soll beim Leser für 'Kino im Kopf' sorgen. Für diese Kategorie können auch journalistische Porträts ausgewählt werden."

Wie zu hören ist, untermauerte Pfister seine Einreichung mit der Begründung, er habe den Politiker über Monate begleitet und mit Seehofer nahestehenden Menschen gesprochen. Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, dass er ausgerechnet beim aufmerksamkeitsstarken Einstieg, dem auch der Titel des Porträts entstammt, auf eine Szenerie abhob, die ihm als Schreiber fremd war.

Dies als zufällig abzutun, greift möglicherweise zu kurz. Seit die halbe Branche über die Gründe für die Aberkennung des Kisch-Preises diskutiert, sind bei MEEDIA eine ganze Reihe von Hinweisen eingegangen, die auf Übernahmen wie auch faktische Unstimmigkeiten in den Einstiegs-Sequenzen hochgelobter Magazintexte hindeuten. Was Oliver Gehrs im MEEDIA-Interview über die Praktiken eines "vielfach ausgezeichneten" Autoren sagte und was ihm kritische Kommentare einbrachte, könnte kein Einzelfall, sondern die Spitze des Eisbergs sein. Und es könnte erklären, dass Pfister sich bei der Preisverleihung blauäugig dazu bekannte, nie in Seehofers Keller gewesen zu sein und damit den Eklat selbst auszulösen.

Der Spiegel reagiert auf den Mehrheitsbeschluss der Nannen-Jury mit einem Abwehrfeuer. Chefredakteur Georg Mascolo nennt diesen Schritt "gegenüber dem Autor falsch und verantwortungslos", der Verbleib von Co-Chef Mathias Müller von Blumencron in der Jury ist ungewiss. Offenbar wird das Magazin aber nun auch publizistisch in die Offensive gehen. Am Dienstag verlautete es aus unternehmensnahen Kreisen, dass der Spiegel in seiner kommenden Ausgabe die Preis-Aberkennung zum Thema machen wird und ein Streitgespräch zwischen einem Befürworter und einem Kritiker der Jury-Entscheidung bringen will. Angeblich hat Giovanni di Lorenzo, der für die Aberkennung stimmte, zugesagt. Einen Kritiker des Beschlusses hat man für das Rededuell offenbar aber bislang nicht gewinnen können.

 

 

 

 

 

ga

11.05.2011
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  • 23.10.2011 Spiegel: Hammerstein folgt auf Kurbjuweit
  • 26.05.2011 Bedingt abwehrbereit: Spiegel im Image-Tief
  • 25.05.2011  “Der Spiegel ist kein Nachrichtenmagazin”
  • 19.05.2011 "Nähe darf nicht vorgetäuscht werden"
  • 16.05.2011 Wg. Nannen: Zoff zwischen Bild und Spiegel
  • 16.05.2011 Jury-Mann Gaede über “Hetzer und Hechler”
  • 13.05.2011 Nannen-Eklat: Was wir daraus lernen können

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 3 von 3

12.05.11 12:03

Ulrich Schulze

Schöner Text, ein bißchen zu lang vielleicht. Irgendwie, ich weiss nicht wie, erinnern mich manche Passagen Pfisters und dieses Textes an einen Sachverhalt der jüngsten Zeit, bei dem einem Oberfranken eine Hauptrolle zukam . . .

11.05.11 23:11

Timo Rieg Web-Site

Ein seltener Fall: Es ist ja tatsächlich alles von fast allen gesagt zu dem Fall. Es geht nur noch um die Bewertung.
Journalisten sollen recherchieren, und das heißt: Fragen stellen.
Genau dies geschieht natürlich nicht, wenn man Informationen aus dritter Hand übernimmt. Das ist okay, wenn eh nichts anderes zu erwaten ist (das Wetter soll morgen schön werden - sagt der Wetterbericht, ich weiß es ja selbst nicht).
Aber wenn die Modelleisenbahn eine tragende Rolle in der Geschichte spielt, dann muss sie sich der Autor schon selbst anschauen. Nicht, weil das, was ihm dazu berichtet worden ist, noch verifiziert werden müsste. Sondern weil er dort seine eigenen Fragn entwickeln muss - oder das Ganze ist schlicht belanglos.
Sonst kommen die nächsten "Reportagen" oder Porträts zustande, weil jemand vor dem Fernseher saß und sich denkt: das kann ich doch auch aufschreiben...

11.05.11 18:00

Christian Eckl

Festzuhalten ist, dass eine Branche, die wochenlang über das Plagiat eines promovierten Politikers schreibt, sich unglaubwürdig macht, wenn sie solche Preise verleiht. Ich will nicht ganz so weit gehen, und den Einstieg ein Plagiat nennen, aber die von Meedia zitierten Übereinstimmungen mit Passagen aus Interviews halte ich schon für zumindest bedenklich.

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