Über seine Story spricht heute die ganze Branche: taz-Redakteur Sebastian Heiser testete in einer aufwändigen Undercover-Recherche die Käuflichkeit von Print-Titeln (u.a. FR, WAZ, Spiegel). "Mich hat überrascht, wie geschäftsmäßig die Mitarbeiter vieler Anzeigenabteilungen mir Einfluss auf Artikel angeboten haben und wie üblich das offenbar ist", sagt er gegenüber MEEDIA. Zudem verrät Heiser im Interview, wie er sich auf seine Rolle vorbereitete und wann die Schleichwerbe-Gefahr besonders hoch ist.
Mit erfundenem Firmennamen und falscher Identität hat taz-Redakteur Sebastian Heiser verdeckt recherchiert, wie käuflich deutsche Tageszeitungen sind. Sein Ziel war es, Schleichwerbung in Blättern von zehn Verlaugshäusern unterzubringen. Das beunruhigende Ergebnis: Tageszeitungen und Magazine nehmen es nicht so genau mit der Trennung von Anzeigen und Text. Besonders schlecht schnitten die FR, Neues Deutschland und die Westdeutsche Allgemeine ab. Im taz-Recherche-Blog dokumentiert der Reporter seine Story. Im MEEDIA-Interview verrät er darüber hinaus, was die Lehren aus der Story sind und wie er überhaupt auf den Gedanken kam, sich mit Schleichwertung zu beschäftigen.
Herr Heiser, wie sind Sie auf die Idee zu der Recherche gekommen?
Das war durch ein Seminar des Netzwerk Recherche über verdeckte Recherche. Dort war auch Volker Lilienthal als Referent, der Schleichwerbung in der ARD-Serie Marienhof aufgedeckt hatte. Dazu hatte er sich als Mitarbeiter einer Unternehmensberatung ausgegeben, war in Kontakt zu den Marienhof-Beratern getreten und hatte ihnen bezahlte Schleichwerbung angeboten. Ich habe seine Recherchemethode dann eigentlich eins zu eins kopiert.
Wie lange haben Sie an der Story recherchiert?
Insgesamt war es vielleicht netto ein Monat Arbeitszeit, aber nicht am Stück, sondern gestreckt über einen längeren Zeitraum. Der Besuch bei den zehn Verlagen hat etwa acht Tage gedauert, dann kam noch die ganze Vor- und Nachbereitung dazu. Ich habe zum Beispiel bei allen Zeitungen vorher die Ausgaben der letzten Monate durchgeblattert und mir überlegt, welche Seiten wohl käuflich sind. Im Ergebnis war das aber vergeudete Zeit: Häufig haben die Anzeigenabteilungen mir auch Einfluss auf Seiten angeboten, von denen ich das nicht erwartet hätte.
Wie haben Sie sich noch auf die Besuche vorbereitet?
Der allererste Schritt war, dass ich zur Anzeigenabteilung der taz gegangen bin und mir habe mir erklären lassen, wie das normale Anzeigengeschäft funktioniert. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass Werbeagenturen eine Vermittlungsprovision von den Verlagen bekommen und wer wem wann welche Rechnung stellt. Das war ganz Richtig, um die Abläufe zu kennen. Vor den Besuchen bei den einzelnen Zeitungen habe ich dann die Gespräche immer wieder im Kopf durchgespielt. Vor allem ging es darum, selbstbewusst mit meinen Forderungen aufzutreten. Ich habe mir immer wieder gesagt: In meiner Rolle will ich nichts von den Zeitungen, sondern die Zeitungen wollen etwas von mir - nämlich das Geld der Unternehmen, die ich angeblich berate.
Hätten Sie damit gerechnet, dass es so einfach ist, PR-Texte in bekannten Titeln unterzubringen? Oder waren Sie eher enttäuscht, dass es bei einigen nicht möglich war?
Mich hat überrascht, wie geschäftsmäßig die Mitarbeiter vieler Anzeigenabteilungen mir Einfluss auf Artikel angeboten haben und wie üblich das offenbar ist. Wenn ich abgeblitzt bin, war ich nicht enttäuscht, im Gegenteil. Beim Handelsblatt hat der Mitarbeiter der Anzeigenabteilung mir eine Gardinenpredigt gehalten: Wie wichtig die Unabhängigkeit für die Zeitung sei und dass man die nicht gefährden dürfe. Er hat sogar damit gedroht, meine Anfrage an die Redakteurin weiterzuleiten, die über Wirtschaftskriminalität berichtet. Da dachte ich: Ja, so sollte es überall laufen.
Welche Recherche-Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?
Das war sicher der fertig vorbereitete Katalog für Anzeigenkunden, den ich bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung bekam. Da wird auf gut 60 Seiten detailliert gezeigt, welche Anzeigen und welche Artikel käuflich sind und was die jeweils kosten. Wenn ein Autohersteller mit seinem Fahrzeug auf die Titelseite des Automagazins will und zusätzlich eine Doppelseite in dem Heft will, kostet das 66.666 Euro, plus Mehrwertsteuer.
Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen den Aussagen der Chefredakteure und den tatsächlichen Begebenheiten?
Diese Frage müssten Sie den Chefredakteuren stellen.
Was sind die Lehren aus der Story? Brauchen wir beispielsweise einen aufmerksamen Presserat oder bessere Gesetze?
Darauf sollten sich Journalisten nicht verlassen. Es ist auch am wirksamsten, wenn die Redaktionen sich selbst innerhalb ihrer Häuser dafür einsetzen, dass Schleichwerbung abgestellt wird. Die Journalisten selbst bekommen ja auch am ehesten mit, was in ihrem Blatt passiert und wo die Trennung von Redaktion und Verlag nicht ganz klar eingehalten wird. Vor allem müssen die Alarmglocken schrillen, wenn der Verlag für einzelne redaktionell aussehende Seiten zuständig ist und diese inhaltlich befüllen kann. Bei so einer Konstellation ist die Gefahr von Schleichwerbung oft besonders hoch.
Jetzt, nachdem die Geschichte gedruckt und veröffentlicht wurde:
Haben Sie weitere Reaktionen aus den von Ihnen besuchten Titeln
bekommen?
Bisher noch nicht.
Letzte Kommentare
06.04.11 16:06
Aribert Deckers Web-Site
Die Selbstverständlichkeit, mit der Werbeeinnahmen als tragendes element der Zeitungsproduktion betrachtet und verteidigt werden, zeigt, wie unterspült das Denkgebäude ist, in dem die Journalisten eingesperrt sind.
Ist denn nicht der redaktionelle INHALT einer Zeitung das, was der Leser will und wofür er bezahlt?
Die Leser werden mit Gewalt konditioniert, eine mit Reklame vollgestopfte Farbenwüste hinzunehmen, in der zwischendrin einzelne Informationsbrocken sind, manche sogar wahr und brauchbar.
Was wäre, wenn die Leser wieder echte Informationen PUR bekämen und dafür sogar bezahlen würden?
Eine Revolution. Aber wirklich so undenkbar?
06.04.11 11:05
Bert Bricht
Die Titel unterscheiden sich nur noch dadurch, für wen sie schleichwerben. Wir stehen vor einer riesen Baustelle des Lobbyismus. Alle Akteure glauben, sie seien die "Guten". Der Wettbewerb der Weltanschauungen ist durch den Kapitalismus korrumpiert, was anschaulich durch das Abschneiden der WAZ (Hombach! Noch Fragen?) in der Recherche illustriert wird. Beim handelsblatt ist der Autor also abgeblitzt? Ob die jemand gewarnt hat? So wie Heiser das Gespräch schildert, drängt sich der Verdacht auf. Natürlich sind die nicht sauber. Tip an Heiser: recherchieren Sie mal, wie häufig das Handelsblatt schon Unternehmen hochgeschrieben hat, die später zu Recht in Verruf geraten sind. Einen Fall kenne ich, der, wenn das hb schon nicht bestechlich sein sollte, dann doch immerhin zeigt, das es mit Kompetenz und Bildung der Mitarbeiter nicht weit her ist. Glückwunsch an Meedia, da es Ihnen anscheinend gelingt Tacheles zuzulassen und an den Rändern der Seite trotzdem Werbegeld von den "Bösen", Focus, Bertelsman etc., einzusammeln. Zum Abschluß noch eine vergleichende Betrachtung: das Gebahren in der Branche kommt einem Initiationsritus gleich. Einsteigern wird gelehrt sich das Leibchen der Pressefreiheit vorzuhalten und schnell erfahren Sie von der Notwendigkeit kleiner Ausnahmen. Dann fühlen sich die meisten jedoch schon als eingeweihte einer höheren Wahrheit und kommen sich vor wie Pharisäer, die als vierte Gewalt mitregieren. Das System ist die Pest und wir hocken mittendrin in der Kotpfanne.
05.04.11 11:44
Mathis Friedländer
@Elke Hozak: Sollten die Verhältnisse bei mpw (um diesen Verlag geht es jawohl, oder?) tatsächlich so sein, wie von Ihnen geschildert, gibt es nur eine Möglichkeit: ab zum Betriebstrat! Denn was Ihre Chefredakteure machen, ist nicht erlaubt. In diesem Fall sollte es tatsächlich nur eine Konsequenz geben, nämlich Abmahnungen für das Verhalten der Herrschaften, die bei Ihnen redaktionell das Sagen haben.
Und solch eine Studie kann natürlich nur die taz ganz unbefangen durchführen. Ihr Geschäftsmodell ist nicht auf den hohen Anteil an Anzeigen angewiesen.
Und bei der FR ist dieses Fehlverhalten schon ganz lange an der Tagesordnung. Ein Blatt, das kaufmännisch seit etwa 2001 so gut wie keine Bedeutung mehr im nationalen Anzeigenmarkt spielt und regionale Rubrikanzeigen stetig ans Netz verliert, hat nur zwei Möglichkeiten. Entweder macht man den Journalismus so bedeutend, dass die qualifizierte Leserschaft und die Leistungsdaten für sich sprechen, oder man greift eben zu den schwammigen Umfeld- und Advertorial-Methoden. Beides ist der FR nicht gelungen. Und die Personalpolitik im Anzeigenbereich hat keiner der Geschäftsführer unter Kontrolle gehabt. Weder Volz noch Kroke haben ein glückliches Händchen für Personen gehabt. Im Gegenteil. Mit einigen Entscheidungen hat man sich die Lacher der Konkurrenz gerade zu selbstverständlich ins Haus geholt.
Erschwerend hinzu kommt, dass das Verhältnis der Redakteure zu den Kaufleuten oft gestört ist, sofern überhaupt vorhanden. Man redet zuwenig miteinander, Redakteure halten sich selbst für Gott und ihre Kaufleute im Verlagswesen für ausgemachte Idioten, die nichts vom jeweiligen Objekt verstehen und vorher alle bei Vorwerk gearbeitet haben. Chefredakteure, leitende Redakteure, Ressortleiter und Geschäftsführer sollten wie selbstverständlich den Dialog zwischen beiden Disziplinen fördern. Geschriebener Mist verkauft verkauft sich immer schlechter, Vertriebserlöse bleiben aus und weniger Anzeigen bedeutet weniger Geld für die Sicherung der Qualität.
So sind beide Seiten enorm von einander abhängig.
05.04.11 10:48
Hozak Elke Web-Site
Bei uns werden Redakteure, die ehrliche Arbeit für die Leser abliefern, bei Beanstandungen durch Werbekunden vom Chefredakteur zusammengefaltet und mit Kündigung bedroht. Das hat dazu geführt, daß unsere Hefte immer schlechter werden und die Leser sich anderswo informieren - aber Hauptsache, es gibt Anzeigen!
05.04.11 09:29
Werner Dr. Siegert Web-Site
Im SZ-Freitags-Magazin ist die Vermischung von Redaktion und Werbung (z.B. bei "Stilvoll leben") die Regel, nicht die Ausnahme.