Bei der Diskussionsrunde Media Coffee, veranstaltet von der dpa-Tochter News Aktuell, gingen namhafte Vertreter der Digital- und der Print-Welt ungebremst auf Konfrontationskurs - und redeten mit hoher Geschwindigkeit aneinander vorbei. Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo, Stern-Chef Thomas Osterkorn, Blogger Sascha Lobo, SpOn Geschäftsführerin Katharina Borchert und Berater Thomas Knüwer zeigten vor allem eines: Keiner weiß, wohin die digitale Reise geht.
"Expedition ins Ungewisse - welche neue Medienwelt entdecken Verlage, Web und Social Media?" war die Veranstaltung in der schicken Hamburger Bucerius Law School überschrieben. Dass Moderator und Teilnehmer die Sache mit dem "Ungewissen" derart wörtlich nehmen würden, hat dann offenbar viele überrascht, die die Veranstaltung im Saal, via Twitter oder Livestream im Internet verfolgten.
Das lag sicher zum Teil auch an Moderator Thomas Knüwer, der die Veranstaltung mit einer Reihe von viel zu langen Einzel-Interviews zu medien-spezifischen Fragen begann, die zwar für sich genommen relevant waren, aber rein gar nichts mit dem Thema der Veranstaltung zu tun hatten. Schließlich musste sich Knüwer von Sascha Lobo das Heft aus der Hand nehmen lassen. Lobo wies den Moderator in für so einen Rahmen ungewohnt deutlicher Weise zurecht: "Darf ich dich unterbrechen und versuchen, das Gespräch in Gang zu bringen..."
Das Gespräch kam danach tatsächlich in Gang und zeigte vor allem, wie sehr die Vertreter sowohl der alten als auch der neuen Medien im Dunkeln tappen. Am offensten dokumentierte das Stern-Co-Chefredakteur Thomas Osterkorn. "Wenn wir immer dem Rat der Internet-Gurus gefolgt wären, dann wäre das Selbstmord auf Raten gewesen. Alle paar Monate wird eine neue Strategie verkündet. Wir sind alle Suchende und Niemand, der hier sitzt, weiß, wie es geht", rief er und war damit geradezu entwaffnend ehrlich.
Für einen ähnlichen Moment der ernüchternden Wahrhaftigkeit hatte Spiegel-Online-Geschäftsführerin Katharina Borchert gesorgt, die zu Beginn zu Protokoll gab, dass in diesem Jahr ganz gewiss mit keiner großen Innovation aus ihrem Hause zu rechnen sei. Gut zu wissen. Und Sascha Lobo erklärte den neuen Mode-Trend vom Kuratieren (ordnen und sortieren) von Inhalten rundheraus für "Quatsch". Lobos ehrlicher Moment war gekommen, als er seine persönliche Vision von einem erfolgreichen Verlag im digitalen Zeitalter schilderte. Um Geld zu verdienen, meinte er, würde er eine Plattform für Promis aufbauen, die vor allem mit "schlecht gemachten" Handy-Videos bestückt würden. Da würden dann ganz bestimmt die Jugendlichen Geld dafür zahlen, die bei RTL 49 Cent für einen Anruf bei "Deutschland sucht den Superstar" ausgeben. Als journalistisch anspruchsvolles Projekt würde er sich dagegen wünschen, nach einem Format zu forschen, mit dem der verwirrende Echtzeit-Journalismus (Stichwort: Liveticker) ansprechend und verständlich aufbereitet werden kann. Lobos Fazit: "Da würde ich wahnsinnig viel Geld ausgeben und es nach ein paar Jahren wieder einstellen - weil refinanzierbar ist das nicht." Solche Worte aus dem Munde eines Internet-Beraters haben Seltenheitswert.
Aber was ist denn nun die Zukunft der Medien, nach Ansicht der versammelten Experten: Professioneller Hyper-Local-Journalismus (Osterkorn)? Friendcasting (Lobo)? Die Nische (di Lorenzo)? Irgendwas Spannendes auf Wordpress-Basis (Borchert)? Man weiß es nicht. Faktische Ergebnisse der Diskussion waren: Geld wird in erster Linie noch mit Print verdient, diese Internet-Technik ist wahnsinnig komplex und teuer (Osterkorn) Und: Wie sich Online-Journalismus nachhaltig finanzieren soll -keine Ahnung.
Am Ende entschuldigte sich Thomas Osterkorn beim Publikum, dass man den Zuhörern eineinhalb Stunden lang die Zeit gestohlen habe. Das stimmt so nicht ganz. Selten wurde konzeptionelle und strategische Ahnungslosigkeit von Vertretern der alten wie neuen Medien-Elite eindrucksvoller dokumentiert. Auch das war ein Erkenntnisgewinn.
Hier gibt es die Aufzeichnung des Livestreams der Veranstaltung zu sehen.
Letzte Kommentare
25.04.11 07:14
Pixel Schubser
Ich weiß nicht - seit der Mensch seine Nachrichten in Tontafeln ritzte oder auf Tierfelle kritzelte, wird an seiner Art und Weise der Berichterstattung herumgekrittelt. Als von 20 Jahren die ersten Newsmagazine Online gingen, wurde gejammert, dies sei der Untergang - wenn nicht gerade des Abendlandes, so doch der des gedruckten Wortes. Interessanterweise sind wir Menschen trotz aller Technikfaszination doch konservativer als gedacht - Zeit, Spiegel, Stern und B**D leben immer noch. Was soll also das Geheule nach neuen Medienkonzepten?
Und by the way: Besonders Sascha Lobo mit seiner verquasten Schreibe, die Originalität weder inhaltlich noch stilistisch beweist, ist hier der richtige, der Diskussion eine neue Wendung zu geben. Nur weil man seinen Senf zu allem und jedem Thema abgibt ist man noch lange nicht "gut" - das ist der Unterschied zwischen Quantität und Qualität!
23.04.11 01:28
rock ruelps
Eigentlich isses wurscht, welchen Tod die Journaille stirbt. Die Nachwelt wird autistischen Alarmisten keine Kränze flechten.
Was wir erleben, ist die Reformation des Nachrichtengeschäfts. So wie Luthers (zugegebenermaßen lausig übersetzte) Bibel den katholischen Pfaffen als Interpreten der "Heiligen Schrift" überflüssig machte, vernichtet das Netz die Privilegien der Medienmacher. Bye bye.
21.04.11 18:30
Karl Kraut
@ Aribert Deckers: Sie haben recht, Journalisten bekommen nur ihr Gehalt/ihr Honorar (das moeglichst ein ordentliches sein sollte). Das kriegen sie aber auf Dauer nur, wenn der Verlag (= ihr Arbeit- oder Auftraggeber) mit ihrem Journalismus Geld verdient. Insofern haben Journalismus und Geldverdienen recht viel miteinander zu tun.
@ Klaus Mueller: die genannten Blogger schreiben insofern erfolgreich, als sie Leser ansprechen, halten, binden, vielleicht sogar begeistern. Dennoch verdienen sie mit diesem Bloggen nicht ihr Gehalt.
Ausserdem ist Journalismus mehr als Bloggen. Dieses Mehr beschraenkt sich nicht auf investigative Leistungen. Man bedenke nur mal, was man von der Bundesliga mitbekaeme ohne die hoch professionelle (und gut bezahlte) journalistische Arbeit des Sortierens, Hervorhebens, Gewichtens, Kommentierens usw......
21.04.11 16:02
Aribert Deckers Web-Site
"21.04.11 13:58
Karl Kraut
[...] noch immer keine Idee haben, wie sich mit deutschsprachigem Journalismus online Geld verdienen liesse,[...]"
Journalismus ist eine Sache, Geld verdienen eine andere. Beide haben nur teilweise mit einander zu tun. Auch ist es in den etablierten Medien ja nicht unbedingt so, daß die Journalisten das Geld verdienen, sondern Medienfirmen.
21.04.11 16:00
Klaus Mueller
Der Don in den FAZ-Blogs macht's doch sehr erfolgreich und auch richtig: mit Qualität, Witz, Wissen, diversen Themen und mit seinem Markenzeichen: Tippfehler.
Auch gut: Joe Bauer in den Stuttgarter Nachrichten.
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Durch diese beiden les ich jetzt sogar ab & zu deren Zeitung.
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Will sagen: eine auffallend häßliche Haarfrisur allein macht's nicht. Man muss so schreiben können, dass es die Leser interessiert, fesselt, herausfordert... und das kann nicht jeder, schon gar nicht die Meute der "Journalisten", die ja wohl immer noch in der Skala der beliebtesten... ach, lassen wir das. Die nehmen sich auch viel zu wichtig, obwohl sie meist nur abschreiben...