In der Affäre um Bundespräsident Christian Wulff ist eine Art Wetteifern der Fragensteller ausgebrochen. Die Bild hatte bereits ihren ersten Fragenkatalog an den Bundespräsidenten veröffentlicht. Die Welt hat jetzt umfangreich ihre Fragen an Wulff und die BW Bank dokumentiert. Jetzt hat die taz ihrerseits einen Fragenkatalog an Bild-Chef Kai Diekmann geschickt. Dabei geht es um die Rolle, die Bild bei der teilweisen Veröffentlichung der Mailbox-Nachricht des Präsidenten in anderen Medien gespielt hat.
Nochmal kurz zum Hintergrund: Bundespräsident Christian Wulff hatte Bild-Chef Kai Diekmann vor der Veröffentlichung des ersten Bild-Artikels über seinen umstrittenen Hauskredit auf die Mailbox gesprochen. In dem Anruf beschwerte sich Wulff und drohte mit Strafanzeige gegen Bild-Journalisten, sollte der Artikel erscheinen. Bild machte den Anruf zunächst nicht öffentlich. Dies geschah dann nach Weihnachten durch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Süddeutsche Zeitung.
In seinem TV-Interview mit ARD und ZDF bedauerte Wulff den Anruf und bezeichnete ihn als “schweren Fehler”. Gleichzeitig beteuerte er, dass er mit dem Anruf eine Veröffentlichung nicht verhindern, sondern nur um einen Tag verschieben wollte, um sich angemessen zu den Vorwürfen äußern zu können. Wulff befand sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Ausland.
Bild hat der Darstellung des Bundespräsidenten, dass es ihm nur um ein Verschieben, nicht um ein Verhindern gegangen sei, vehement widersprochen. Um zu belegen, dass es ihm tatsächlich um eine Verhinderung des Artikels ging, bat Bild den Präsidenten öffentlich um Erlaubnis den Anruf veröffentlichen zu dürfen. Der Präsident lehnte ab. Kurz darauf zitierte der Spiegel ausführlich längere Passagen aus der Abschrift des Interviews. Hierzu hat die taz 15 Fragen, geordnet in sechs Themenblöcke, an Bild-Chef Kai Diekmann gestellt und ihm für Antworten eine Frist bis Montag 16 Uhr eingeräumt. “Im Sinne der von Ihnen gewünschten Transparenz werden wir diese Anfrage öffentlich machen.”
Und hier sind sie, die taz-Fragen an Kai Diekmann:
“Sehr geehrter Herr Diekmann,
im Zusammenhang mit unserer Recherche zu Ihrer Berichterstattung über die Kreditaffäre des Bundespräsidenten Christian Wulff bitten wir Sie freundlich um Beantwortung folgender Fragen. Im Sinne der von Ihnen gewünschten Transparenz werden wir diese Anfrage öffentlich machen.
1.) In der Sendung „Günther Jauch“ vom 8. Januar 2012 behauptet Nikolaus Blome, Leiter des Berliner Büros der „Bild“, die Nachricht Christian Wulffs auf Ihrer Mailbox vom 12. Dezember 2011 sei bei „Bild“ zunächst intern diskutiert worden. Wer im Haus kannte zu diesem Zeitpunkt die Mailbox-Nachricht? Haben Sie im Haus Abschriften der Nachricht verteilt oder Tondokumente? An wen? Wer nahm an der Diskussion über eine mögliche Veröffentlichung teil?
2.) Warum entschied sich die Redaktion die Mailbox-Nachricht nicht zu veröffentlichen? Was waren die Argumente gegen die Veröffentlichung, beziehungsweise gegen eine Berichterstattung der „Bild“ über den Anruf des Bundespräsidenten – und was waren die Argumente dafür? Gab es in Ihrem Haus rechtliche Bedenken, die Mailbox-Nachricht zu veröffentlichen? Wenn ja: welche?
3.) In der oben erwähnten Sendung sagte Nikolaus Blome, „manche Journalisten aus anderen Redaktionen“ hätten sich „in Teilen vielleicht ein ganz kleines Bild“ von der Mailbox-Nachricht machen können, bevor am 1. Januar 2012 das erste Mal in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ explizit über die Nachricht berichtet wurde. Wie vielen und welchen Journalisten wurde die Nachricht weitergegeben? Wurde sie als Ganzes oder „in Teilen“ weitergeben? Wurde sie als Tondokument oder in schriftlicher Form weitergegeben?
4.) Wussten Sie von dieser Weitergabe, von der Nikolaus Blome berichtet?
5.) Was war der ausschlaggebende Grund für die Weitergabe der Nachricht an andere Medien?
6.) Am 5. Januar 2012 baten Sie Bundespräsident Christian Wulff in einem Brief um Erlaubnis zur Veröffentlichung der Mailbox-Nachricht. Wulff lehnte die Veröffentlichung noch am selben Tag ab. In derselben Woche, in der Sie um Erlaubnis für den Abdruck baten, gaben „Bild“-Redakteure Passagen der Nachricht an andere Medien weiter. Können Sie das bestätigen? Wenn ja: Warum fragen Sie den Bundespräsidenten um Erlaubnis, obwohl Redakteure der „Bild“ gleichzeitig bereits Teile der Nachricht weitergaben?
Wir bitten freundlich um Beantwortung der Fragen bis Montag, 16 Uhr MEZ.
Mit freundlichen Grüßen”
Letzte Kommentare
13.01.12 12:14
Ralf Holzhäuser
Was passiert denn jetzt schon wieder? Kleinkrieg unter Journalisten: Wer hat wem wann was gesagt, wer weiß mehr oder wer weiß weniger?
Das Amt unseres (meines!) Bundespräsidenten ist als Boden für solche Schlammschlachten denkbar ungeeignet. Ein wenig mehr Respekt vor einem Mann, der seine politischen Aufgaben im Großen und Ganzen gut erledigt, wäre schon angebracht. Ob Herr Wulff Economy oder Business fliegt, geht mir am A... (Entschuldigung!) vorbei. Ist uns unser gewählter (!) Bundespräsident so wenig wert, dass wir ihm schon die einzelnen "Fahrkarten" vor- bzw. nachrechnen?
Auf den Punkt gebracht:
1. Der Bundespräsident hat für viele das falsche Parteibuch. Also eine günstige Gelegenheit, die eigenen (parteipolitisch anders orientierten) Kandidaten schon mal in Stellung zu bringen.
2. Das "Finale" ist für die Presse eingeläutet. Wem gelingt es, Herrn Wulff letztendlich "zu Fall zu bringen"? Dem Sieger winkt viel, nämlich "Auflage und Quote".
3. Ganz nebenbei auch ein permanenter "Aufreger" für unsere "Neidgesellschaft": Was der sich alles herausgenommen hat, was der alles bekommen hat ...
Als Angehöriger einer Generation (Jahrgang 1943), die ein funktionierendes Wertesystem noch kennt und immer noch zu schätzen weiß, kann ich mich nur noch schämen.
P.S. Ich bin trotz allem der Meinung, dass sich Herr Wulff in dieser "Affäre" bisher äußerst ungeschickt verhalten hat (schlechte Berater?). Das soll aber nicht heißen, dass man hemmungslos auf ihn einprügeln darf.
13.01.12 12:06
Christian G. Christiansen
Dieser Dolus der taz kommt spät; man hätte ihn früher erwartet! Ich fürchte, Kai Diekmann wird
für die taz daraus einen Dolus eventualis machen...
Unabhängig vom Ergebnis, wie sich der Noch-Bundespräsident entscheidet, gehören solche Meldungen bestenfalls unter "Vermischtes".
Christian G. Christiansen, Berlin
13.01.12 11:54
Thomas Bauer Web-Site
Sehr schöne Aktion, ich sehe da zwar nur sechs und nicht 15 Fragen, aber es gäbe sicher viel mehr:
Besitzen Sie Immobilien, von wem zu welchen Konditionen sind diese finanziert?
Haben Sie schon einmal Jornalistenkonditionen für den Kauf eines Fahrzeugs, einer Reise o.ä. genutzt? Waren die betroffenen Firmen seither oder zuvor Teil der Berichterstattung von Bild oder anderer Medien des Springer-Verlags?
Sind sie schon einmal auf einen Flug upgegradet worden? Mit oder ohne Mitglieder der Familie?
Wer hat die Werbekampagnen für Ihre Bücher finanziert. Haben Sie jemals ein Honorar oder ein Vergütung für die Abfassung eines Buch erhalten, das sich mit einer Person befasst, über die in der Bild oder einem anderen Medium des Springer-Verlags berichtet wurde?
Standen Sie in einer Geschäftsbeziehung zu Leo Kirch, eines seiner Famlienangehörigen oder einer der mit ihm verbundenen Unternehmen?
Wurde Ihre ebenfalls bei Bild beschäftigte Frau Katja Kessler jemals von einem Mode- oder Beauty-Unternehmen ohne Berechnung oder zu vergünstigten Konditionen ausgestattet (für den Privatgebrauch oder für öffentliche Auftritte)?
Haben Sie schon einmal einen Urlaub (bezahlt oder unbezahlt) in Feriendomiziel oder Gästezimmern von Unternehme(r)n und/oder Freunden verbracht? Welche Zahlung haben Sie dafür erbracht? In welchem Verhältnis steht diese zu den ortsüblichen Kosten für vergleichbare Ferienimmobilien? (kann man im CC auch an Frau Schauspen senden ;-))
... ach, das ließe sich wunderbar fortführen.
Um mal die gleichen Maßstäbe anzuwenden… in einem anderen Amt, als oberster Moralwächter der Republik…
13.01.12 11:29
Horst Peter
Ist das wichtig?
Der Wulff hat das freiwillig und ohne Zwang auf einen fremden AB gesprochen. Bei einem Chef einer Zeitung. DER Zeitung.
Dieser Chef kann doch mit seinem Eigentum (AB + Ansage) machen was er will. Auch das andere hören lassen. Vervielfältigen. Ins Netz stellen (hoffe ich).
Wulff hat eine Menge Fehler gemacht. Und tut das weiter. Daran kann auch die TAZ nichts ändern.
Wer da wann der AB-Spruch gehört hat ist doch so total egal.
13.01.12 11:14
Sylvia von Lichem Web-Site
Tja, da darf man dann ja wohl gespannt sein.Falls BILD damit ein Problem haben sollte, Nachhilfeunterricht zum Thema wäre sicher im Bundespräsidialamt, ggf. sogar direkt beim Bundespräsidenten persönlich, sicher kostenlos erhältlich. Aber nein, der redet ja mit BILD nicht mehr.