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Cord Dreyer zum Start der dapd-Nachrichtenagentur

"Damit beginnt ein echter Wettbewerb"

An diesem Montag startet der neue große Konkurrent der dpa: die dapd-Nachrichtenagentur. Cord Dreyer, der einst für den Marktführer arbeitete, führte dafür den ehemaligen deutschen Dienst der Associated Press (AP) mit dem Deutschen Depeschendienst (ddp) zusammen. Im MEEDIA-Gespräch mit Daniel Bouhs erklärt er, wie er den Agenturmarkt aufmischen will. Und wie viel er überhaupt zu sagen hat. "Bei uns", schwärmt Dreyer, "fallen Investitionsentscheidungen schon mal nach 120 Sekunden."

Herr Dreyer, da sind Sie ja noch einmal ganz gut weggekommen, im "Wirtschaftsjournalist". Der titelt Sie aktuell als "Gentleman"-Angreifer. Wie viel Gentleman steckt denn dieser Tage in Ihnen - und wie viel Angreifer?

Das müssen andere bewerten. Natürlich starten wir hier etwas Neues, sogar etwas ganz Neues. Das wird in unserer Branche auch eine neue Phase einleiten. Aber wir sind Wettbewerber, Angreifer sicher nicht. Und Gentlemen sowieso.

Wann immer über die Entwicklung auf dem Agenturmarkt berichtet wird, taucht ein Zitat immer wieder auf: Ihre Eigentümer gaben die Parole aus, den Marktführer dpa "verzichtbar" machen zu wollen. Wie haben wir dieses Vokabular eigentlich zu interpretieren? Geht es darum, dpa das Genick zu brechen?

Dieses Zitat ist sehr häufig falsch verstanden worden - glaube ich jedenfalls. Und es stammt aus einer Zeit, für die ich keine Verantwortung übernehmen kann.

Man kann die Aussage aber durchaus als Ihren Auftrag verstehen, oder?

Was wir wollen, ist doch Zeitungen wie Sendern und Onlinemedien in Deutschland das erste Mal die Möglichkeit zu geben, zwischen zwei Vollagenturen zu wählen. Wer der Meinung ist, mindestens eine Vollagentur zu brauchen, der könnte tendenziell auf die erste verzichten. So war das gemeint. Und anders nicht. Alles andere, wäre völlig irreal.

Ihr langfristiges Ziel ist es also nicht, dass Sie irgendwann die Marktführerschaft übernehmen und die dpa Ergänzungsagentur wird?

Das wäre ja dann auch nicht so dramatisch. Aber das ist nicht die Lage, mit der wir uns beschäftigen.

Heute startet Ihr neuer dapd-Basisdienst, der die Meldungen aus der bisherigen ddp und der einstigen AP-Deutschland zusammenfasst. Wo soll dieses Angebot in drei Jahren stehen?

Unsere Agenturgruppe und die Bandbreite unseres Angebots wird - sagen wir mal in den nächsten eineinhalb Jahren - sehr viel größer werden. Wir werden viel mehr sein als eine klassische Agentur. Der Weg dorthin führt sehr wesentlich über diesen neuen Dienst, der auch unser Kernprodukt sein wird. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass der dapd-Basisdienst lückenlos und hochwertig sein wird. Es wird um Qualitätsjournalismus und Exklusivinhalte gehen.

Sie wollen eine originelle, moderne Nachrichtensprache bieten. dpa-Chef Wolfgang Büchner auch. Sie wollen, dass sich die Kunden über Web-2.0-Plattformen an Ihrer Themenauswahl beteiligen. Büchner auch. Und Sie wollen, dass sich Ihre Agentur aufs Wesentliche konzentriert, um zusätzlich Exklusivität bieten zu können. Büchner auch. Wenn beide Volldienstleister alles richtig machen, werden dapd und dpa doch am Ende das gleiche bieten, oder?

Das ist doch für den Kunden ein Traum, wenn er endlich zwei Anbieter zur Auswahl hat. Damit beginnt auf diesem Feld ein echter Wettbewerb, anders als das bisher war. Für uns ist das nicht neu: ddp und AP waren schon immer hart im Wettbewerb unterwegs. Das das bei anderen nicht ganz emotionslos gesehen wird, ist wohl so. Aber daraus einen harten Kampf abzuleiten, halte für übertrieben. Das ist ein Wettbewerb, den es in der Wirtschaft sonst überall gibt. Jetzt eben auch hier. Das müssten doch eigentlich alle gut finden, jedenfalls die Kunden. Und die, die ich treffe, finden das auch gut.

Um sich das Agenturbudget der Verleger angeln zu können, müssen Sie im Vergleich mit der dpa, an der die Medienhäuser mit ihren Beteiligungen grundsätzlich hängen, vor allem eines sein: billiger. Zu hören ist dieses Preismodell für Ihren neuen Dienst: dpa-Abopreis minus sid-Abopreis und auf das, was da übrigbleibt, noch einmal einen Abschlag von 25 Prozent. Wie wollen Sie es bei dieser Kalkulation schaffen, dass Ihnen nichts durch die Lappen geht und Sie zugleich Qualität bieten?

Wir sind sehr viel schlanker aufgestellt als die dpa. Wir bewegen unsere Leute in jeder Hinsicht schneller von A nach B, bei Ereignissen wie bei strukturellen Veränderungen. Wir haben deutlich weniger Overhead-Kosten und bedeutend schlankere Entscheidungsstrukturen. Auch weil wir die besondere Eigentümerstruktur der dpa nicht haben, können wir wesentlich marktgerechtere Produkte bieten.

Mit Martin Vorderwülbecke und Peter Löw sind sie aber immerhin noch zwei reichen Doktoren in München verpflichtet, die in ihren Unternehmen gerne selbst durchgreifen.

Das stimmt, aber es ist nicht so, dass die beiden Herren hier ständig präsent sind. Wir haben hier eine große unternehmerische Freiheit. Und wenn es um wichtige Richtungsentscheidungen geht, dann müssen wir anders als die dpa keine Gesellschafterversammlung einberufen, die dann erst einige Wochen später entscheidet. Wir müssen nur zum Hörer greifen. Bei uns fallen Investitionsentscheidungen schon mal nach 120 Sekunden.

Wurde Ihnen denn noch nie eine Idee ausgetrieben?

Noch nicht. Ich bin mir aber sicher, dass das irgendwann kommt. Im Moment sind wir ja noch in einer Phase, in der viel investiert wird, weil wir schnell umfassend auf dem Markt auftreten wollen. Derzeit ist es eben viel schwieriger, die vielen auch finanzierbaren Ideen überhaupt auf die Straße zu bekommen als das Geld zu besorgen für andere Ideen, die auch schon da sind. Das ist eine riesige Unterstützung für das Projekt. Das ist einmalig, denke ich.

Die Geschäftsführer der dpa sagen ganz offen: "Fakt ist, dass es derzeit nicht gelingt, das Kerngeschäft allein aus sich selbst heraus zu finanzieren." Der PR-Dienstleister "news aktuell", der zuletzt mehrere Millionen Euro an Gewinn an die Agentur abführte, müsse deshalb seine Position halten. Das heißt nichts anders als: Tochterunternehmen subventionieren das Kerngeschäft - bei der dpa ist das "news aktuell", bei der österreichischen APA die IT-Sparte, die beispielsweise Ihrem Dienst das Feld bestellt. Welche Beiboote wird Ihre Agentur ins Wasser setzen? Glauben Sie, dass sich eine Nachrichtenagentur allein überhaupt profitabel betreiben lässt?

Weder als Chefredakteur noch als Geschäftsführer einer Nachrichtenagentur würde ich mich damit zufrieden geben, dass ich einen Bereich leite, der alimentiert werden muss. Dazu hätte ich keine Lust, ganz ehrlich. Wir denken schon, dass wir mittelfristig profitabel sein werden. Auch im Kerngeschäft, der Nachrichtenagentur. Dazu gehört aber eben auch, dass wir erst einmal investieren. Das, was wir jetzt reinstecken, wird sich aber mit Sicherheit amortisieren.

Wie schnell wollen, oder vielmehr: Wie schnell müssen Sie das schaffen?

Dafür haben wir keine Zielvorgaben. Und das ist auch gut so. Sonst würden wir Entscheidungen treffen müssen, die der Sache gar nicht dienen würden. Wir reden immerhin über einen Markt, der schwer beweglich ist, weil Verträge über ungewöhnlich lange Laufzeiten geschlossen werden. Da braucht es ein wenig Geduld.

Der dapd hat derzeit nur dann eine Chance, sich als Alternative zur dpa zu positionieren, solange der Sportinformationsdienst (sid) am Markt stark präsent ist. Nur mit seinem Angebot können Redaktionen, die auf den dapd setzen wollen, kompensieren, dass Ihrem Dienst ein Sportangebot fehlt. Wie lange wollen Sie sich vom sid abhängig machen, der Tochter des deutschen AFP-Dienstes ist? Wäre nicht der Aufbau eines eigenen Sportdienstes der logische nächste Schritt für dapd?

Von einer Abhängigkeit kann da keine Rede sein. Und wir haben ein umfangreiches Sportangebot - und zwar im Bild. Bei Text haben wir in der Tat eine Lücke. Da können wir international auf das lizensierte AP-Material zurückgreifen. Das tun wir im Moment nur in Einzelfällen, das wäre aber ein Ansatz. Und eins ist ganz klar: Solange es unabhängige Sportanbieter auf dem Markt gibt, sehen wir da keinen Handlungsbedarf. Sollte sich das ändern, werden wir handeln. Weil wir das dann auch ganz einfach müssten, damit unsere Kunden immer eine Alternativ zum Angebot der dpa haben.

Daniel Bouhs

03.09.2010
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MEEDIA RÜCKBLICK

  • 24.10.2010 dapd droht Bundespresseamt mit Klage
  • 15.10.2010 dpa gewinnt Wettbewerbsprozess gegen dapd
  • 08.10.2010 dapd will eigenen Sportdienst starten
  • 20.07.2010 Kartellamt winkt AP-Kauf durch
  • 01.07.2010 dpa-Rivale dapd startet im September
  • 18.04.2010 Neue Fronten auf dem Agenturmarkt
  • 12.01.2010 Wie der neue Chef die dpa umbaut

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 1 von 1

06.09.10 10:07

Matthias B. Krause Web-Site

Sehr guter Kommentar zum Missverständnis mit der Exklusivität, durch die Agenturen nichts gewinnen können, hier von Björn Sievers: http://bjoern-sievers.de/2010/09/06/nachrichtenagenturen-und-das-missverstaendnis-mit-der-exklusivitaet/
Meine persönliche Erfahrung zum Thema: Es gibt neben denen von Björn erwähnten eine dritte Variante der Exklusivität, von der die Agentur auch nichts hat: Die Kunden (Zeitungen) schaffen es nicht, die exklusive Geschichte bis zum Redaktionsschluss selber hart zu bekommen und drucken den leicht ergänzten Agenturtext unter Weglassung der Agenturquelle (schöne Grüße an die Kollegen vom Tagesspiegel). Besonders freut sich zudem der hart recherchierende Agenturreporter, wenn der Morgendienst der eigenen Agentur dann seine Geschichte in der Morgenzusammenfassung aufmacht mit der Quelle – wir ahnen es – der Tageszeitung, die seine Geschichte nun als eigene Exklusiv-Story per Vorabmeldung an die Agenturen gegeben hat. Been there, done that.

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