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Analyse aller wichtigen IVW-Zahlen der Tageszeitungen

Boulevard-Auflagen schrumpfen stark wie nie

Eine Entwicklung, die allmählich dramatische Züge annimmt: Die deutschen Boulevard-Tageszeitungen haben im vierten Quartal 2012 so viel an verkaufter Auflage verloren wie nie zuvor. So büßte Marktführer Bild heftige 6,7% (181.152 Käufer) gegenüber dem Vorjahr ein, die B.Z. 7,7% und der Express sogar 8,1%. Doch auch bei den anderen Tageszeitungen sieht es weiter nicht gut aus: Blendet man Sondereffekte wie die neue ePaper-Regelung und Auflagenkosmetik aus, gibt es keinen einzigen Gewinner.

Beginnen wir bei unserem Blick auf die deutschen Zeitungsauflagen gleich bei den Überregionalen Blättern, denn dort gibt es einige sehr überraschende und ebenfalls heftige Entwicklungen. Überlagert werden diese natürlich vom deutlichen 6,7%-Minus der Bild. Mit einem weiteren Verlust von 181.152 Käufern landete das Springer-Blatt inzwischen bei nur noch 2,521 Mio. Exemplaren. In sieben Jahren hat die Bild damit mehr als 1 Mio. Käufer verloren, in 14 Jahren fast 2 Mio.

Doch auch die seriöseren überregionalen Blätter geraten in immer schwereres Fahrwasser. Zwar sehen die Verluste der Süddeutschen (1,7%) und der F.A.Z. (-2,1%) noch relativ verhalten aus, doch das hat auch damit zu tun, dass seit dem zweiten Quartal 2012 ePaper-Verkäufe in die Auflage mit hinein gerechnet werden. Würde man diese abziehen, so ergäbe sich bei beiden Blättern ein Minus von mehr als 5%. Auch die beiden vermeintlichen Gewinner sind in Wirklichkeit keine: Das Handelsblatt profitierte von einem Plus bei den Bordexemplaren und den sonstigen Verkäufen, die taz von den 6.392 hinzu gerechneten ePapern.



Der Blick auf die bereinigte Statistik, in der wir nur die beiden wichtigsten Auflagenkategorien Abos und Einzelverkauf an Kiosk & Co. werten, zeigt sich plötzlich noch eine andere dramatische Entwicklung: Das Duo Welt und Welt kompakt büßte gegenüber dem Vorjahr satte 8,1% ein, verlor mehr als 6.000 Abonnenten und mehr als 5.000 Einzelkäufer. Das Bild-Minus von 6,7% wird hier sogar zu einem von 7,9%, die 2,5-Mio.-Marke ist in diesere Statistik schon unterschritten. Die Frankfurter Rundschau steht hier hingegen etwas besser da als im Gesamtverkauf. Der Grund: man baute rund 6.500 sonstige Verkäufe ab. Ein 6,1%-Minus im harten Verkauf ist dennoch kein ermutigendes Ergebnis für die aktuellen Verhandlungen über die Zukunft des Blattes.



Bei den Regionalzeitungen sieht es gleich im ersten Bundesland, auf das wir blicken, dramatisch aus. Die B.Z. büßte nämlich 7,7% ihrer Vorjahres-Verkäufe ein, die Berliner Zeitung 6,6% und der Berliner Kurier 6,3%. Besser sieht es hier nur für die Berliner Morgenpost und den Tagesspiegel aus. Die Entwicklung der Bild, der B.Z. und des Berliner Kurier stehen exemplarisch für den Abwärtstrend der gesamten Boulevardzeitungsbranche. Einzig die Abendzeitung in München, zu der wir später kommen, fällt hier aus dem Rahmen. Sollte in Deutschland tatsächlich mal ein Zeitungssterben einsetzen, die Boulevardbranche wäre unabhängig von Einzelfällen wie FTD oder FR wohl das Segment mit den geringsten Überlebens-Chancen. Die eingestellte Nürnberger Abendzeitung dürfte in nicht allzu ferner Zukunft Gesellschaft auf dem Friedhof der Medienbranche bekommen.

Die Blätter der fünf neueren östlichen Bundesländer von Brandenburg und Thüringen verlieren unterdessen relativ gleichmäßig: zwischen 1,5% und 3,1%. Besser entwickelt sich hier nur die Ostsee-Zeitung mit einem Minus von 0,9%. In Bremen profitiert der vermeintliche Gewinner Weser-Kurier von der ePaper-Regelung, ohne die dadurch hinzu gerechneten 6.448 Verkäufe, läge das Blatt unter den Vorjahreswerten. Hamburg sieht zwei große Verlierer: Das Abendblatt büßte 3,7% ein, ohne die mehr als 5.000 ePaper wären es sogar 6%, die Morgenpost verliert 5,5%.



Gleich fünf Gewinner, die ohne ePaper-Neuregelung keine wären, finden sich in der zweiten Tabelle der Regionalzeitungen: In Niedersachsen und NRW gibt es jeweils zwei solcher Fälle, in Schleswig-Holstein profitierte die sh:z zudem von den vor einem Jahr noch nicht mit hinzu gerechneten Blätter Pinneberger Tageblatt, Wedel-Schulauer Tageblatt und Barmstedter Zeitung. Der größte Verlierer im zweiten Drittel unserer Regional-Übersicht ist wieder einmal die WAZ-Mediengruppe: Mehr als 44.000 Käufer gingen ihr verloren - ein heftiges Minus von 5,8%. Welches Blatt des Unternehmens wie viel einbüßte, lässt sich wie immer nicht sagen, Einzelzahlen veröffentlicht die WAZ-Gruppe nicht.



Relativ verhaltene Verluste gibt es auch diesmal im Süden der Republik. Zwar sind auch hier viele der Auflagen von der ePaper-Regelung geprägt, die erst ab dem zweiten Quartal 2013 keinen Einfluss mehr auf Vorjahresvergleiche haben wird, doch auch ohne die elektronischen Ausgaben sähe es vielerorts besser aus als in anderen Regionen. Die beiden Gewinner Rhein-Zeitung und Badische Neueste Nachrichten haben im Übrigen auch nur wegen der vor einem Jahr noch nicht mitgezählten ePaper zugelegt, ohne diesen Sondereffekt gehören sie ebenfalls zu den Verlierern.

Erwähnenswert ist noch die Auflage der Abendzeitung München: Das Minus von 0,7% ist nämlich nicht etwa erhöhten Bordexemplaren oder anderer Auflagenkosmetik geschuldet, das Blatt verlor im Gegensatz zu den restlichen Boulevardzeitungen - wie auch im Gegensatz zur tz - tatsächlich nur so wenig.

Jens Schröder

21.01.2013
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    Letzte Kommentare

    Anzeige: 1 - 5 von 14 1 2 3 weitere Einträge >

    22.01.13 17:13

    Wolfgang Messer Web-Site

    P. S.: Ergänzend steht in der Richtlinie 12.1 des Pressekodex':

    „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründeter Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber schutzbedürftigen Gruppen schüren könnte.“

    Wenn diese Empfehlung (es ist kein Gesetz und rechtlich nicht bindend) für jemand schon "Gleichschaltung" bedeutet, dann darf er/sie sich gerne mal zum Vergleich das Pressewesen in einer Diktatur anschauen.

    22.01.13 15:05

    Wolfgang Messer Web-Site

    @Petra N.: Auszug aus dem Pressekodex des Deutschen Presserats:
    "Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden. "

    Wenn die Straftat keinen direkten Bezug dazu hat, spielt die Zugehörigkeit bei der Berichterstattung keine Rolle. Und was ist bitte "nichtdeutsch"? Vielleicht der in Berlin geborene Sohn von aus dem Ausland stammenden Eltern? Oder einfach alle, die nicht in Ihr krudes Weltbild eines "sauberen Deutschlands" passen?

    22.01.13 11:59

    R. O.

    Diese Gerede von "Propagandablättern" und "Gleichschaltung" ist und bleibt Schwachsinn. Wer glaubt, Zeitungsredakteure in Deutschland bekämen jeden Tag "Instruktionen" aus dem Kanzleramt oder vom Deutsche-Bank-Chef oder vom Zentralrat der Muslime usw. usw., der glaubt auch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen.

    22.01.13 11:04

    Petra N.

    @olaf beyer

    Lügen ist vielleicht ein zu hartes Wort. Dass Artikel in den Mainstreammedien aber oft einer politisch korrekten Linie folgen, kann auch ich bestätigen. So kann man beispielsweise die Herkunft von Gewalttätern in vielen Artikeln nur erahnen, so sie denn eine Nichtdeutsche ist.
    Und genau hier beginnt der grosse Unterschied zu Vorinternetzeiten. Während früher nur direkt Beteiligte und vielleicht noch deren direktes Umfeld sich über unklare Berichterstattungen wunderten, sorgen heute zahllose private Blogs und die sozialen Netzwerke für eine schnelle Aufklärung.
    Dies ist dem sowieso schon angeschlagenen Ruf der grossen, weitgehend gleichberichtenden Medienkonzerne sicher nicht besonders zuträglich.

    22.01.13 10:50

    Jens Jansen

    Sind in die Zahlen neben den E-Paper Ausgaben auch die Apps mit berücksichtigt? Ansonsten wären die Zahlen nämlich etwas trügerisch. Wer ein Zeitungsabo kündigt und dafür die App bezieht, würde als verlorener Leser gelten.

    Aber auch so wecken die Zahlen einen falschen Eindruck. Man darf nicht vergessen, dass viele Menschen mittlerweile einfach die Online-Angebote der Zeitungen nutzen. Oft sind das die gleichen Artikel wie in der Zeitung. Auch damit verdienen die Verlage durch Werbung Geld. In den Zahlen kann das aber logischerweise nicht berücksichtigt werden.

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