Der Internet-Experte Jeff Jarvis ist bekannt für seine radikalen Thesen und seine harte Kritik an althergebrachten Medien-Modellen. Auf seiner Website “Buzzmachine” hat Jarvis eine Art Notiz-Zettel mit Schlagworten zur Nachrichten-Industrie veröffentlicht. Die einzelnen Punkte sind für sich genommen nichts Neues, aber in ihrer Sammlung offenbaren sie schonungslos die grundlegenden Probleme der Medienindustrie mit der Digitalisierung.
“‘Sollte’” ist kein Geschäftsmodell”, schreibt Jarvis beispielsweise. Man könne den Leuten zwar erzählen, dass sie für die eigenen Produkte bezahlen “sollten”, aber das würde nur geschehen, wenn die Nutzer darin auch einen Mehrwert sehen. Eine sehr knappe Abrechnung mit der Idee, dass Paid-Content eine Lösung sein kann. “Tugend ist kein Geschäftsmodell”, so Jarvis weiter. Nur weil etwas, das man tut, “gut” sei, heiße das noch lange nicht, dass man auch dafür bezahlt werde.
In diesem Stil geht es weiter in dem Text “Hard economic lessons for news”. Jarvis hat den Text absichtlich in Schlagworten gehalten, als Basis für einen Vortrag, und weil er die Inhalte “Twitter-fähig” machen wollte. Ein weiterer Punkt, den er anspricht: “Betteln ist kein Geschäftsmodell.” Es sei schlicht faul, zu glauben, dass Stiftungen und freiwilliges Zahlen die Probleme der Nachrichten-Industrie lösen könnten. Er meint damit wohl, ohne es auszusprechen, vermeintliche Hoffnungsträger der Medienindustrie in den USA, wie die gerade mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnete Journalismus-Stiftung ProPublica oder freiwillige Online-Bezahlsysteme wie Flattr.
Und eine alte, aber manchmal vergessene Wahrheit: “There is no free lunch. Government money comes with strings.” Es gibt nichts umsonst, Geld vom Staat ist an Bedingungen geknüpft. Das sollten sich die Befürworter von Staatshilfen für Medien immer wieder aufs neue vergegenwärtigen - egal ob man nun Lobbyarbeit bei der Regierung für eine Leistungsschutzabgabe macht oder für eine niedrigere Mehrwertsteuer für Presseprodukte eintritt.
“Keiner interessiert sich dafür, wieviel man ausgibt. Damit zu argumentieren, dass Nachrichten viel kosten, ist für den Markt irrelevant”, schreibt Jarvis. Und auch da spricht er eine Wahrheit aus, die von vielen Medienvertretern gerne ignoriert wird, weil sie schlicht zu unbequem ist. Weitere unbequeme Wahrheiten aus dem Hause Jarvis: “Auflagen werden weiter sinken. Daran kann es keinen Zweifel geben.” Schaut man sich die jüngsten, katastrophalen IVW-Auflagenzahlen bei den Zeitungen an, ist man geneigt, ihm Recht zu geben. Und weiter: “Sparmaßnahmen werden die Produktqualität und den Wert senken, was zu weiteren Auflagenrückgängen führt. Ein unaufhaltsamer Strudel.” Die sinkenden Auflagen führen dann zu sinkenden Anzeigen-Umsätzen (und sinkenden Vertriebserlösen). Gleichzeitig würden Billig-Anbieter und der Überfluss an Anzeigen-Platz im Internet die Werbepreise zusätzlich nach unten treiben.
So weit - so bekannt. Jarvis’ Verdienst ist es, die Vorgänge in schockierend nüchterne Worte zu packen. Und er weist auch auf ein weiteres Problem gerade von Tageszeitungen hin: “There’s a cliff coming: the end of a critical-mass of circulation needed to maintain inserts.” Wenn Tageszeitungen so viel Auflage verlieren, dass sich Werbe-Beilagen für Auftraggeber nicht mehr lohnen, gibt es auf einen Schlag ein massives Umsatzproblem bei den Anzeigen. In Deutschland weitet z.B. Aldi seine Versuche, seine Prospekte nicht mehr Tageszeitungen beizulegen, immer weiter aus.
Für Zeitungs-Manager sollte der Jarvis.Text sehr beunruhigend sein. So klar seine Analyse der Probleme ausfällt, so diffus bleibt er, wenn es um Lösungsansätze geht. Infrastruktur soll effizienter werden, Medienunternehmen sollen sich stärker über Facebook und Co. vernetzen, der alte Spruch “do what you can do best, link to the rest”, neue Erlösströme sollen erkundet werden, z.B. Events, Immobilien, Merchandise. Das sind alles eher hilflose Ansätze mit den aufgezeigten, gewaltigen Problemen zurecht zu kommen.
Am Ende muss auch Web-Guru Jeff Jarvis zugeben, dass er noch keine Lösung für die von ihm so gnadenlos aufgezeigten Probleme der Nachrichten-Industrie gefunden hat. Auch das ist letztlich eine bittere Wahrheit.
Letzte Kommentare
08.05.11 17:04
Gedanken Strich Web-Site
Ein paar Gedanken zu den 36 Thesen von JJ finden sich hier:
http://gedankenstrich.org/2011/05/die-36-thesen-des-jeff-jarvis-zusammenfassung-und-diskussion/
30.04.11 15:23
Andreas Kunze Web-Site
Im Internet wird viel Geld verdient, leider haben die Verlage das bereitwillig anderen überlassen, etwa Immobilienscout (Immobilienanzeigen), Stepstone (Jobanzeigen)usw. Auch Anbieter von Finanzvergleichen wie Check24 verdienen prächtig - anstatt aber so etwas selber aufzubauen, machen die Verlage mitunter sogar noch kostenlos Werbung für Finanzvergleichsdienste, indem sie sie deren Vergleiche in die Berichterstattung einbauen. Wer so dämlich ist, muss sich nicht über seinen Untergang wundern.
27.04.11 19:05
Tom U.
@Jan-Bernd Meyer: Ich stimme Ihnen zu, irgendwas stimmt da mit der Einstellung gegenüber Journalismus und Medien nicht. Ich gebe zu, ich habe mir da lange auch keine Gedanken darüber gemacht, was eigentlich so ein Text in einer Zeitung wert ist...
Was mich bei der ganzen Debatte immer unheimlich stört: Wo sind denn bitte die Vorschläge? Immer kritisieren, was Verlage und Redaktionen falsch machen, aber selber überhaupt keinen Plan haben, wie man es stattdessen machen sollte. Deshalb kann ich Leute wie Jarvis auch nicht mehr hören.
27.04.11 18:15
Frank Kemper Web-Site
@Jan-Bernd Meyer: Vielleicht sehe ich das alles viel zu schwarz, aber wenn ein Drecksformat wie "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" über Wochen zum Medienthema Nr. 1 wird, wenn die RTL-News einen höheren Marktanteil haben als die ARD Tagesschau, dann scheint es einfach kein Interesse mehr an werbefinanzierten, qualitativ hochwertigem Journalismus zu geben. Naja, es ist ja auch weniger anstrengend, mit den Kumpels auf Facebook über das nächste iPhone zu diskutieren als sich mit der Renten- oder der Gesundheitsreform auseinanderzusetzen. Als ich Publizistik studiert habe, hingen wir alle dem Glauben an, dass es einer Gesellschaft nützt, wenn jeder sich überall sauber informieren kann. Das scheint ein Irrglaube zu sein. Andererseits: Sogar ein Land wie die USA, in dem ein Großteil der bevölkerung einfach hanebüchen schlecht informiert ist, kommt ja irgendwie über die Runden.
27.04.11 16:21
Zeitschriften Leser
Wenn die Journalisten wirtschaftlicher wären, gäbs mehr für weniger (Mehr Geld für weniger Journalisten). Indem sie die Artikel häufiger verkaufen.
News sind Speziell und ubiquitär. Für Fach-Magazine bezahlen Leute aber und hunderte davon gibts nur im Abo! Ich würde meine ct und Developer-Abos und Gamefront gerne auf E-Vertrieb umstellen und würde sogar begrüßen, wenn die Artikel z.b. als PDF/EPUB(dynamisch werbeangereichert) 3-6 Monate später "kostenlos" verfügbar wären. Damit würde man die Print-Ausgabe nicht schädigen und längere Verwertung erhalten.
Es wird grundsätzlich vergessen, was die USPs von Tageszeitungen und Zeitschriften sind. Hörzu und Infosat kauft/e man wegen TV-Programm-Listen und Frequenz-Tabellen. Der Rest drumherum ist "fast" egal. Das ist das Heim&Welt-"Gleichnis" das jeder Journalist klar kennen sollte.
Und Regional- (Reisende, Kiosk, Bildungsbürger) und Lokal-Zeitungen (Abos, Mietwohnungen, Autos) haben unterschiedliche Zielgruppen. Bei Print sterben die Abonnenten bei den meisten Titeln schneller weg als nachwachsen. Und wenn ich Lokalzeit-Dortmund schaue, brauche ich doch keine Westfalenpost oder was dort angesagt ist. Und ein Aldi und gegenüber Lidl oder McD und gegenüber BurgerKing teilen sich die Kunden. WAZ/NRZ, KölnerRundschau/Express/..., Hamburger Abendblatt/Morgenpost/Mittagsmag... : Selber schuld liebe Qualitäts-Hauptstadt-Journalisten.
Wegen Beilagen: Sind die kostenlosen Wochenzeitungen vielleicht "mehr" geworden ? Früher in xxxx Orten vielleicht nur 2mal pro Woche von einem Verlag und heute 2mal die Woche von zwei Verlagen ? Vielleicht erinnere ich mich auch falsch.
Das Oma Erna kein Ipad hat, ist der Hauptgrund, das Holz noch nicht viel billiger wird. Wenn der Werbemarkt in 1-3 Jahren zusammenbricht, ist das Gejammer groß. Man sollte keine Rettung betreiben. Neu/Ersatz/Update-Investitionen in Druckereien (ein paar Facharbeiter) sollten vom Finanzminister nur mit Gewinnen verrechnet werden. Leider kümmert sich niemand um das absehbare Platzen der Print-Branche und ich sehe nicht ein, Desinformation in 3 Jahren mit 35% Umsatz-Steuer zu retten. Die Jobs sind die zigtausenden Zeitungs-Boten (400-Euro) und Anzeigen-Vertrieb (halbtag, vollzeit) und halt ein paar Redakteure und LKW/Kleinbus-Fahrer. Die sollte man auf sinnvolle nachhaltige Jobs konvertieren. Bevor die Werbeblase in 1-3 Jahren platzt.
Wer news.google bedienen kann, sieht schnell, das vermutlich 90% von dpa/reuters stammen. Da stecken keine echten bezahlwürdigen Jobs hinter in der Kette von DPA/Reuters(bezahlwürdig) bis zum Zeitungsboten (bezahlwürdig) bzw. KioskBetreiber(bezahlwürdig).
Werbung zahlt RTL-TV und steckt in "jedem" Preis/Produkt. Gleiches für die kostenlosen Wochenzeitungen die eine Zweitverwertung der lokalen Tageszeitungen sind. Jeder Internet-User würde wohl nicht bedauern, wenn Rentner die Artikel for free schreiben. Dann sind weniger Rechtschreibfehler drin. Und für Freibier beim Schützenfest oder kostenlose Karte für Knebels Affentheater in der Stadthalle kann man ja wohl ein paar Zeilen schreiben.
Neue Bundesländer betreiben selber Supermärkte weil es im Dorf keine gibt. Mit Lokal-News geht das genau so. Werbung liefert es. Die zig Lokal-Radio-Sender jeden Bundeslandes beweisen es täglich mit Werbung von Briller-Mayer und Bäckerei Mustermann. Ebenso die kostenlosen Wochenzeitungen. Aber kalkulieren und Geldflüsse organisieren/erkennen ist nicht jedem sein Geschäft wie wir täglich in der Politik sehen.
Wenn ich DJx wäre, würde ich dafür sorgen, das der Zufluss deutlich kleiner wird. "Qualitäts-Verdichtung" nennt man das.
Diktatoren bevorzugen natürlich Weichspül-Brot-und-Spiele-News und schuld sind immer die anderen.
Sowas hätte mit halb so vielen Journalisten schnell ein Ende.
Das Apple keine Periodika ausserhalb teuer selber programmierter "proprietärer" Apps unterstützt, ist eine der wenigen verbliebenen "Stützen" (bzw. einer der noch nicht eingeschlagenen "Sargnägel" oder Faß-Überlaufer-Tropfen) von Print. In 5 Jahren (besser heute schon, "danke" Neuer Markt) ist das Thema hoffentlich endlich abgewickelt.
Kindle und insbesondere die Abos ist leider etwas zu teuer und google desinteressiert.