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Warum SZ-Rechercheur Richter den Nannen-Preis nicht will

Bild: "Vorverurteilung, Häme, Bloßstellung"

Das Netzwerk Recherche entwickelt sich zum Archivar der Debatte: Hat Bild einen Nannen-Preis verdient und ist die Ablehnung des Preises durch SZ-Journalisten albern oder heldenhaft? In einem Beitrag meldet sich SZ-Redakteur Nicolas Richter zu Wort, der den "Henri" gemeinsam mit Hans Leyendecker und Klaus Ott zugesprochen und gleich wieder zurückgewiesen hat. Seine Begründung: Das Trio lehne "bestimmte Recherchetechniken" der Zeitung ab. Konkret nennt Richter den Fall Ottfried Fischer.

Richter hat gemeinsam mit seinen Kollegen die Formel-1-Affäre ans Tageslicht gebracht und schreibt regelmäßig sehr lesenswerte Stücke in der Süddeutschen. Sein offizieller Titel lautet: stellvertretender Ressortleiter für investigative Recherche. Entsprechend ist Richters Ansatz für die Begründung der Ablehnung gewählt. Richter: "Es geht nicht darum, sich moralisch oder intellektuell über 'den Boulevard' zu erheben, noch über alle Kollegen, die bei Bild arbeiten." Aber: Recherchiert werde mit fragwürdigen Methoden. Als Beispiel dient ihm die Affäre um den Schauspieler Ottfried Fischer. Ein Bild-Journalist soll Fischer mit einem Video, auf dem der Schauspieler mit einer Prostituierten zu sehen ist, zur Kooperation mit dem Blatt genötigt haben. In dieser Angelegenheit gibt es ein laufendes Verfahren vor Gericht. Der Journalist Richter rückt den Fall in die Nähe einer "Art journalistischer Schutzgelderpressung".

"Viele ähnliche Fälle soll es geben, aber sie erreichen die Justiz meist gar nicht", sagt Richter auch. Und: "Das Geschäftsmodell der Bild ist es, mit Indiskretionen ohne jede gesellschaftliche Relevanz Geld zu verdienen. Auch mit Vorverurteilung, Häme, Bloßstellung." Dies ist die zweite wesentliche Kritik am System Bild, die Richter übt: Menschen würden ihrer Würde beraubt. Explizit nennt er das Beispiel des CIA-Entführungsopfers Khaled el-Masri, der von Bild u.a. als "durchgeknaller Schläger" tituliert wurde.

Der Journalist Christian Bommarius braucht für seine Polemik "Die Bild-Zeitung ist kein Journalismus" keine konkreten Beispiele, um zu dem Urteil zu gelangen: "Manche Zeitungen leben von Exklusivberichten, andere von ihrem interessanten Lokalteil, die Bild-Zeitung ernährt sich von Rufmord, Manipulation und Lüge." Ergo: "Die Bild-Zeitung ist kein Journalismus, sondern seine Perversion." Es gäbe "überzeugende Gründe", so Bommarius, der für die DuMont-Blätter Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau schreibt, Mitglieder der Redaktion der Bild von der Teilnahme am Nannen-Preis auszuschließen. Gar nicht zur Debatte stehe laut Bommarius  die Frage, ob der von der Jury ausgezeichnete Beitrag tatsächlich die „Beste investigative Leistung" des deutschen Journalismus im Jahr 2011 gewesen sei.

Eine Gegenposition nimmt Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke ein, der sowohl für die Süddeutsche wie für den Spiegel gearbeitet hat. Bild sei für die Geschichte über einen fragwürdigen Hauskredit des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff ausgezeichnet worden, "nicht für seine Lebensleistung". Und genau in diesem Fall sei der Preis verdient gewesen: "Ja, der Spiegel hatte hundert Meter mühsam, zurückgelegt, die entscheidenden fünf Meter weiter aber ging Bild. Diesem Umstand die Rechercheleistung abzusprechen ist schäbig."

Den Bild-Kritikern wirft Schwennicke vor: "Das Argument, Bild sei zu schäbig für einen ehrwürdigen Preis fällt auf jene zurück, die es aussprechen. Übrigens sind es durch die Bank Vertreter eine Generation und einer Geistesschule, die bei Bild und Springer immer noch Schaum vorm Mund haben wie tollwütige Hunde."

In einem weiteren Beitrag hatten Oliver Schröm (Stern) und Markus Grill (Spiegel), die dem Verein Netzwerk Recherche vorstehen, bereits gefordert, den Prozess der Entscheidungsfindung beim Nannen-Preises zu verändern. So sollten u.a. keine Chefredakteure mehr über die Vergabe der Preise richten.

Die kompletten Debattenbeiträge inklusive Linkliste zu weiteren Kommentaren sind hier nachzulesen. 

cm

18.05.2012
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  • 01.02.2013 Berliner Zeitung: Ottfried Fischer geht in Revision
  • 20.12.2012 Winfried Hassemer ist "mit Friede Springer nicht bekannt"
  • 18.12.2012 Fischer vs. Bild wird zur Hängepartie
  • 14.05.2012 Nannen und die Arroganz der Arrivierten
  • 14.05.2012 “Feige, oberpeinlich, übereitel und kaputt”
  • 11.05.2012 Bild bekommt Henri, SZ lehnt ihn ab
  • 10.05.2012 NDR fragt Bild: "Wer hat´s enthüllt?"
  • 09.05.2012 Steingart fordert Nannen-Preis für Bild
  • 08.05.2012 Bild, Wulff und das Nannen-Politikum
  • 07.05.2012 Studie: Bild-Recherche nicht preiswürdig
  • 05.03.2012 Nannen-Preis: Bild für Wulff-Story nominiert

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 5 von 5

18.05.12 19:47

Thomas Bauer

@Florian Flammenberg:
Auf jeden Fall würde ich sagen, wird ein besserer Mensch sich sich gegen eine Karriere bei der Bild und für eine Karriere bei einem weniger Menschen-verachtenden Medium entscheiden. Die Wahlmögllichkeit besteht, wenn man das Qualifikations-Level erreicht hat. Und ein schlauerer Mensch wird sich nicht mit dem Betrachten der Bild-Zeitung zufrieden geben, wenn er Information sucht.
Wie sich der "Bild"-Journalist dabei fühlt, wenn er andere Menschen bespuckt und insgeheim auf seine 10 Millionen Leser herab sieht, das kann man wohl nur erahnen.

18.05.12 18:25

Florian Flammenberg

Ist jemand ein besserer Mensch oder ein schlaueres Kerlchen, weil er die rund 1000 Bildjournalisten bespuckt oder auf die über zehn Millionen Bildleser herabsieht?

18.05.12 15:35

Benno Constantine

Das die "Kollegen" von der sogenannten "seriösen" Presse auf der BILD-Kampagne ausgerutscht sind wie Stummfilmkomiker auf einer Bananenschale, daß sie sich haben einspannen lassen von Erdloch-Diekmann, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, statt sich zu fragen, warum das - ja, Drecksblatt - so taktiert - ich glaube, daß gerade hier (zumindest bei manchen Journalisten) ein großer Teil der Empörung begründet liegt. Man versucht im Nachhinein, ein wenig von der Peinlichkeit abzuwaschen, mit der man sich dabei beschmiert hatte.Durchaus vergleichbar: der Lauteste in der Gruppe schimpft und prügelt auf jemanden ein, die anderen geben ihrem dumpfen Herdentrieb nach und stimmen mit ein - danach schämt man sich und zeigt mit dem Finger auf den vermeintlich alleinschuldigen Rädelsführer.

Nicht erst seit Ottfried Fischer bedient sich das Beiß-, Kratz- und Spuckblatt solcher Methoden. Meiner Kenntnis nach hat man bei Sibel Kekilli ebenso verfahren. Eigentlich erfüllt sowas den Straftatbestand der Nötigung und Erpressung, aber nunja, wer verklagt schon eines der (leider) mächtigsten Blätter des Landes ...

Statt sich aber nun endlos zu empören, sollte man lieber nicht schon wieder (wie schon so oft zuvor)einen Monumentalfilm daraus stricken. Glaubt´s mir, werte Kollegen - ihr werdet bald mit viel dringlicheren Problemen konfrontiert sein ...

18.05.12 13:53

Angelika Hoffmann

...und wenn es Dr. G. Frey gelänge, mal 'ne Superrecherche in sein Blatt zu heben - auch preiswürdig?

18.05.12 13:41

Thomas Bauer

Ob man bei diesem Medium Schaum vorm Mund hat, das hat nichts mit der Generation zu tun, sondern mit der Frage, ob man sich Einlullen lässt von den ablenkenden Verharmlosungsspielchen oder die Augen offen hält und die Methoden berrücksichtigt, die heute doch nicht minder abartig sind als zu Wallraffs Zeiten.

Warum denn nur tut es der Bild und den verteidigenden Medienredakteuren so weh, dass sich (von mir aus eitle) Redakteure seriöserer Medien nicht gemeinsam aufs Treppchen stellen wollen mit den Bild-Leuten? Schlimm genug, dass sie in der Mailbox-Affäre der Bild gemeinsame Sache gemacht haben. Eine Schande und Scharte, die es auszuwetzen gilt.
Ich halte das in der Vorgehensweise (!) für durchaus vergleichbar mit dem Recht von Politkern, sich in der Ukraine nicht mit den Machthabern auf die Tribüne zu stellen. (In der Vorgehensweise, nicht in den Taten der Täter, bevor wieder jemand auf die Idee kommt, die Bildredakteure gegen nicht geäußerte Vorwürfe zu verteidigen!)
Man will halt die jeweiligen Taten des Mediums nicht durch eigenes Zutun billigend verharmlosen. Analog zur These, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt. Wer bitteschön will einem Menschen absprechen, zu diesem Zweck auf eine eigene Ehrung zu verzichten?
(Mal davon abgesehen, dass es natürlich sowieso höchst zweifelhaft ist, worin die investigative Großtat der Bild besteht, zwei Wochen nach der NDR-Sendung zu enthüllen, was der Herr Filmproduzent selbst geäußert hat, eine Selbstauskunft des Ex-Bundespräsidenten zu veröffentlichen und den Mailboxinhalt an peinlich willfährige Medienkollegen durchzustechen - und dass es noch zweifelhafter ist, die Geschichte in der Jurybegründung explizit an ihrem Wirkungsgrad der Kampagne, also dem Abschussfaktor zu bemessen)

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