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Vorauseilende Furcht der Politik vor dem Schmäh-Video

Mohammed-Film: die öffentliche Unsicherheit

Der Videofilm “The Innocence of Muslims” wird zu einem Präzedenzfall für die Meinungsfreiheit in Deutschland. Politiker, Verbände und Medien debattieren, ob rechtsextreme Wirrköpfe das Machwerk, in dem der Prophet Mohammed auf dilettantische Weise verunglimpft wird, in Deutschland zeigen dürfen oder nicht. Die “öffentliche Sicherheit” gilt schnell als gefährdet, wenn man seine Ruhe haben will. Es wäre wünschenswert, wenn sich Staat und Öffentlichkeit weniger schnell aus der Fassung bringen ließen.

Zunächst einmal, um was geht es: Ein paar Radikal-Christen haben in den USA einen Film namens “The Innocence of Muslims” fabriziert. Der Film macht seither ausschnittweise auf YouTube und anderswo im Internet die Runde. Darin wird u.a. der Prophet Mohammed auf obszöne Weise verunglimpft. Radikale Muslime im Nahen Osten hörten davon und rasteten programmgemäß aus. Es gab Tote und viele Verletzte. Die Deutsche Botschaft im Sudan wurde gestürmt. Die Unruhen gipfelten vorerst in der Ermordung des US-Botschafters in Libyen.

Nun hat hierzulande die rechtsextreme Mini-Partei Pro Deutschland das Thema als PR-Vehikel entdeckt und droht damit, den Film öffentlich aufzuführen, “notfalls in einer Lagerhalle”. Sofort befällt die Politik, ebenfalls programmgemäß, das große Muffensausen. Hektisch werden Argumente gesucht, damit man den Film in Deutschland schnell noch verbieten kann. Die “öffentliche Ordnung” könnte gefährdet sein, heißt es, bzw. die “öffentliche Sicherheit” könnte gestört werden, wie sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zögernd und zaudernd in einem Auftritt ausdrückte, der ein Dokument öffentlich zur Schau getragener Unsicherheit war. Natürlich gehe es nicht um ein “Verbot des Videos als solches”, sondern nur um ein Verbot des Zeigens, so die Kanzlerin.

Auch die hiesigen Medien verwechseln im Fall des Mohammed-Videos großflächig Ursache und Wirkung. Besonders krass ist ein Kommentar in der Frankfurter Rundschau, in dem um Zensur gebettelt wird, weil durch das Video u.a. vier US-Diplomaten in den Tod getrieben worden seien. Aber nicht das Video hat die Diplomaten getötet und das Video hat auch in Kabul keinen Selbstmordanschlag verübt, bei dem zehn Menschen starben. Das waren schon islamistische Exrtremisten, die sich durch das Video provoziert fühlten. Das Problem ist: Man weiß ja nicht, wodurch sich solche Leute in welcher Form als nächstes provoziert fühlen. Das Grundproblem ist, dass es Leute gibt, die wegen eines lächerlichen Videos Leute umbringen.   

Jaja, wir sind schon irgendwie für Meinungsfreiheit, aber wenn es ungemütlich werden könnte, verbieten wir den Unsinn lieber, bevor es auch noch bei uns kracht. Beziehungsweise: Wir verbieten den Unsinn nicht direkt, sondern verbieten nur, ihn zu zeigen. Politik vom Scheinheiligsten. Die Argumente, die von der Bundesregierung und anderen für ein Verbot des Films ins Feld geführt werden, sind geprägt von windelweicher Waschlappigkeit. Traut man den hier lebenden Muslimen und sonstigen Bürgern nicht zu, dass sie die Aufführung dieses unsäglichen Quatsch-Films durch ein paar rechtsextreme Wirrköpfe nicht verkraften? Es ist schlimm genug, dass der Film im Nahen Osten für blutige Unruhen sorgt - aber hier?

Die deutsche Öffentlichkeit hat auch die Schmähung des Papstes durch das Satiremagazin Titanic einigermaßen heil überstanden. Auch die - nicht eben rasend lustigen - Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung Jyllands-Posten wurden seinerzeit in Deutschland veröffentlicht und es brannten keine Straßen. Ja, der Mohammed-Film ist dumm, dilettantisch und verhöhnt den Islam. Darf man sich darüber aufregen: aber ja. Mann kann auch dagegen rechtlich vorgehen. Und wenn der Film gegen Gesetze verstößt, dann muss er aus dem Verkehr gezogen werden. Ist der Film aber nur dumm und dilettantisch, so besteht kein Grund, ihn zu verbieten. Auch nicht aus Furcht, vor Ärger und Unruhen. Und falls Extremisten dann tatsächlich hierzulande ausflippen sollten, dann ist das ein Fall für die Polizei. Das ist vielleicht unbequem, aber so sollte das nun mal laufen in einer echten Demokratie.

Stefan Winterbauer

18.09.2012
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  • 20.09.2012 “Mohammed-Video weiterer Witze kaum wert”

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