Am Dienstag erschien im Community-Ressort von Freitag.de ein Artikel mit der Überschrift “Bild-Chef Kai Diekmann geht über Leichen”. Der Artikel, der einige Falschbehauptungen enthielt und eine alte Kontroverse um Fotos von bei einem Bus-Unglück in der Schweiz getöteten Kindern aufkocht, wurde von Freitag.de mittlerweile offline gestellt. Dahinter steckt ein Web-Phantom, das mindestens seit 2008 durch Netz geistert und mit dubiosen Fake-Firmen Berichte veröffentlicht.
Zunächst einmal ist der Text, der am 3.7. 2012 um 16.40 Uhr im Community-Ressort bei Freitag.de erschienen ist, ein Lehrstück dafür, wie schnell sich Texte und Inhalte ungefiltert im Internet verbreiten können und so auch schnell in klassischen Medien Nachhall finden. Ein Nutzer, der sich Sean Quentin Dexter nennt, hat den Text bei Freitag.de eingestellt. Am nächsten Tag wurde er vom Medien-Aggregator Turi2.de aufgegriffen und verlinkt. Freitag-Chefredakteur Philip Grassmann hat sich mittlerweile die Veröffentlichung bedauert und den Text von der Website runternehmen lassen. Auch Turi2.de hat umgehend eine Korrektur veröffentlicht.
Aus der Welt ist der Text mit den Falschbehauptungen damit aber noch lange nicht. Der Artikel erschien nicht nur bei Freitag.de, sondern wurde in Minutenabständen auch bei diversen anderen Websites eingestellt, die dem so genannten Bürgerjournalismus ein Forum bieten. So bei der Readers Edition, bei MeineStadt.de oder bei Indymedia.org. Man findet den Text derzeit noch mit kleinen Variationen an vielen Orten im Netz.
In dem Text mit der Überschrift “Bild-Chef Kai Diekmann geht über Leichen” geht es um einen WDR-Beitrag vom 16. April 2012 zum 60. Geburtstag der Bild-Zeitung. Darin war u.a. Thema, dass Bild am 16. März 2012 auf der Titelseite Fotos von Kindern zeigte, die bei einem schrecklichen Bus-Unglück in der Schweiz getötet wurden. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann sagt in dem WDR-Film, dass Bild die Erlaubnis hatte, die Fotos zu zeigen. Der WDR konterkariert dies mit der Aussage der Pressesprecherin des Bürgermeisters der belgischen Stadt Lommel, aus der die Kinder stammten, dass es keine solche Erlaubnis gegeben habe. Für den WDR-Film war das eine Art kritische Schlusspointe, die leider so nicht stimmte.
Die Bild konnte gegenüber dem Deutschen Presserat nachweisen, dass es eben doch eine Genehmigung gab. Auch das Bildblog berichtete darüber und zitiert den Presserat: “Wir haben uns im Zuge der Beschwerde mit dem belgischen Presserat (Raad vor de Journalistiek) in Brüssel in Verbindung gesetzt und von dort erfahren, dass nach deren Erkenntnis es von Seiten der Stadtverwaltung den Journalisten tatsächlich genehmigt worden war, in dem Gedenkraum zu fotografieren.” Diese eigentlich alte Geschichte wurde von Sean Quentin Dexter bei Freitag.de wieder hochgekocht und so dargestellt, als sei Diekmann durch den WDR-Beitrag “der Lüge überführt”.
Wer ist dieser Sean Quentin Dexter und warum stellt diese Person einen solchen Text gleich bei mehreren Portalen fast gleichzeitig online? Begibt man sich auf Spurensuche dreht man sich schnell im Kreis zwischen diversen Pseudonymen und offenbar gefakten Firmennamen. Als Webadresse bei Freitag.de und anderen Seiten hat Sean Quentin Dexter die Website quentindexter.info angegeben. Diese Adresse führt zu weiteren Artikeln Dexters bei der “Deutschen Online Presse Agentur”, ein weiterer Web-Dienst, bei dem jeder seine Texte veröffentlichen kann - auch der Diekmann-Text ist dort eingestellt. Darüber hinaus schreibt er auch über TV-Themen wie den Wechsel von Thomas Gottschalk zu RTL oder ARD-Fußballkommentator Mehmet Scholl.
In den Texten zur Bild-Zeitung wird immer wieder unter verschiedenen Web-Adressen ein YouTube-Video verlinkt, das vom TV abgefilmt die entsprechende Stelle aus dem WDR-Bericht zeigt, angeblich als “Beweis” für die Lüge des Bild-Chefs. Eine dieser Webadressen verweist auf eine angeblich Firma namens TeleNewsNet.com, eine “Division of Cross & Fox News” mit Sitz in London. Auf Burdas Autorenportal Suite101 hat Sean Quentin Dexter auch ein Autorenprofil, dort gibt er an 1978 in London geboren zu sein.
Ruft man bei der Kölner Nummer der TeleNewsNet.com an, läuft ein Anrufbeantworter. Ebenso beim englischen “Mutterkonzern” Cross & Fox News, der sich am Telefon als “PP News” meldet. “PP News”? 2008 hatte die selbst ernannte “britische Recherche-Agentur PP News” auf ähnliche Weise wie aktuell den Diekmann-Text eine Geschichte im deutschen Web verbreitet, wonach der Berliner DJ Tomekk die Bild-Zeitung wegen Volksverhetzung verklagen wolle, weil diese ein Foto von ihm manipuliert haben soll. Die reichlich verdrehte Geschichte wurde angeblich von einem “Team um Recherche-Spezialist Vince Byron” aufgedeckt. “Leserfragen” seien zu richten an einen gewissen Sean Quentin Dexter. Fast überflüssig zu sagen, dass die Telefonnummern von PP News (übrigens laut alten E-Mail Anhängen eine “Division der Global Broadcast Ltd.”) und TeleNewsNet (Deutschland Vertretung: Trevor Barnes) identisch sind. Die Web-Adressen von PP News indes funktionieren nicht mehr.
Whois-Anfragen im Netz nach den Eigentümern der vielen Domains der Investigativ-Experten “Sean Quentin Dexter”, “Vince Byron” oder “Trevor Barnes” werden mit Hilfe von Software anonymisiert. Offenbar kennen sich die investigativen Bürgerjournalisten gut aus im Internet - und haben auch ein gewisses Gespür dafür, wie Medien funktionieren. Das Streuen von Firmennamen, die alle stets irgendwie international und agenturmäßig klingen, das Einstellen und Querverlinken von identischen, nur leicht abgewandelten Texten führt dazu, dass bei oberflächlicher Online-Recherche der Eindruck von Authentizität entstehen kann.
Für Freitag-Chefredakteur ist die Panne mit dem Diekmann-Text kein Grund, das Konzept der offenen Freitag-Community in Frage zu stellen. “Wir wollen auf Freitag.de eine lebendige Debatte, die man abwürgen würde, wenn man jeden Beitrag erst prüft und dann freischaltet”, sagte er gegenüber MEEDIA. In den dreieinhalb Jahren der Freitag-Community sei die Zahl der Beiträge, die offline gestellt werden mussten, sehr niedrig gewesen. “Das Diekmann-Stück ist ein Ausreißer, wie er bisher ein bis zwei Mal im Jahr vorgekommen ist”, so Grassmann.
Falls noch jemand einen Beweis suchen sollte, dass Bürger-Journalismus kein Ersatz für professionellen Journalismus sein kann - den Beweis liefert Sean Quentin Dexter, das Web-Phantom.
In einer früheren Fassung dieses Textes war von einem "NDR-Film" die Rede. Der Filmbeitrag über die Bild-Zeitung, von dem hier die Rede ist, stammt aber vom WDR. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
Letzte Kommentare
06.07.12 02:27
Dai kiekmann
"Falls noch jemand einen Beweis suchen sollte, dass Bürger-Journalismus kein Ersatz für professionellen Journalismus sein kann - den Beweis liefert Sean Quentin Dexter, das Web-Phantom."
Sollte es nicht heißen:
Falls noch jemand einen Beweis suchen sollte, dass professioneller Journalismus kein Ersatz für bürgerliche Kontrolle sein kann - den Beweis liefert Kai Diekmann, das Bild-Phantom.
Nun ausgerechnet für Bild die Lanze des professionellen Journalismus zu brechen, ist doch verlogene Heuchelei.
Check doch mal Niggemeier zum Thema "professionellen Journalismus"!
Neben Bild sind doch auch andere, öffentlich-rechtliche als auch private Medien Falschinformationen aufgesessen. Hitler-Tagebücher schon vergessen?
Und Kampagnen-Journalismus gab es auch nie aus der "professionellen" Ecke? Haha.
Wo kommen denn heutzutage die Themen her? Aus Blogs!
Aktuell wundere ich mich, dass kein großes Blatt die Änderungen zum Meldegesetz thematisiert hat. Kocht in den Blogs schon. Eine Frage der Zeit, bis das Thema den Mainstream erreicht. t
05.07.12 14:22
Wissen schöpfen
taz deckte letztes Jahr doch auf, wie einfach man PR-Texte redaktionell unterbringen kann.
Ehre, Anstand, Gesundheit, Fleiss und Ehrlichkeit kann man nicht kaufen.
Preisdruck macht Qualitätsdruck. Also kriegt man nur oberflächliche Berichte oder durchgereichte Agenturmeldungen. Wenn die Zahl der Reporter weniger wäre, würden deren qualitativ besseren Berichte dann in mehreren Medien erscheinen und die Medien teilen sich die Kosten und der Journalist kriegt mehr Geld und das Volk bessere Leistung. Vollwert statt Mainstream-Zero-Kost.
Wenn ich Wikipedia oder Bürger-Plattformen bauen würde, könnte man alles belegen oder Gegenargumente und Belege daneben schreiben. Daswegen sind die Bildschirme so breit und rechts/links so viel Platz. Die Glaubwürdigkeit eines neuen Textes wäre 0% und würde (pro Text, pro Absatz, pro Satz, pro wort) bevotet steigen oder sinken können oder um relevante Zusatz-Informationen ergänzt werden. Die Gehaltlosigkeit vieler News erkennen viele Journalisten leider nicht. In den Kommentaren oder Foren gibt es dann oft relevanten Zusatzinformationen die im Artikel selber fehlen. Die Gruppe weiss mehr als der Einzelne. Also sollte man das Wissen schöpfen.
04.07.12 23:59
Ulf J. Froitzheim Web-Site
Wer GERNE falsche Informationen verbreitet oder Artikel "erfindet", ist kein richtiger Journalist, sondern Dichter oder Satiriker.
04.07.12 17:23
Philipp Joos
Thomas Bauer hebt den wichtigsten Punkt hervor: Ein dummer publicitygeiler Lokalpolitiker erlaubt das Foto und denkt gar nicht an Persönlichkeitsrechte. Und das wird als Vorwand benutzt, um Persönlichkeitsrechte der Opfer zu verletzen!
- Also, Leute, wenn Ihr mal was wirklich Scharfes, Säuisches, Ehrabschneiderisches über den Kai Diekmann habt: Fragt einfach jemand auf dem Rathaus, ob er was dagegen hat, dass das veröffentlicht wird!
04.07.12 15:41
Thomas Bauer Web-Site
Mir kommen ja fast die Tränen, was dem armen frisch geschorenen Unschuldslamm Kai D. böses angetan wird. Da wird doch tatsächlich noch einmal der Wolf unterm Pelz hervor gezogen…
Völlig einverstanden, Herr Winterbauer, dass "Bürgerjounalismus" oder auch einfach unfundierter, unprofessionell unethisch betriebener Pseudo-Journalismus verantwortlichen Journalismus nie verdrängen oder gar ersetzen darf.
Die Nichtverurteilung durch den Presserat als Absolution misszuinterpretieren ist allerdings wieder typisch S.W.. So schön recherchiert die Geschichte über das Phantom ist, erzeugt sie doch gleich ein neues: Die Tatsache, dass der Presserat keine Rüge ausgesprochen hat und den Journalisten absurderweise nicht verboten worden war, in den Raum zu fotografieren bedeutet ja noch keine Genehmigung, Bilder zu veröffentlichen, an denen Persönlichkeitsrechte hängen. Von der ethischen Frage darf man beim Liebling der meedia-Redaktion ja sowieso getrost absehen.
Was nicht strafbewehrt ist, ist deswegen noch lange nicht erlaubt. Siehe das aktuelle Urteil zur Beschneidungspraxis, bei der das Gericht die Körperverletzung erfüllt sah, den Arzt aber nicht verurteilte, da er das - kurz gesagt - nicht wissen musste.
Dass ein ausgebildeter Journalist aber den Unterschied zwischen der Möglichkeit zu fotografieren und dem Veröffentlichungsrecht inklusive dem Recht am Bild nicht kennt, das darf man wohl bezweifeln. Gängige Praxis (siehe oben) macht den Vorgang nicht legal, geschweige denn legitim.
Wenn Eltern der getöteten Kinder die Veröffentlichungs-Genehmigung einfordern würden,(die die Bild laut obigem Text angeblich hat), dann kann (muss nicht) das Urteil in einem Zivilprozess (Schadenersatz) völlig anders aussehen. Aber wer wird sich in seinem wichtigeren Schmerz auf diesen Kampf schon einlassen. Und so geht das Kalkül stets auf.
Bild dir deine Meinung, wer hier Täter und wer Opfer ist.