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Vorstandschef will runden Tisch mit 68er-Revoluzzern

Döpfner startet "Springer Tribunal 2009"

Die Meldung ist eine kleine Sensation: Der Springer-Verlag will sich mit den erbitterten Gegnern aus der Studentenbewegung der sechziger Jahre an einen Tisch setzen. Die Leitfiguren der 68er-Proteste sollen im Oktober bei einem „Springer Tribunal“ in der Berliner Verlagszentrale über die Rolle der Springer-Blätter und über die Rebellion sprechen. „Wir möchten wissen, wie es damals wirklich war“, erklärte Vorstandschef Mathias Döpfner: "„Uns ist bewusst, dass unser Haus seinerzeit Fehler gemacht haben."

Die Idee, das von den Studenten Ende der 60er Jahre geforderte Springer-Tribunal praktisch umzukehren und selbst zu veranstalten, zeugt vom Selbstbewusstsein des Vorstands und seines ersten Journalisten Thomas Schmid. Dieser war in jener Zeit Teil der Protestbewegung, machte in den Folgejahren eine Kehrtwendung zu einer konservativen Grundhaltung und gilt heute als einflussreichster Blattmacher und Kommentator im Konzern.

Die öffentliche Anhörung war vor mehr als 40 Jahren eine Variation des Vietnam Tribunals, das sich mit der Aufdeckung der Rolle der USA in dem Krieg befasste. Die publizistische Macht Springers und deren gesellschaftliche Rolle war eines der am heißesten diskutierten Themen der Konflikte zwischen Studenten und Establishment. Führende Köpfe der Verlagsszene wie Rudolf Augstein oder Gerd Bucerius sympathisierten mit den Protestlern, hielten das Konzept eines Tribunals aber für grundlegend falsch und unterstützten dies ausdrücklich nicht.

Der Springer Verlag veröffentlichte am Donnerstag folgende Erklärung, die MEEDIA im Wortlaut dokumentiert:

„Berliner Presse und Senat haben in hysterischen Reaktionen in den letzten Wochen bewiesen, dass sie einer politischen Diskussion nicht gewachsen sind“, hieß es in einem Flugblatt der Studentenvertretung der Technischen Universität Berlin vom Februar 1968 als Begründung für die Absage des „Springer-Hearings“, das auch als „Springer-Tribunal“ konzipiert war.

Das Ziel dieser Versammlung war: die Rolle des Axel Springer Verlags zu analysieren, die Zeitungen des Hauses als Organe politischer Hetze zu entlarven und die Enteignung des Verlags voranzutreiben. Das Tribunal wurde am 9. Februar 1968 zwar eröffnet, dann aber sofort vertagt: „Es wird voraussichtlich zu einem späteren Zeitpunkt in einer anderen Stadt (vorgesehen ist Hamburg) fortgesetzt“, so die Organisatoren damals.
 
Dazu kam es bis heute nicht. Die Axel Springer AG bedauert das und will Abhilfe schaffen. Der Verlag lädt diesmal selbst zum „Springer-Tribunal" ein. Die Veranstaltung soll – sofern die damaligen Akteure der Einladung folgen – im Oktober 2009 stattfinden, und zwar in Berlin. Genauer: im Haus des Verlags.
 
Das „Tribunal“ wird über die Situation in Berlin um das Jahr 1968 herum debattieren und prüfen, welche Rolle die Blätter des Verlags Axel Springer, aber auch andere Publikationen und die Akteure der Studentenbewegung spielten. Zu dieser Debatte lädt der Verlag alle noch lebenden Beteiligten an der Vorbereitung des damaligen „Springer-Tribunals" ein. Außerdem werden Persönlichkeiten erwartet, die – auf welcher Seite auch immer – die Jahre um 1968 als Zeitzeugen erlebt haben. Ebenso einbezogen werden Autoren, die sich mit der Zeit publizistisch oder wissenschaftlich befasst haben.
 
Seit bekannt geworden ist, dass der Polizist, der am 2. Juni 1967 in West-Berlin den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, SED-Mitglied und Stasi-Mitarbeiter war, ist eine hitzige Debatte über die Ereignisse von damals entbrannt.
 
„Wir möchten wissen, wie es damals wirklich war“, sagte Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG. „Uns ist bewusst, dass unser Haus und unsere Blätter seinerzeit journalistische Fehler gemacht haben. Wir haben dies in der Vergangenheit zugegeben und tun dies auch heute. Wir werden nichts vertuschen. Wir wünschen uns das allerdings auch von jenen, die bis heute unbeirrt an den alten Gewissheiten und Mythen festhalten. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam, die damalige Zeit besser zu verstehen."
 
Döpfner sagte weiter: „An aufmerksamer Anteilnahme und Unterstützung der Vorbereitung des „Tribunals“ durch andere Verlagshäuser hat es damals nicht gefehlt. Das wünschen wir uns auch diesmal. Besonders freuen würden wir uns, wenn diejenigen Wettbewerber, die seinerzeit finanziell so großzügig waren, auch diesmal wieder einen kleinen Obolus zur Unkostendeckung entrichten würden.“
 

02.07.2009

    Letzte Kommentare

    Anzeige: 1 - 2 von 2

    02.07.09 13:51

    Michael Fass

    Die heutigen Protagonisten der damaligen und heutigen Springer Ideen versuchen einen PR Trick. Das Springer Tribunal war als Massentribunal angelegt, sollte der Analyse und Aufklärung dienen. Jetzt lädt Herr Döpfner in sein Verlagsgebäude einige Leutchen, die als 68er bezeichnet werden oder sich bezeichnen. Der Quatsch wird dann breitgetreten.

    Ob Kurras SED Mann war oder nicht spielt bei der Bewertung der Ereignisse keine Rolle! Der regierende Bürgermeister H. Alberts hat die Demonstranten in die Leberwurstfalle gelockt (als alter Mann hat er sich entschuldigt) und verprügeln lassen. Irgendwann hat dann Kurras geschossen, die Situation, dass er schießen konnte haben andere bereitet. Weiter: Die Berliner Justiz hat in einem lächerlich anmutenden Prozess Kurras freigesprochen. Er war ja als SED-Mann nicht enttarnt und nur ein lieber West-Polizist.

    Im übrigen war die 68er Bewegung weltumspannend, erfasste Millionen.
    In Paris war der Umsturz nicht fern, in Mexiko schossen die Herrschenden mit Panzern auf die Studenten... Kurras war weder hier, noch da, noch in der BRD Auslöser.

    Niemand darf sich etwas vormachen. Die Springerpresse von heute versucht sich reinzuwaschen. Die SED-Wurst Kurras kommt gerade recht.
    Aber: Agents provocateurs gab es schon immer. Auch heute sind sie im Auftrag der Geheimdienste mit dabei. Natürlich demonstrieren CIA-Leute im Iran, natürlich laufen bei Anti AKW Demonstrationen "Polizisten" mit.
    Und manchmal lösen sie auch "etwas" aus., "was sich gut macht" und so nicht in der Presse gestanden hätte.

    Hoffentlich findet sich niemand, der der Einladung der Springer-Leute folgt!

    02.07.09 12:55

    Hermann Breismayr

    Was da wohl dahinter steckt? Der aufrichtige Wunsch, die Vergangenheit aufzuarbeiten und Wiedergutmachung zu leisten? Der verzweifelte Versuch aus dem Fall Kurras doch noch politisches Kapital zu schlagen? Oder einfach nur eine pfiffige PR-Aktion?
    Wenn Döpfner und Schmid es ernst meinen, sollten sie erstmal BILD von Blut, Schleim und Sperma befreien - wer im Heute nichts ändern will, kann sich das intellektuelle Rumdoktorn an der Vergangenheit getrost sparen.

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