Jeden Tag macht YouTube nach konservativen Schätzungen 1,3 Millionen Dollar Verlust: Das Videoportal könnte für Google trotz aller Anstrengungen bei der Vermarktung ein extrem teures Hobby bleiben. Allerdings kann der Netz-Gigant hier nicht einfach den Stecker ziehen wie in vielen anderen Fällen – Youtube ist so unlösbar in die Kultur des Internets eingewoben und so unverzichtbar als audiovisuelles Weltarchiv, dass im Notfall eigentlich die UNESCO einspringen müsste.
Man kann die Entgeisterung von Eric Schmidt auch in der schriftlichen Fassung förmlich vor sich sehen: Im großen Interview der "Financial Times" wird der Google-Chef trocken gefragt, ob es nicht höchste Zeit sei, bei YouTube das Handtuch zu werfen und die Investitionen – darunter die 1,65 Milliarden Dollar Kaufpreis aus dem Jahr 2006 – in den Wind zu schreiben. Schmidt vergewissert sich kurz der Ernsthaftigkeit der Frage ("who would suggest that?"), um dann zu versichern, YouTube sei ein enormer Erfolg, erreiche ein globales Publikum und werde irgendwann schon ein schönes Geschäft werden.
Der Erfolg beim globalen Publikum ist unbestreitbar, das Geschäft allerdings zweifelhaft. Das Videoportal, das möglicherweise zehn Prozent des gesamtem Internet-Traffics verursacht, ist fortwährend in Lizenzstreitigkeiten mit Musikfirmen und anderen Rechteinhabern verstrickt, experimentiert mit Werbeformen in- und außerhalb der Videos, die die Nutzer hassen, und muss enormen Aufwand zur Pflege und Überwachung der hochgeladene Inhalte treiben. In jeder Minute 15 Stunden neuer Inhalte – das einzige, was bei YouTube zuverlässig steigt, sind die Kosten.
Da wundert es kaum, dass YouTube in einer ziemlich humorlosen Liste des "Time Magazine" auftaucht, die die zehn größten Technologie-Fehlschläge der letzten Dekade auflistet – gemeinsam mit Randerscheinungen wie Microsofts Zune und Rohrkrepierern wie dem skurrilen Rollgerät "Segway". Die Begründung ist rein ökonomisch: YouTube müsse seine Einnahmen verdreifachen, um auch nur auf null zu kommen; die Seite sei riesig, aber kein Erfolg.
Dass der Ertrag kein kurzfristig wichtiges Kriterium ist, macht Eric Schmidt erfreulich deutlich: "Wir lieben YouTube und denken nicht daran, es aufzugeben." Bei stabilen Quartalsgewinnen in der Nähe von 1,5 Milliarden Dollar kann sich die wertvollste Firma des Planeten das auch leisten.
Tatsächlich haben YouTube-Videos die Alltagskultur des Internets so stark geprägt wie sonst nur Google selbst, Wikipedia und die großen sozialen Netzwerke: Millionenfach in Blogs und Webseiten eingebunden, milliardenfach in jedem Monat genutzt. Ein anarchisch gewachsenes Welt-Archiv für Ton-, TV- und Film-Dokumente war YouTube schon zum Zeitpunkt der Google-Übernahme 2006; kein später gegründetes Portal von TV-Sendern oder Filmfirmen kann und will da konkurrieren. Wenn die UNESCO ihre Sorge um das Weltkulturerbe ernst nimmt, müsste sie den YouTube-Bestand eigentlich sofort übernehmen.
Wahrscheinlicher ist eine Lösung, die bei Schmidt durchklingt: YouTube bleibt Googles Geschenk an die Menschheit.
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