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Stefan Groß-Selbeck im MEEDiA-Interview

Xing-Chef: Die Leute brauchen uns

Die Zeit der öffentlichen Zurückhaltung ist vorbei: Anfang des Jahres beerbte Stefan Groß-Selbeck Xing-Gründer Lars Hinrichs. Jetzt ist der neue CEO des Businessnetzwerkes eingearbeitet und bereit, über seine Strategie zu reden. Im MEEDIA-Interview verrät der frühere Ebay-Deutschland Chef, dass er Xing für Drittanbieter öffnen will und dass Xing kein Übernahmekandidat ist. Darüber hinaus hält er es für sinnvoll, dass man bald „nicht nur nach Personen, sondern auch nach Unternehmen suchen kann“.

Sie waren lange Deutschland-Chef von Ebay. Was ist größte Unterschied zwischen der Auktions-Plattform und Xing?
Der offensichtlichste Unterschied ist, dass Ebay heute ein reiferes Unternehmen als Xing ist. Allerdings, als ich Ebay-Chef wurde, machte die Company weltweit weniger Umsatz, als heute alleine in Deutschland. Xing dagegen ist ein erfolgreiches  Unternehmen, das sich in einem noch relativ jungen Wachstumsmarkt Dank eines skalierbaren Geschäftsmodells noch enorme Wachstumspotenziale erschließen kann.  
Nach dem globalen Konzern Ebay, jetzt das weit kleine und jüngere Xing. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeitsweise?
Die ist relativ gleich geblieben. Wenn ich aber mit den Entwicklern  sprechen will, muss ich nicht in Kalifornien anrufen, sondern nur ein Stockwerk nach oben gehen und kann so Kundenwünsche  einfacher in die Weiterentwicklung unseres Business-Networks einbringen.

Lässt Lars Hinrichs Sie in Ruhe ihre Arbeit machen oder mischt er sich noch häufig ins Tagesgeschäft ein?
Das ist die aktuelle Klassiker-Frage. Aber ich beantworte sie natürlich sehr gern.

Bitte.
Schon lange vor einem Engagement bei Xing, beeindruckte mich Lars Hinrichs mit seiner Professionalität. Seit seinem Wechsel in den Aufsichtsrat ist der Respekt sogar noch gewachsen. Wir sprechen natürlich viel miteinander. Aber aus dem Tagesgeschäft hält er sich komplett raus. Ich bin mir sicher, dass fällt ihm nicht leicht, er hat schließlich diese Firma aufgebaut. Aber er verhält sich wirklich vorbildlich.

Wie ist Xing aktuell aufgestellt?

Sehr gut. Unser Kerngeschäft wächst und ist hochprofitabel. Dazu haben wir wohl eine der aktivsten Communitys im ganzen Web. Mir war das bis vor kurzen auch noch nicht so klar.  Alleine im vergangen Jahr haben unsere Mitglieder über 50 Tausend Xing-Treffen für andere Mitglieder  organisiert. Offline wohlgemerkt. Und daran haben fast eine halbe Millionen Menschen  teilgenommen und sich persönlich kennen gelernt. Ein gutes Beispiel dafür, wie unsere Community sich selbst aktiviert. Unsere Herausforderung ist, ihnen dafür stets die bestmöglichen Tools zur Seite zu stellen.

Sie sagten gerade, dass Geschäft wächst. Wo wollen mittelfristig am stärksten weiterwachsen?
In Deutschland, Österreich und in der Schweiz sind wir mit drei Millionen Mitgliedern klarer Marktführer beim Business-Networking und hier sehen wir nach wie vor enormes Marktpotenzial. Darüber hinaus haben wir bereits mehr als vier Millionen Mitglieder. Beim internationalenwollen wir uns auf Europa konzentrieren.


Spielen Asien und Amerika also erst einmal keine Rolle?

Wir haben auch dort wachsende  Mitgliederzahlen, aber unsere Prioritäten sind die eben beschriebenen.

Wie stark spürt Xing die Wirtschaftskrise? Müssen sie sparen, gar Mitarbeiter entlassen?

Nein. Jedes gut geführte Unternehmen muss sein Geld natürlich zusammenhalten. Aber wir sind in einer komfortablen Position. In schwierigen Zeiten werden Kontakte und Networking für viele Menschen im Berufsleben immer wichtiger. Davon profitieren wir.

Lars Hinrichs sagte im Herbst: Wir sind ein Gewinner der Krise. Gilt das noch immer?
Ich mag das Wort Krisengewinner nicht. Deshalb sage ich: In der aktuellen Situation nutzen und brauchen mehr Leute denn je unser Angebot.

Einige Experten glauben, dass einer der Krisen-Verlierer die klassischen Jobportale sein werden, weil immer mehr Job-Angebote und –Gesuche in die Business-Netzwerke abwandern.
Das vermag ich nicht zu beantworten. Aber Fakt ist, wir haben heute bereits über 40.000 Mitglieder, die aus dem Bereich Recruiting kommen. Das  eine Plattform wie Xing mit über 7 Millionen berufstätigen Mitgliedern für ihre Arbeit immer wichtiger wird, ist naheliegend. Wir wollen jedoch tatsächlich bald diese Experten mit vielseitigeren Tools noch besser bei ihrer Arbeit unterstützen.

Wie sieht Ihre Strategie für die nächsten Monate aus. Wird sich Xing öffnen oder setzten sie auf eine geschlossene Plattform à la VZ-Gruppe?
Ganz wichtig ist für uns das Thema Innovation. Hier setzen wir auf zwei Schwerpunkte. Erstens, sind wir von Beginn an Mitglieder der Open Social-Initiative  und werden im Zuge dessen unsere Plattform im zweiten Quartal für die Angebote und Service Dritter öffnen und so an Innovationsgeschwindigkeit gewinnen. Zweitens ist es mir sehr wichtig, dass wir einen noch aktiveren  und offeneren Kommunikationsstil mit unserer Community entwickeln. Das heißt nicht, dass ich jetzt jeden Morgen über mein aktuelles Wohlbefinden zwitschere, aber wir arbeiten an verschiedenen Möglichkeiten noch viel mehr mit unserer Community vor allem über die Weiterentwicklung von Xing zu Kommunizieren.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?
Gerne. So wollen wir neue Produkte und Tools unseren Nutzern nicht erst vorstellen, wenn sie ausgereift sind. Wir wollen unsere Community bereits in einen frühen Beta-Stadion beteiligen und um ihre Meinung zur praxisgerechten Verbesserung neuer Features bitten. Auch das wird uns sehr dabei helfen, unser Weiterentwicklung kundenorientierter Innovationen voranzutreiben.

Wie wird ihre letzjährige Neuerwerbung Socialmedian in Xing integriert?
Was wir mit  Socialmedian entwickeln, sind viele spannende Applikationen im News-Bereich. Die ersten Apps sind bereits bei unseren Mitarbeitern im Alpha-Testeinsatz.

Planen Sie weitere Zukäufe? Wenn ja, in welchen Bereich?
Wir schauen uns natürlich stets auch auf den Markt um. Im Moment bahnt sich aber nichts Konkretes an.

Ist Xing zu klein, um allein zu überleben?
Definitiv nein.

Könnten Sie sich vorstellen sich mit einem starken Partner z. B. einem großen Medienhaus anzuschließen?

Dieser strategischen Ausrichtung folgen wir nicht. Darauf arbeite ich nicht hin.

Spüren Sie schon die neue deutsche Konkurrenz von LinkedIn im Nacken?
Nein. Wir nehmen unseren amerikanischen Wettbewerber vor allem international natürlich ernst. Aber eine deutsche Übersetzung der Plattform allein schafft keine aktive Community und Business-Networking macht vor allem dann Spaß, wenn sie ihre für sie relevante Zielgruppe auch tatsächlich erreichen und da haben wir uns vor allem im deutschsprachigen Raum innerhalb der letzten fünf Jahre einen sehr klaren Wettbewerbsvorsprung erarbeitet, denn wir übrigens nicht nur verteidigen, sondern weiter ausbauen wollen.

Welche Neuerungen sind in den nächsten Wochen geplant? Können Sie da
schon was verraten?

Nein, das möchte ich noch nicht. Was aber bei Xing natürlich Sinn machen könnte wäre, nicht nur nach Personen, sondern auch komfortabler nach Unternehmen suchen zu können. In dem Bereich dürfen unsere Mitglieder schon sehr bald eine Verbesserung erwarten.

Wie soll Xing in zwei Jahren aussehen?

Es ist schon schwer zu sagen, was in zwölf Monaten ist, und als Vorstand eines börsennotierten Unternehmen möchten wir natürlich auch erst dann etwas versprechen, wenn wir uns auch sicher sind, es halten zu können. Aber eins haben wir uns fest vorgenommen. Xing soll in zwei Jahren das europaweit aktivste berufliche Netzwerk sein.

25.03.2009
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